2500 Franken pro Monat

05. Juni 2018 22:02; Akt: 06.06.2018 15:25 Print

Zürcher Gemeinde will Grundeinkommen testen

Jeder Teilnehmer erhält monatlich 2500 Franken: In einer kleinen Zürcher Gemeinde soll getestet werden, wozu das Schweizer Stimmvolk Nein sagte.

Im Rahmen eines Studien- und Filmprojekts testet die Zürcher Gemeinde Rheinau das bedingungslose Grundeinkommen. Wer sich für den Test interessiert, muss sich bewerben. (Video: Tamedia/AFP)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Einwohnerinnen und Einwohner der Zürcher Grenzgemeinde Rheinau sollen für ein Jahr ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten. Die Gemeinde unterstützt einen privat organisierten Test. Das Experiment hat jedoch ein paar Haken.

Vor genau zwei Jahren sagte die Schweizer Stimmbevölkerung wuchtig Nein zu einer Initiative für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die Abstimmung hatte aber die Schweizer Filmemacherin Rebecca Panian dazu veranlasst, einen Schweizer Ort zu finden, der sich für ein Grundeinkommens-Experiment zur Verfügung stellt.

Geld noch nicht beisammen

Bei Panian und ihrem Team meldeten sich zahlreiche interessierte Dörfer, ausgewählt wurde nun Rheinau im Kanton Zürich mit rund 1300 Einwohnern. Am Dienstagabend wurde nach der Gemeindeversammlung den Anwesenden eröffnet, dass sie sich für den Versuch anmelden können. Beginnen soll dieser 2019 - so er denn zustande kommt.

Das nötige Geld ist nämlich noch nicht beisammen: Für die Finanzierung ihres Experiments zählen die Organisatoren auf ein Crowdfunding sowie auf Beiträge von Stiftungen. Zudem muss rund die Hälfte der Bevölkerung mitmachen, also 600 bis 700 Personen.

Rheinau ZH experimentiert mit Grundeinkommen

Bedingt bedingungslos

Das Kleingedruckte nimmt dem Versuch auch etwas die Attraktivität: Die teilnehmenden Rheinauerinnen und Rheinauern können sich nämlich nicht uneingeschränkt auf den Zustupf freuen: Zwar erhalten alle Erwachsenen ab 25 Jahren monatlich 2500 Franken ausbezahlt (für Kinder und junge Erwachsene liegt der Betrag tiefer).

Aber: Wer Einkommen erzielt, muss auch wieder Geld zurückzahlen. Das heisst: Wer mehr als 2500 Franken verdient, erhält unter dem Strich keinen Rappen Grundeinkommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das eigene Einkommen aus Lohn, AHV oder Sozialleistungen stammt.

Projekt möglich machen

Die Idee dahinter laut den Initianten: «Jede Person über 25 Jahren hat pro Monat mindestens 2500 Franken zur Verfügung». In der Theorie würde das Grundeinkommen jegliche Sozialleistungen ersetzen - das kann das Experiment nicht simulieren. Unter anderem deshalb ist die Rückzahlung vorgesehen.

Die Idee sei auf einen privaten Kontakt hin entstanden, sagte Andreas Jenni, Gemeindepräsident von Rheinau, der Agentur Keystone-sda vor der Versammlung. Das Projekt erscheine dem Gemeinderat aus gesellschaftspolitischer Sicht unterstützenswert, auch wenn er es durchaus auch kritisch betrachte.

Kosten nicht genau abschätzbar

Die grösste Herausforderung sei, auch jene Leute zu überzeugen, die keinen persönlichen Vorteil aus dem Experiment ziehen könnten, sagte er. Diese sind nötig, um den einjährigen Versuch wie geplant wissenschaftlich begleiten zu können.

Wie viele Menschen Geld erhalten könnten, hat die Gemeinde noch nicht berechnet. Deshalb sind auch die Kosten nicht genau abschätzbar. Aufgrund der Regeln sei kein riesiger Ansturm zu erwarten, sagte SP-Politiker Jenni. Er zeigte sich deshalb auch zuversichtlich, dass das benötigte Geld zusammenkommt.

Diskussion auslösen

Die Ankündigung soll eine Diskussion eröffnen, wie Jenni sagte. «Die Leute sollen am Stammtisch darüber reden.» Mehr Details sollen an einer Veranstaltung am 31. August folgen. Dann erst können sich die Interessierten verbindlich anmelden.

