Justiz in der Krise

13. Oktober 2013 14:54; Akt: 13.10.2013 21:30 Print

Musste Adeline wegen Personal-Mangel sterben?

von J. Büchi - Fabrice Anthamatten konnte seine Therapeutin Adeline nur wegen eines Fehlers der Strafbehörden töten. Laut Kritikern ist fehlendes und unqualifiziertes Personal schuld daran, dass es zu solchen Fehlentscheiden kommen kann.

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Am ergab eine Administrativuntersuchung: Fabrice Anthamatten hätte nicht in eine Reittherapie gehen dürfen. Die Behörden hätten sich nicht an Verfahrenswege und Gesetze gehalten. Einen Tag später wurde die Direktorin des Therapiezentrums La Pâquerette suspendiert. Michel Peiry, genannt der «Sadist von Romont», war laut «Le Matin» im Gefängnis ein enger Vertrauter von Fabrice Anthamatten. Peiry hat in den 80ern mindestens fünf Buben und Teenager vergewaltigt, gefoltert und getötet. Einige von ihnen verbrannte der Sadist bei lebendigem Leib. Am 15. September hat Interpol Fabrice Anthamatten international zur Haft ausgeschrieben. Er hat wohl die Therapeutin Adeline M. entführt und umgebracht. Noch am gleichen Tag wird er an der deutsch-polnischen Grenze verhaftet. Vorher lieferte er sich eine spektakuläre Flucht. Bewaffnete Polizisten stehen am 13. September .2013 bei einem Grosseinsatz auf der Suche nach dem Vergewaltiger und mutmasslichen Mörder vor dem Alten Zollhaus in Weil am Rhein (Baden-Württemberg). Die Spur des 39-jährigen Häftlings hat sich am Bahnhof in Weil am Rhein verloren. Gemäss dem jüngsten Bericht der «Badischen Zeitung» ist Anthamattens Aufenthaltsort unbekannt, wahrscheinlich hat der die Dreiland-Region um Basel verlassen. Er konnte sich wohl per Zug absetzen, seine Fahrtrichtung ist jedoch noch unklar. Am 13. September 2013 fand die Polizei den Leichnam der Sozialtherapeutin Adeline Morel im Bois d'Avault bei Versoix. Der Körper der Frau steckte in einem Sack. Die Suche nach dem mutmasslichen Täter läuft auf Hochtouren. Laut diversen Medien führt die Spur nach Norden. So soll das Handy von Adeline Morel in Basel geortet worden sein. Darauf suchten Schweizer Polizisten in einem Helikopter der deutschen Polizei mit einer Wärmebildkamera nach dem Flüchtigen. Auch deutsche Medien melden Suchaktionen. So soll im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt in Genf im südbadischen Weil am Rhein ein Haus durchsucht worden sein. Gegen 11 Uhr morgens am Donnerstag verschwand Adeline Morel während eines begleiteten bewilligten Freigangs. Die Frau ging nicht mehr ans Telefon. Die beiden waren in einem weissen Citroën Berlingo mit dem Kennzeichen GE 719 149 unterwegs. Adeline Morel ist 170 gross, von normaler Statur. Sie hatte die Haare zuletzt offen und trug Hosen, eine beige Jacke und einen Pullover. Sie hat eine Handtasche bei sich. Der verdächtige Häftling heisst Fabrice Anthamatten, ist 181 gross, mit rasiertem Kopf. Er ist Brillenträger. Er trug zuletzt eine blaue Jacke, braune Cargo-Hosen und eine schwarze Mütze.

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Fehler gesehen?

Dunkle Wolken über dem Therapiezentrum «La Pâquerette» in Genf: Nachdem ein Untersuchungsbericht ergeben hatte, dass Vergewaltiger Fabrice A. seine Therapeutin Adeline nur wegen Fehler der Strafbehörden töten konnte, wird grundlegende Kritik an der Schweizer Justiz laut.

Nur allzu präsent sind der Öffentlichkeit die Fälle Marie und Lucie. All diesen Dramen ist eines gemein: Der Vollzug hat versagt. Die Frage drängt sich auf: Weshalb? SP-Nationalrätin und Rechtsanwältin Margret Kiener Nellen will die Antwort kennen. Schuld sei der Mangel an qualifizierten Fachkräften. «In der Praxis sehe ich, dass es in der forensischen Psychiatrie zunehmend an qualifizierten Gutachtern mangelt», so Kiener Nellen. Auch gutes Betreuungspersonal werde knapper. «Das ist ein grosses Problem.»

Bereits seien Fachkräfte aus dem Ausland – etwa aus Deutschland – geholt worden. «Dort tun sich aber wieder neue Probleme auf, etwa in Bezug auf die Sprache.» Sehr oft müssten Dolmetscher engagiert werden, damit der Gutachter die zu Begutachtenden überhaupt genau verstehe. «Das kostet zusätzliche Ressourcen.» Kiener Nellen betont, es handle sich um eine sehr heikle Aufgabe, bei der die Anforderungen hoch seien.

