Misstrauensvotum

06. Januar 2014 07:19; Akt: 06.01.2014 11:41 Print

Psychisch Kranke wehren sich gegen Hirnscans

von D. Pomper - Im Kanton Luzern will man IV-Betrügern auf die Schliche kommen, indem man ihre Hirnströme untersucht. Ist das ein Vorzeigemodell für die Schweiz oder einfach nur Mumpitz?

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Ein Patient während einem Hirnscan. Symbolbild (Bild: Keystone/AP/Yves Logghe)

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Psychisch bedingte IV-Renten haben in den letzen Jahren in der Schweiz zugenommen. Inzwischen machen psychische Krankheiten 60 Prozent aller neuen Renten aus. Im Jahr 2012 war dies bei 8000 Personen der Fall. Um ungerechtfertigte IV-Gesuche aufzudecken und Kosten zu senken, geht die IV Luzern nun neue Wege und setzt auf neuropsychologische Tests.

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Patienten müssen unter Zeitdruck Denk- und Leistungstests zur Beurteilung der Hirnfunktionen lösen. Zusätzlich erfolgt eine Untersuchung mit Ableitung von Hirnströmen. So soll aufgezeigt werden, inwieweit eine psychische Störung effektiv vorhanden ist oder übertrieben dargestellt wird. «Gerade bei jungen Leuten erzielen wir Einsparungen», sagt Donald Locher, Direktor der IV-Stelle Luzern, gegenüber der «Zentralschweiz am Sonntag».

«Betrüger überlegen es sich zweimal»

Das Luzerner Projekt könnte schweizweit Schule machen. Denn dem medizinischen und technischen Fortschritt sollte man unbedingt Beachtung schenken, findet SVP-Nationalrat Jürg Stahl: «Der präventive Effekt dieser Methode dürfte enorm sein.» Einen Betrug zulasten der IV und der Gesellschaft überlege man sich dann zweimal. Auf der anderen Seite seien die Menschen, die tatsächlich an einer psychischen Erkrankung litten, dank einem solchen Test vom Betrugsverdacht befreit.

Auch Guy Parmelin, Präsident der Kommissionen für soziale Sicherheit und Gesundheit SGK, ist der Meinung: «Jede Methode, dank der Betrug effizient und auf korrekte Art und Weise bekämpft werden kann, sollte nach sorgfältiger Überprüfung einheitlich schweizweit eingeführt werden.»

«Ein Misstrauensvotum gegen alle psychisch Kranken»

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel dagegen ist skeptisch: «Ein Hirnscan für psychisch kranke IV-Beanträger – das ist ja fast wie ein Lügendetektor. Und diese sind im Strafrecht verboten.» Man dürfe nicht jedem Menschen, der IV beantrage, Missbrauch unterstellen und somit eine Misstrauenskultur fördern. Dennoch hält Humbel das Projekt für prüfenswert. Es müsse aber den «höchsten wissenschaftlichen Kriterien» standhalten, um Fehldiagnosen auszuschliessen.

Davor aber warnt Fredy Obrist von Equilibrium, einem Verein zur Bewältigung von Depressionen: «Das ist ein Misstrauensvotum gegen alle psychisch Kranken.» Für Betroffene sei es bereits jetzt schwieriger geworden, Renten zu beziehen. Nun sollen ihnen einmal mehr Steine in den Weg gelegt werden.

Der 60-Jährige, der an einer bipolaren Störung leidet und seit zehn Jahren IV bezieht, erklärt: «Müsste ich mich jetzt einem solchen Gehirnscan unterziehen, dürften keine Unregelmässigkeiten erscheinen, da ich zurzeit stabil bin.» Doch änderten sich die Lebensumstände oder gerate er unter Druck, könne sich dies plötzlich ändern. Ein solcher Test sei einfach eine Momentaufnahme, lasse aber nicht auf das gesamtheitliche Befinden schliessen. «Es gibt sicher bessere Methoden, um schwarze Schafe zur Rechenschaft zu ziehen», glaubt Obrist.

