Ärgernis Heiratsstrafe

08. November 2012 15:05; Akt: 08.11.2012 15:06 Print

Scheinscheidung im Alter bringt viel Geld

von Simon Hehli - Verheiratete Paare bekommen im Rentenalter bis zu 14 000 Franken weniger AHV als Konkubinatspaare. Die naheliegende Lösung: Scheidung. Doch eine Scheintrennung birgt auch Risiken.

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14 000 Franken haben oder nicht haben - die Scheidung pro forma ist für pensionierte Ehepaare eine attraktive Option. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Peter Keppler* ist stinksauer: «Meine Frau und ich haben unser Leben lang gearbeitet, viele Steuern bezahlt. Und jetzt sind wir die Gelackmeierten.» Dem 72-jährigen Rentner stösst die so genannte Heiratsstrafe bei der AHV für ehemalige Doppelverdiener sauer auf: Pensionierte Ehepaare kriegen eine Rente, die beim eineinhalbfachen Betrag einer Einzelrente gedeckelt ist. Zurzeit sind das 3480 Franken pro Monat. Viel besser fahren Konkubinatspaare: Beide Partner erhalten ihre Rente von maximal 2320 Franken separat – zusammen also bis zu 4640 Franken.

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«Uns entgehen so pro Jahr rund 14 000 Franken. Geld, das wir gut gebrauchen können, weil unsere Pensionskasse alles andere als üppig gefüllt ist», rechnet Keppler im Gespräch mit 20 Minuten Online vor. Er und seine Frau gingen sogar vor Bundesgericht, um gegen die von ihm empfundene Ungerechtigkeit anzukämpfen – und unterlagen im Herbst 2008. «Die Deckelung entspricht nun mal dem aktuellen Gesetz», sagt Keppler.

Scheinscheidung – und der Bund tut nichts

Die CVP hat am Montag zwar ihre Initiative eingereicht, mit der sie die Heiratsstrafe bei der AHV und auch bei den Steuern abschaffen will. Doch bis das Begehren umgesetzt ist, vergehen Jahre – wenn es denn durchkommt. Deshalb überlegt sich Keppler einen drastischen Schritt: eine Scheidung von seiner Frau (67). Er würde sich dann vom gemeinsamen Wohnort abmelden und offiziell im Wohnwagen durch die Schweiz tingeln.

Dass ihnen die AHV-Behörde auf die Schliche kommt, müssten die Kepplers nicht fürchten. «Es kann nicht Aufgabe der Sozialversicherung sein zu überprüfen, ob ein Paar wirklich geschieden ist. Wir dürfen auch keine Detektive losschicken», sagt Rolf Camenzind vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV).

Er habe aber sowieso noch nie eine «Scheinscheidung» angetroffen, betont Camenzind. So ist ungewiss, ob sich Fälle von Rentenoptimierung hinter der Zahl 585 verstecken: So viele Männer im Alter von 65 bis 69 Jahren liessen sich im Jahr 2011 laut dem Bundesamt für Statistik scheiden. Eine Häufung rund um den 65. Geburtstag ist nicht zu beobachten, ebenso wenig bei den Frauen rund um 64.

Mit dem Geld ab nach Bali

Walter Schwager jedoch kennt Fälle von Scheinscheidungen. Er arbeitete früher als Leiter von Pflege- und Altersheimen und hat dabei zahlreiche pensionierte Paare bei der Budgetplanung beraten. «Alleine in meinem Dorf haben sich zwei ältere Ehepaare scheiden lassen, um der Heiratsstrafe zu entgehen.»

Ein ehemaliger Lehrer habe sich pro forma eine eigene Wohnung genommen, die Freizeit aber weiterhin mit seiner Frau verbracht. Das zweite Ehepaar habe keinen Hehl daraus gemacht, wieso es sich scheiden liess, erzählt Schwager. Nach der Scheidung wanderten die beiden nach Indonesien aus. «Sie waren der Überzeugung, dass Bali so weit weg sei, dass sie dort niemand mehr kontrollieren würde.»

