Schriftsteller-Boom

29. Oktober 2016 12:21; Akt: 29.10.2016 12:21 Print

Schweizer träumen vom Durchbruch als Autor

von B. Zanni - Die Zahl der Menschen, die ein eigenes Buch veröffentlichen, wächst stetig. Darunter sind aber auch solche, die ihr Talent überschätzen.

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Immer mehr Schweizer träumen von einer erfolgreichen Karriere als Schriftsteller und nehmen sich Bestseller-Autoren wie Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling als Vorbild. Self-Publishing-Verlage haben grossen Andrang. «Die Zahl der Schweizer Autoren wächst jährlich im zweistelligen Bereich», sagt Thorsten Simon, Pressesprecher von Books on Demand BOD. Ähnlich sieht es bei Swiboo.ch aus. «Dieses Jahr veröffentlichen wir im Vergleich zu 2015 fast doppelt so viele Bücher für den Handel», sagt Geschäftsführer Benjamin Zumsteg.

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Auch kleine Verlage spüren den Trend. Die IL-Verlag GmbH erhält jede Woche rund drei Manuskripte. Früher war es ein Manuskript pro Monat.

«Sie glauben, einmal berühmt zu werden»

Unter den Hobby-Autoren befinden sich Menschen vom Büroangestellten über Schüler bis zu Pfarrern. Ebenso vielfältig sind die Genres: Romane, Lebensgeschichten, Sachbücher, Gedichtbände, Kochbücher.

Was für Menschen stecken hinter den Titeln wie «Carnivora», «Ver-rückte Geschichten» oder «Tote Täter»? «Einige Autoren träumen davon, mit ihrer Geschichte, die ihnen am Herzen liegt, erfolgreich zu werden», sagt Benjamin Zumsteg. Auch Fritz Frey, Geschäftsführer des IL-Verlags, stellt fest: «Die einen denken, sie könnten irgendwann einmal berühmt werden. Andere wollen nur ein eigenes Buch in den Händen halten.» BOD zieht laut Simon vor allem auch junge Schreiber an. «Viele Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren schreiben Fantasy-Literatur.» Dazu inspiriert habe sie Fanfiction wie «Harry Potter», «Herr der Ringe» oder «Twilight».

«Hingepfuschte Manuskripte»

In den Self-Publishing-Verlagen bezahlen die Autoren die Produktion ihrer Bücher aus der eigenen Tasche (siehe Box). «Unsere Strategie ist, dass jeder sein Buch realisieren kann», sagt Zumsteg. Auch BOD veröffentlicht jedes Buch, solange es nicht gegen Gesetze verstösst. Simon: «Viele Autoren veröffentlichen direkt bei uns, weil sie hier die komplette Kontrolle über ihr Buch haben.»

Aber auch etliche Absagen grosser Verlage können laut den Geschäftsführern vorausgehen. Dass nicht jeder zum Schriftsteller geboren ist, bemerken kleine Verlage, die sorgsame Auswahlen treffen. «Es gibt Leute, die uns hingepfuschte Manuskripte schicken, aus denen wir dann ein Buch zaubern sollten», sagt Frey vom IL-Verlag. Teilweise seien die Texte auf dem Niveau eines Primarschülers.

Arrogante Verfasser

Solche Verfasser schrieben den Verlag oft auch arrogant an. Frey: «Da steht dann etwa: ‹Meine Damen und Herren. Jetzt erhalten Sie den Roman, auf den Sie schon lange gewartet haben.›» Einige Kunden machten auch Druck. «Jemand wollte uns einklagen, weil wir angeblich zu wenig unternommen hatten, um sein Buch über einen Nachbarschaftsstreit zu vermarkten.»

Auch die Self-Publishing-Verlage stellen fest, dass manche Kunden ihren Text überschätzen. Zumsteg: «Wir hatten schon Anfragen von Kunden, die ihr Buch gleich in vier Sprachen übersetzen und auf der ganzen Welt vertreiben lassen wollten.»