«Das ist doch Mumpitz»

«Ob jemand psychisch krank ist oder nicht, lässt sich doch nicht einfach mittels eines Hirnscans feststellen», ist sich Marta Bühler, Geschäftsleiterin des Netzwerks für Menschen mit einer psychischen Erkrankung Traversa, sicher. Solche Erkrankungen hätten auch viel mit Wahrnehmungen und Empfindungen zu tun, die sich nicht in jedem Fall im Hirn widerspiegelten. «Die IV-Rente von einem solchen Test abhängig zu machen, ist einfach nur Mumpitz», sagt Bühler.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Holgi am 05.01.2014 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker

    sollten auch einen Hirnscan machen müssen. Da würden wohl die meisten wegen Mangels Masse durchfallen :-)

  • Marcel am 05.01.2014 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Psychische Störungen sind in der Schweiz

    Psychische Störungen sind in der Schweiz die häufigste Ursache für IV-Renten, ich kenne Fälle die haben Jahrelang darauf hin spekuliert vom Psychiater für Invalid erklärt zu werden, (ist gelungen)daneben sehe ich Menschen dir vor Schmerzen kaum richtig stehen können, die haben keine Chance! Gesuch abgelehnt! Ist das richtig??????

  • invert am 05.01.2014 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    wahrheit oder pflicht

    könnte man doch bei unseren politikern auch machen :-)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Holgi am 05.01.2014 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker

    sollten auch einen Hirnscan machen müssen. Da würden wohl die meisten wegen Mangels Masse durchfallen :-)

  • Marcel am 05.01.2014 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Psychische Störungen sind in der Schweiz

    Psychische Störungen sind in der Schweiz die häufigste Ursache für IV-Renten, ich kenne Fälle die haben Jahrelang darauf hin spekuliert vom Psychiater für Invalid erklärt zu werden, (ist gelungen)daneben sehe ich Menschen dir vor Schmerzen kaum richtig stehen können, die haben keine Chance! Gesuch abgelehnt! Ist das richtig??????

  • J. Meyer am 05.01.2014 15:23 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt nur eine Logik, die der IV...

    Im Dienste der IV, von dieser bezahlt, dürfte es wie bereits überall anders mit diesen medizinischen Abklärungen kaum Diagnosen geben, welche den Wünschen der IV widersprechen. Hier geht es eher um die Möglichkeiten, gewisse Kosten unter dem Deckmantel verschiedener mediz. Instrumente zu senken, um die Täuschung darüber, das die IV selbst die Misere eingebrockt hat, weiterhin zu täuschen auf Kosten der Betroffenen. Hier wird eine Volkshetze unter einem Deckmantel verkauft, was jeden treffen könnte. Heute ja geschrien, morgen gejammert, sollte es mal zutreffen!

  • monika Steimer am 05.01.2014 14:57 Report Diesen Beitrag melden

    IV will nur sich selber helfen

    Und was ist mit den Opfern der IV welche auf MRI z.b deutliche Bandscheibenvorfälle haben, kenne jemanden sehr gut, der hat 4 Bandscheibenvorfälle, ausgebreitete arthrose , die iv hat dieser person einfach abgelehnt, seit fast 5 jahren!! jetzt mit hilfe des bundesgericht endlich erreicht,dass die IV diesen menschen mal ansehen muss. der notabene über 20 jahre auf dem bau gekrampft hat.

  • Tamas György Morvay am 05.01.2014 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Ja, aber ...

    Dass in strittigen Fällen zusätzliche Untersuchungen angeordnet und durchgeführt werden, geht in Ordnung. Nicht in Ordnung ist es jedoch, wenn dann aufgrund einer nach keinen massgeblichen statistischen Verfahren represäntative Zahlen marktschreierisch in Zeitungsmitteilungen tendenziös ausgeschlachtet werden und auch entsprechende Kommentare von nicht kundigen Personen nach sich ziehen! So auch in dieser Zeitung.