Versunkene Altlast

25. April 2013 07:24; Akt: 26.04.2013 14:59 Print

Schweiz soll Atommüll aus dem Meer bergen

von L. Hanselmann - 5341 Tonnen radioaktive Abfälle kippte die Schweiz seit 1969 in den Atlantik. Neue Aufnahmen zeigen, dass die Fässer noch intakt sein können. Umweltschützer fordern jetzt Massnahmen.

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Strahlende Altlasten: Neun europäische Länder versenkten zwischen 1949 und 1982 atomare Abfälle im Meer – insgesamt 222'732 Fässer mit 114'726 Tonnen Material. 5341 Tonnen davon stammten aus der Schweiz. 99,9 Prozent des Gewicht des Schweizer Atommülls bestand gemäss dem Eidgenössischen Nukelarinspektorat Ensi aus der Betonverpackung. Der Rest war «schwach- und mittelaktiver Abfall» aus Medizin, Industrie, Forschung und Kernkraftwerken. Der Schweizer Atommüll wurde in zwölf internationalen Versenkungsaktionen an drei Standorten im Nordatlantik versenkt. Gemäss der Atomenergiebehörde IAEA machte er 9,8 Prozent des gesamten deponierten radioaktiven Abfalls im Nordatlantik aus. Die so genannten Verklappungen waren damals die einfachste und billigste Entsorgungsmethode. Dabei wurden mit Beton oder Asphalt verstärkte Metallfässer einfach über Bord geschmissen. Jahrelang protestierten Aktivisten von Greenpeace vergeblich gegen die atomare Müllentsorgung im Meer. 1981 dokumentierten sie die Entsorgungswegen, indem sie die Schiffe mit Schlauchboten verfolgten. Das war ein gefährliches Unterfangen. Die Kapitäne der Atommüll-Transporter gingen unzimperlich gegen die Aktivisten vor und versenkten mit den Fässern auch ein Boot. Mit den Filmaufnahmen ging Greenpeace ging an die Öffentlichkeit und erreichte, dass die Verklappung 1994 verboten wurde. Bislang ging die IAEA davon aus, dass alle Fässer weggerostet sind und die Strahlung im Meer zu einer unschädlichen Konzentration verdünnt wurde. Ein deutsches Filmteam hat die Debatte im April 2013 aber neu lanciert. Ihr Tauchroboter fand im Ärmelkanal unweit der französischen Küste intakte Fässer. Wie gefährlich die Altlasten heute sind, ist schwer zu sagen. Ein internationales Überwachungsprogramm mit Schweizer Beteiligung fand zwischen 1981 und 1995 keine unzulässigen Strahlenbelastungen in den Meerent. Umweltschützer warnen aber, dass sich die Stoffe in der Nahrungskette anreichern.

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Während in der Schweiz intensiv um Atomendlager unter der Erde gestritten wird, geht der Atommüll unter dem Wasser fast vergessen. Dabei hat die Schweiz zwischen 1969 und 1982 einen grossen Teil ihrer radioaktiven Abfälle im Meer versenkt – ganz legal. Erst 1992 beschloss der Bundesrat, auf die sogenannte Verklappung zu verzichten.

Bis dahin hatten die europäischen Staaten bereits satte 222'732 Fässer mit Atommüll in den Nordatlantik und den Ärmelkanal geworfen. Was heute mit diesen ist, weiss niemand. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA ging bis vor Kurzem davon aus, dass sie durchgerostet sind und sich der atomare Inhalt im Meer verflüssigt habe. Doch jetzt fanden deutsche Filmer bei einer anderen Dumping-Stelle im Ärmelkanal intakte Fässer.

Niemand weiss, was mit den Fässern ist

Ob deren Inhalt heute noch eine Gefahr darstellt, ist umstritten. Offiziell war in den Fässern schwach- bis mittelradioaktiver Abfall aus der Atomindustrie, der Forschung und der Medizin. Die Schweiz entsorgte gemäss dem Eidgenössischen Nuklearinspektorat Ensi vor allem Tritium, das beispielsweise als Abfallprodukt bei der Herstellung von Leuchtfarben und Ionisationsmeldern anfiel. Unter den versenkten 5341 Tonnen waren zudem Handschuhe, Schutzanzüge oder Filter aus der Atomindustrie.

Kritiker befürchten aber, dass zumindest einige der 222'732 Fässer auch hochradioaktiven Müll enthalten. Zwar massen Forscher bei den Dumping-Stellen im Rahmen eines Überwachungsprogramms der OECD, an dem sich auch die Schweiz beteiligte, nur schwache Strahlungswerte. Doch seit bald 20 Jahren hat niemand mehr die Fässer untersucht.