Beim Tod des Ex gibts weniger Rente

Der frühere Heimleiter weiss aus eigener Erfahrung, dass der finanzielle Spielraum für viele Pensionäre beschränkt ist – gerade für jene, die wenig oder kein Geld in der 2. Säule haben wie die Kepplers: Die Pensionskasse wurde erst 1985 obligatorisch. «Kommt dann plötzlich eine Zahnarztrechnung über 5000 oder 10 000 Franken, wirds eng», sagt Schwager. Entsprechend gross sei die Verlockung, durch eine Scheidung das Einkommen zu verbessern.

Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, warnt BSV-Sprecher Camenzind. Denn Verheiratete haben bei der AHV nicht nur Nachteile. So gibt es für verwitwete Bezüger einen Zuschlag zur Einzelrente – aber nur, wenn die Ehe zum Zeitpunkt des Todes noch in Kraft war. Für diese Zuschüsse gibt der Bund jedes Jahr 1,2 Milliarden Franken aus. Allerdings profitieren davon lediglich jene Witwen und Witwer, die nicht sowieso schon die Maximalrente beziehen.

Heiratsstrafe abzuschaffen würde teuer werden

Innenminister Alain Berset stellt noch vor Ende Jahr die Eckwerte einer Reform der Altersvorsorge vor. Bei dieser Reform wird auch die Heiratsstrafe ein Thema werden. Die Deckelung der AHV-Renten ganz aufzuheben, würde pro Jahr aber zu Mehrausgaben von rund zwei Milliarden führen, sagt Camenzind: «Das Geld müsste irgendwie kompensiert werden.»

Pensionär Keppler fürchtet deshalb, dass die Mühlen der Politik zu langsam mahlen. Bevor er und seine Frau die Scheidung einreichen, werden sie Vor- und Nachteile dieses Schrittes zusammen mit ihrem Anwalt genau abwägen. So wären etwa Probleme beim gegenseitigen Erben vorprogrammiert. «Vielleicht ziehen wir stattdessen ins Ausland. Dort können wir auch mit einer gedeckelten Rente besser leben als hier.»

(Mitarbeit: Deborah Sutter)

* Name von der Redaktion geändert

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Der grösste (gemeinsame) Ausgabenposten ist wohl die Wohnung, der Rest wie Essen und KK kostet für jede Person einzeln. Die Wohnung kostet je mehr Personen sich eine Wohnung teilen p.P. immer weniger. Somit wäre es logisch die AHV und Steuern für jede Person einzeln abzurechnen und zusammen lebende Personen bekommen mehr könnten aber weniger von den Steuern abziehen, egal ob Konkubinat, Ehe oder WG (Wohnkosten/Personen = Steuerabzug pro Person). Dadurch bekämen Eheleute mehr, Singles könnten mehr abziehen und niemand würde bevorzugt oder benachteiligt. – root

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chv am 08.11.2012 11:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gemeinsames Wohl

    Sollte eigendlich jeder Mensch gleich behandelt werden. Ob verhairatet, geschieden oder Singel.Arbeiten ist doch jeder gegangen und wenn jemand schon immer Hausfrau(mann) war hat Er(Sie) auch ein Recht auf eine anständige Rente.Wir zahlen ja alle für ein gemeinsames Wohl . Oder ?!? Sollen doch die , die meinen Hausfrau(man) zu sein sei leicht. Mal zwei Wochen : waschen , kochen, staubsaugen, bügeln, aufräumen, dem(n) Kind(ern) schauen, Hausaufgaben, Einkaufen ,Fenster Badezimmer Küche Boden putzen , Rasen mähn usw. Die kommen auf die Welt !!!!! Respect vor jeder Vollzeit Hausfrau oder Mann!!!

