«Taktische Einsatzmedizin»

09. Januar 2018 05:43; Akt: 09.01.2018 05:43 Print

Polizisten üben Erste Hilfe für Terror-Anschläge

von Stefan Ehrbar - Seit kurzem werden Zürcher Polizei-Aspiranten für Sanitäts-Einsätze bei Terroranschlägen geschult. Andere Korps folgen dem Beispiel.

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Wenn Polizisten ausrücken, sind sie häufig vor den Sanitätern am Ort des Geschehens. Dann leisten sie Erste Hilfe, bis diese übernehmen. Nun bereiten die Kantons- und die Stadtpolizei Zürich ihre neuen Mitarbeiter auf Situationen vor, in denen sie länger auf sich gestellt sind.

Seit Ende 2017 werden die Aspiranten der Zürcher Polizeischule an der Höheren Fachschule für Rettungsberufe in «Taktischer Einsatzmedizin» ausgebildet. «Damit wird auf die vielen Terrormeldungen aus dem Ausland reagiert», heisst es im Mitarbeitermagazin von Schutz & Rettung Zürich (SRZ), der Betreiberin der Schule.

«Aufs Lebenswichtige reduziert»

Bei der taktischen Einsatzmedizin gehe es um «aussergewöhnliche Situationen mit erhöhter Bedrohung». Mehrere lebensgefährlich verletzte Personen, die sich in einer Gefahrenzone befinden, gehörten ebenso dazu wie ein möglicherweise noch anwesender Täter und eine unklare Lage.

In diesen Fällen kämen etwa Tourniquets zum Einsatz – Geräte zur Blutstillung, die auch in der Kriegsmedizin eingesetzt werden. Alles müsse schnell gehen. Zudem müsse die Polizei Verletzte und eigene Leute aus der Gefahrenzone bringen und über längere Zeit als sonst die Erste Hilfe übernehmen. Die Prioritäten seien anders: «Die Erstversorgung wird auf das Lebenswichtigste reduziert.»

Schussverletzungen richtig versorgen

Taktik sei nicht Teil dieser Ausbildung, sagt SRZ-Sprecherin Monika Keller. Die Dozierenden vermittelten, wie lebensbedrohliche Extremitäten-Blutungen gestillt werden könnten und wie Schuss- und Stichverletzungen am Brustkorb richtig versorgt würden.

Die Zürcher Polizeischule ist nicht die einzige, die sich auf Terror-Angriffe vorbereitet. An der Polizeischule Ostschweiz ist angedacht, ein entsprechendes Ausbildungsmodul ab 2019 oder 2020 in den bestehenden Sanitätsunterricht einzubinden, wie Direktor Marcos Kradolfer sagt.

«Einsätze mit Personenschäden»

An der Polizeischule Hitzkirch, die Aspiranten aus 11 Kantonen ausbildet, soll taktische Einsatzmedizin ab 2019 in einem ersten Ausbildungsblock unterrichtet werden, sagt der stellvertretende Direktor Harry Wessner. Die Ausbildung könne einerseits in Situationen genutzt werden, in denen der Rettungsdienst noch nicht vor Ort sei und Polizisten rasch helfen müssten.

Andererseits gehe es um Sonderlagen, bei denen der Rettungsdienst aus Sicherheitsgründen nicht eingesetzt werden könne. Dazu gehörten etwa Einsätze mit Spezialformationen, bei denen mit Personenschäden zu rechnen sei. «Wir wollen, dass die Polizisten wissen, wie sie dann reagieren müssen», sagt Wessner.

«Fazit äusserst positiv»

Während die taktische Einsatzmedizin Einzug in die Polizeischulen hält, bilden einzelne Korps bestehende Mitarbeiter selbst aus. Die Kantonspolizei Zürich habe 2017 sämtlichen Frontdienstmitarbeitern Grundlagen im Zusammenhang mit taktischer Einsatzmedizin vermittelt, sagt Sprecher Werner Schaub. Sie würden dieses Jahr in einem erweiterten Ausbildungsmodul vertieft. Die Stadtpolizei Zürich schult ihre Mitarbeiter an der Front seit mehreren Jahren in taktischer Einsatzmedizin. «Das Fazit ist äusserst positiv», sagt Sprecherin Judith Hödl.

Die Kantonspolizei Bern habe im Frühling 2016 die Aus- und Weiterbildung insbesondere im Bereich Erste Hilfe neu ausgerichtet, sagt Sprecher Christoph Gnägi. Polizisten seien mit zusätzlicher Sanitätsausbildung gezielt als Erste-Hilfe-Spezialisten für den Einsatz an der Front ausgebildet worden. Ihre Aufgabe sei es, bei Grosslagen «zeitverzugslos» die ersten medizinischen Lebenserhaltungsmassnahmen einzuleiten.

Bei der Kantonspolizei Aargau sei die taktische Einsatzmedizin im Rahmen jährlicher Wiederholungskurse fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung, sagt Sprecher Bernhard Graser. Die Ausbildung ziele grundsätzlich auf sämtliche Einsätze mit erhöhter Gefährdung ab. «Aufgrund der aktuellen Lage liegt der Fokus naturgemäss auf Ereignissen mit terroristischem Hintergrund.»