Schweiz soll gefährliche Fässer bergen

Das soll sich nun ändern: In Deutschland verlangen Grüne und Umweltschützer, dass die Fässer aus dem Ärmelkanal entfernt werden. Und auch in der Schweiz werden Massnahmen gefordert. «Aus den Augen, aus dem Sinn ist ein sehr gefährliches Credo. Die Fässer sollten untersucht und, sofern sie sich als potenziell gefährlich herausstellen, geborgen werden, sagt Sabine von Stockar von der Schweizerischen Energie-Stiftung.

Ins gleiche Horn stösst Greenpace: «Es braucht unbedingt ein Monitoring, wenn nötig auch eine Bergung. Wir müssen wissen, was mit der Radioaktivität passiert und welche negativen Auswirkungen sie auf die Meeresfauna hat», so Sprecherin Sibylle Zollinger. Noch weiter geht der grüne Nationalrat und Atomkritiker Geri Müller: Für ihn ist die Schweiz gesetzlich verpflichtet, den Atommüll zu bergen. «Es muss alles zurück bis aufs letzte Gramm.»

Atomlobby sieht keine Gefahr

Die Schweiz soll eine entsprechende internationale Mission anstossen, fordert Müller – finanziert durch die Verursacher des Mülls. «Die Bergung darf keine Frage der Kosten sein, solange der Atomstrom so billig ist.» In der Tat sieht das Kernenergiegesetz eine Entsorgungspflicht vor, die erst erfüllt ist, wenn der radioaktive Abfall in einem geologischen Tiefenlager oder einer Entsorgungsanlage ist. Allerdings gilt das Gesetz erst seit 2003.

Entsprechend sieht Matthias Rey vom Nuklearforum die Atomlobby auch nicht in der Pflicht. Da es sich bei den Abfällen aus der Schweiz nicht um hochradioaktive Abfälle handle, «gehen wir davon aus, dass eine Bergung des Materials aus der Schweiz nicht nötig ist». Die potenzielle Gefährdung schätzt er in Anbetracht der Tiefe und der natürlichen Radioaktivität des Meerwassers als sehr gering ein. Das Ensi wollte zu dieser Frage nicht Stellung nehmen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • D.N. am 26.04.2013 02:06 Report Diesen Beitrag melden

    Desaster und Kosten!

    Die jenigen, die damals dabei Millionen verdient haben, sollen jetzt dieses Desaster aufräumen und für die Kosten aufkommen!

  • hans muster am 25.04.2013 09:10 Report Diesen Beitrag melden

    sofort bergen!

    auf kosten der atom"lobby" und der firmen und instituten, die damals diesen abfall abgegeben haben! und das sage ich als bürgerlicher. PS: ich esse nur noch fisch aus der schweiz.

    einklappen einklappen
  • Daniel am 25.04.2013 09:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ehrlichkeit

    warum sieht die "Atomlobby" nie probleme und leugnet jede schuld von sich. Verbesserungspotential ist bei denn Leuten ein Fremdwort.

Die neusten Leser-Kommentare

  • D.N. am 26.04.2013 02:06 Report Diesen Beitrag melden

    Desaster und Kosten!

    Die jenigen, die damals dabei Millionen verdient haben, sollen jetzt dieses Desaster aufräumen und für die Kosten aufkommen!

  • Sonusfaber am 25.04.2013 18:07 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffentlich ist es ein Witz!

    Hat mein Vaterland tatsächlich 5341 Tonnen radioaktive Abfälle in den Atlantik gekippt? Schande - mehr dazu kann ich nicht sagen! :-(

  • Silvio Foiera am 25.04.2013 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    @Atomstromnörgler

    Warum schimpfen hier alle über die Atomkraftwerke? Man kann von Kernenergie halten was man will, aber um die geht es bei dem Thema nicht. Es wurden keine abgebrannten Brennstäbe versenkt, sondern schwach- und mittel aktive Abfälle. Also all das was in Medizin (Radiopharmazie), Industrie (z.B. Für Rauchmelder, Ziffernblätter), Verpackung & Lebensmitteltechnik so anfällt. Dieser Müll fällt auch mit Windrädchen auf der Wiese und PV auf dem Dach an. Was nichts daran ändert das verklappen aus heutiger Sicht eine Sauerei ist, damals aber gängige Praxis war.

  • Philippe Aemisegger am 25.04.2013 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Tja...

    Der Mensch. Das dümmste und gefährlichste Raubtier der Welt. Werden gefährliche Tiere normalerweise nicht ausgerottet??? Na ja... Wir werden`s schon selber hinkriegen. Traurig zur selben Gattung zu gehören zu müssen. :-(

  • frauchen am 25.04.2013 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    bei meiner Seele

    poaaa ich hab sonen riesen hass langsam. Echt unsere Wirtschaft ist so nicht nachhaltig strukturiert das es mir schlecht wird und ich heil froh bin das ich nicht Schwanger bin und ein Kind in diese Welt zu all diesen egoistischen vollidionten zu stellen. Mein gott manchmal wär ich echt gerne einfach eine Katze oder ein Vogel geworden.