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  • Stefan W. am 08.11.2012 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach stossend!

    Sofort aufhören mit dieser Betrügerei! Nivellierung auf das Normale und zwar für alle! Konkubinatspaare sollen abgeben, während alle anderen einen Zugewinn erhalten sollen. Auch die Steuerungerechtigkeit bzgl. dem gleichen Thema ist sofort zu elliminieren. Die Wischi-Waschi-Mitteparteien sollen endlich Wort halten und Taten folgen lassen.

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  • Meerle am 09.11.2012 06:56 Report Diesen Beitrag melden

    Anders Einsetzen!

    Unser Staat hätte genug Geld, um die AHV aufzupeppen! Kein Geld für Olympia, weniger Armeeflugzeuge etc. und schon wäre mehr Geld da für diejenigen, die ihr ganzes Leben geschuftet haben und auch noch die zukünftigen Steuerzahler aufgezogen haben!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Josef S. am 11.11.2012 17:08 Report Diesen Beitrag melden

    Harmonisieren

    Die Lösung liegt womöglich in der Harmonisierung, will heissen wenn jemand schon eine Pensionskassenrente in Höhe von monatlich 5000 erhält, sollte man ihm nicht auch noch eine AHV-Rente bezahlen. So verbleibt für die anderen etwas mehr zum verteilen.

  • amir jean am 11.11.2012 00:30 Report Diesen Beitrag melden

    loesungsvorschlag

    gerecht ist eine gleiche rente, deshalb ganz einfach uns auslaender befristet fuer 5 jahre hoeher quellen besteuern, und der ahv; pk gutschreiben. so schnell wie die schweiz in den naechsten jahren altert koennen die beitragszahler die kasse gar nicht fuellen. womit wir wieder bei der migrationpolitik sind.

  • Elsi Kranz am 10.11.2012 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    Versagen der Politiker

    Es ist traurig das unser Politiker da nicht endlich diesen ungeleichen Missstand beenden können!! Aber man hat Angst zuwenig Geld, für alle die vom Staat leben, zu haben!!

  • reader201 am 10.11.2012 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    Auch IV-Renter-Pärchen...

    ... müssen diese Kürzungen hinnehmen

    • monika steimer am 10.11.2012 21:41 Report Diesen Beitrag melden

      also, ab ins ausland

      eben, ein guter grund mehr ins ausland den wohnsitz zu verlegen. was soll einem hier in der schweiz noch halten? das schlechte wetter? das wenige geld das einem noch bleibt? keine gute, zahlbare versorgung im alter, in krankheit. nene... jeder der klar denkt, der geht hier, denn für uns schweizer ist die schweiz kein land in dem milch und honig fliesst.

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  • Hans M. am 10.11.2012 08:47 Report Diesen Beitrag melden

    Gier

    Es geht ja nicht darum Verheiratete zu diskriminieren. Ein verheiratetes Ehepaar welches sich eine Wohnung teilt, hat einfach weniger Ausgaben als zwei alleinstehende, welche selbst in einer Wohnung sind. Es ist wieder die Gier der Leute nach mehr und mehr geld!!!!!

    • Lassie am 10.11.2012 16:13 Report Diesen Beitrag melden

      280'000 Verlust

      Wer redet denn von getrennt Lebenden? Es geht um Konkubinatsparter, also zwei nicht verheiratete Menschen, die zusammenleben. Als Verheiratete erhalten wir pro Jahr 14'000 Franken weniger AHV, wenn wir nach der Pensionierung 20 Jahre leben, sind das volle 280'000 Franken, die uns der Staat klaut!

    • edelbert kummer am 11.11.2012 08:01 Report Diesen Beitrag melden

      "die gier nach mehr geld"

      ich lebe von der ahv, fr. 2000 pro monat. ich wohne in portugal, dort kann ich davon leben, ohne die schweizer sozialhilfe in anspruch nehmen zu müssen.

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