Lohn und Verantwortung als Grund für Mangel

Thomas Noll, Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für das Strafvollzugspersonal (SAZ) bestätigt, dass bei den forensischen Psychiatern in der ganzen Schweiz ein Fachkräftemangel herrscht. «Es gibt zu wenig Gutachter – und insbesondere zu wenig qualifizierte». Noll macht zwei Ursachen für den Mangel verantwortlich: «Von allen Ärzten sind Psychiater zusammen mit den Kinderärzten die, die am wenigsten verdienen. Bei den forensischen Psychiatern, die Gutachten erstellen, kommt noch die extreme Verantwortung hinzu.» Die Faktoren Lohn und Verantwortung machten den Beruf für viele Fachleute unattraktiv.

Entgegenwirken könnte man dem Mangel laut Noll einerseits, indem man am Lohn schraubt. Andererseits fordert er eine Ausbildungsoffensive: «Nicht nur die Psychiater, sondern auch Strafrichter oder Gefängnisdirektoren müssen vermehrt geschult werden.» Ziel müsse es sein, dass ein Strafrichter selbst beurteilen kann, ob ein Gutachten von guter oder schlechter Qualität ist – und ob er sich bei seinem Urteil entsprechend darauf stützen kann.

Auch das Aufsichtspersonal in den Gefängnissen sei teilweise knapp, sagt Noll weiter. Da sei die Situation jedoch von Kanton zu Kanton verschieden. Insbesondere dort, wo viele neue Gefängnisplätze geplant seien, werde die Rekrutierung von neuem Personal zu einem Problem. Die Rekrutierung von Fachkräften im Ausland bezeichnet er als «Notlösung». Wie in anderen Bereichen aus der Medizin sei dies auch in der forensischen Psychiatrie oft der einzige Weg, genügend Personal zu finden.

«Hier darf nicht gespart werden»

Margret Kiener Nellen will den Fachkräftemangel im Rahmen der Rechtskommission thematisieren, sobald ein Bericht des Bundesrates zur Überprüfung des Straf- und Massnahmenvollzugs vorliegt. Viola Amherd, auf deren Postulat der bundesrätliche Bericht zurückgeht, stimmt ihr zu: «Zu einem allfälligen Fachkräftemangel müsste der Bericht eigentlich Zahlen liefern.» Und auch SVP-Nationalrätin Natalie Rickli sieht Handlungsbedarf: «Ich hoffe, dass der Bundesrat dieses Thema im Bericht aufgreift.» Die Anzahl Gutachter, die sich um einen Fall kümmern, müsse tendenziell eher noch erhöht werden, fordert Rickli. «Sicherheit ist die oberste Aufgabe des Staates. Hier darf auf keinen Fall gespart werden.»

Beim Bundesamt für Justiz verweist man, angesprochen auf die Defizite im Vollzug, auf den Bericht des Bundesrates. Für die Frage des Fachkräftemangels seien die kantonalen Behörden zuständig.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chris Seon am 13.10.2013 15:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erfindungen

    Was man nicht alles erfindet, um die Leute die falsche Entscheidungen getroffen haben zu schützen.

  • Heinrich Zimmermann am 13.10.2013 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    Aufgeblasene "Elite"

    Ist ja klar jetzt winden sich alle, vor allem die Justiz, die selbstherrliche Elite im Staat, die an sich nie Verantwortung zu uebernehmen braucht. Ich stelle anhand vieler Kommentare von Kollegen fest, dass Justiz verkommen ist. Da muss man mal rigoros aufraeumen. Dieses aufgeblasene Blablabla der Jus Leute hab ich einfach satt.

  • Susanne am 13.10.2013 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Schade um das Geld

    Dann hört endlich auf mit dem "therapieren", die sollen ihre Strafe absitzen und basta und "lebenslang" soll auch "lebenslang" sein! Damit spart man Geld und Zeit. Psychiater brauchen sowieso selber einen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • René Klemensberger am 14.10.2013 10:33 Report Diesen Beitrag melden

    Sicher kein Personalmangel!!!

    Wenn Personalmangel gewesen wäre, hatte niemand den Mörder in die Therapie begleiten können. Denn eine Therapie ist nicht Lebenswichtig wie eine Spitaleinlieferung. Zudem auch nicht so gefährlich.

  • Andro_Meda am 13.10.2013 19:24 Report Diesen Beitrag melden

    rigoros sparen

    Sparflamme wär, "Anstalten" ousourcen, zB. nach Afrika, dort bezahlen was nötig ist (gibt dort Arbeitsplätze) - und endlich aufhören, die Täter zu verzärteln und -hätscheln!

  • Susanne am 13.10.2013 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Schade um das Geld

    Dann hört endlich auf mit dem "therapieren", die sollen ihre Strafe absitzen und basta und "lebenslang" soll auch "lebenslang" sein! Damit spart man Geld und Zeit. Psychiater brauchen sowieso selber einen!

  • Thomas Keller am 13.10.2013 15:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Gesetze existieren

    Man muss nur die Gesetze richtig einhalten . Ein Gefängnis darf kein Ferienlager mehr sein. Keine Reittherapie , Wellnesswochen etc. Einsperren , bestrafen und nötigenfalls alle medizinische Möglichkeiten ausschöpfen , das die Täter keine Gelegenheit mehr bekommen ein weiteres Opfer zu verschulden.

  • Al Bundy am 13.10.2013 15:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    verantwortlich

    Die Verantwortlichen sollten zur Rechenschaft gezogen werden und zumindest von ihren Ämtern enthoben werden.