Vorgesorgt hat die Gemeinde, dass sie nicht von Leuten aus aller Welt überrannt wird. Teilnehmen am Versuch kann nur, wer heute bereits in Rheinau wohnt.

Wohnen Sie in Rheinau ZH und möchten am Grundeinkommens-Experiment teilnehmen? Melden Sie sich unter feedback@20minuten.ch

(chi/sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • james mc'neil am 05.06.2018 22:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein, und doch ja.

    Das Volksmehr sagt Nein oder Ja zu einer Vorlage - die Politiker machen das Gegenteil der demokratischen Entscheidung. In der Schweiz ist nun offenbar Alltag. Ich kann nun jeden verstehen, der kein Interesse mehr hat abstimmen zu gehen. Wenn die Gemeinde das eigene Steuergeld dafür ausgeben will, so soll sie dies tun. Der Kanton sollte aber auf jedenfall nicht die fehlenden Einnahmen kompensieren bzw. der Gemeinde noch Geld zukommen lassen.

    einklappen einklappen
  • mark-frei am 05.06.2018 22:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt immer wieder Leute die ....

    ... akzeptieren einfach keine Mehrheitsentscheide.

    einklappen einklappen
  • Chrigi90 am 05.06.2018 22:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Wo kann man sich anmelden? Bin arbeitslos ausgesteuert und bekomme keine Sozialleistungen momentan

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Berufstätig am 06.06.2018 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zum Scheitern verurteilt, denn

    es kann weder angehen noch ist es gerecht oder finanzierbar, dass z.B. Nur-Hausfrauen und -Mütter 2500.- mit ihren Gofen fürs Chillen und Nichtstun bekommen, während andere hart dafür arbeiten müssen. Sie haben schon jetzt ein unglaubliches Schoggi-Dasein. Das ist extrem unfair, und ich will und werde so etwas nicht finanzieren.

  • Weib am 06.06.2018 18:12 Report Diesen Beitrag melden

    Hausfrauen

    Vom Projekt "profitieren" für einmal insbesondere die "Vollamt-Hausfrauen", die sich täglich für die Familie abrackern. Und das ist durchaus richtig, dass diese "Fron-Arbeit" endlich wertgeschätzt wird.

  • Kurt Spalinger-Røes am 06.06.2018 17:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine echte Testsituation

    Das wird leider keine echte Testsituation. Das Grundeinkommen muss allen, bedingungslos zur Verfügung stehen. Andere Sozialleistungen sind anzurechnen und die Finanzierung muss geregelt sein (z.B. Finanztransfer Promille oder/und bisherige Sozialabgaben).

  • Jöggi am 06.06.2018 17:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch sehr viele Unklarheiten

    Nun ja, such ob nun der Stimmbürger nein gesagt hat, probieren kann man es ja. Denn weiss man mehr ob das überhaubt etwas ist oder nicht. Auch ist nicht klar, ob es überhaubt stattfinden wird, weil das Geld und die Teilnehmer noch nicht bekannrmt sind, oder noch fehlt. Auch ist klar, das eigendlich nur etwas bekommt, die nicht so viel verdienen, auch ist nicht klar was passiert wenn man weniger arbeit oder gar nicht mehr will und kassieren möchte, und ja eben wer bezahlt? was wie viel. Sollte sich das als Reinfall erwiesen, währe klar, das es viel schwieriger oder überhaubt nicht geht, als angenommen. Die idee dahinter ist, wenn ich es verstanden habe, nur Sozialhilfe empfänger würden profitieren können, was dann die Frage stellt, ist nicht die Gefahr gross, "warum arbeit suchen, wenn das Geld so oder so kommt?" Nun ja wir werden sehen.

  • Benedikt Weber am 06.06.2018 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    Für Wenige statt für Alle

    Tolles Grundeinkommen - alle, die aus welcher Quelle auch immer mehr als 2500.- pro Monat haben, dürfen zurückzahlen. Kurz: der Vorschlag ist nicht mal SP-Slogan "Für alle statt für Wenige" tauglich - man macht genau das Umgekehrte: Für Wenige statt für Alle (die das dann wohl auch noch zahlen sollen)