Autorenverband übt Kritik

Eine Mutter war laut Zumsteg zudem überzeugt, dass aus der Abschlussarbeit ihrer Tochter ein Bestseller wird. «Nachdem sie auf meinen Rat hin 50 fremde Menschen gefragt hatte, ob diese gleicher Meinung seien, setzte sie die Auflage mit Widerwillen von 1000 auf 100 herab.» Besonders in Erinnerung bleibt ihm auch eine Marktfahrerin, die ein Buch über Engel geschrieben hatte und 1000 Exemplare drucken wollte. «Sie glaubte, dass man das Buch durch seine speziellen Schwingungen nicht mehr werde hergeben wollen.»

Der Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS) beobachtet den Trend kritisch. «Wir raten davon ab, dass ein Autor für die Publikation seines Werks bezahlt», sagt Geschäftsführerin Nicole Pfister. Teil des professionellen verlegerischen Prinzips sei es nämlich, dass ein Verlag die geleistete Arbeit eines Autors auf eigene Kosten veröffentlicht. «Will man im Literaturbetrieb ernst genommen werden, führt dies heute nach wie vor meist nur über den Weg des klassischen Verlags.» Die Öffentlichkeit nehme Werke von Selbstbezahlverlagen in der Regel kaum wahr.

Haben Sie ein eigenes Buch geschrieben oder vor, sich als Autor zu betätigen? Dann schreiben Sie uns und erzählen Sie uns davon:


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • speakthetruth am 29.10.2016 13:06 Report Diesen Beitrag melden

    Postmoderne

    Das Zeitalter der Selbstinszenierung. Die meisten Menschen sind eben Durchschnitt und Durchschnitt interessiert niemanden.

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  • Kollektiver Narzissmus am 29.10.2016 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    Besser zum Psychologen

    Ou ja, bitte noch mehr Bücher wie jenes von Frau Rigozzi. Darauf hat die Welt schon lange gewartet!

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  • Realist am 29.10.2016 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Nie selber bezahlen

    Ein Verlag wird nur Bücher drucken denen er Erfolgschancen gibt. Die Absage eines Verlages heiss daher meist das Buch hat kaum Chancen auf dem Markt (oder es war der Verlag z.B. Sachbuchverlag für einen Roman). Wenn man also ein Buch für eine Größere Zielgruppe als Familie und Freunde schreiben will dann immer durch die Qualitätskontrolle der Verlage. Es muss nicht unbedingt der erste sein. Man kann mehrere Verlage anfragen aber ohne Kontrolle kaum Chancen. Und man sollte einen Autor fragen wie er/sie es geschafft hat. Nutzt die Gelegenheit wenn einer seine Bücher signiert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Barba am 30.10.2016 11:08 Report Diesen Beitrag melden

    für sich

    Schreiben gehört zu einer meiner liebsten Freizeitbeschäftigung. Ich mache dies für mich. Weil es mir gut tut. Zu Schreiben oder gar zu Singen mit dem Ziel berühmt zu werden ist schon mal falsch in meinen Augen ! Meines Wissens hat selbst Tolkien seine Welt erschaffen um zu Verarbeiten und den Hobbit hat er für seine Enkel geschrieben.

  • Matthias G. am 29.10.2016 19:08 Report Diesen Beitrag melden

    Unterschiedliche Vorgaben

    Forschungsresultate von Geisteswissenschaftlern, zum Beispiel in Form von Dissertationen, müssen von diesen selbst finanziert werden. Eine Publikation als Buch ist toll, nachhaltig, aber teuer. Dies vor allem, wenn man einen der Fachverlage findet, der - was sehr selten geworden ist- das Manuskript noch professionell gegenliest und Korrekturvorschläge macht. Heute kann man Diss-Manuskripte auch in elektronischer Form einreichen. Sie sind dann aber schlechter auffindbar und können nicht in einem regulären Buchladen erworben werden. Druckkostenunterstützung gibt es hier kaum mehr.

  • Buchmarkt... am 29.10.2016 19:03 Report Diesen Beitrag melden

    Besser recherchieren

    Mit "Buch" scheinen hier ausschliesslich Romane gemeint zu sein. Es gibt aber zahlreiche weitere Gattungen, wie Lyrik (Gedichte), Erzählungen, Reiseliteratur, Sachliteratur, wissenschaftliche Werke. Die Situation ist in diesen Bereichen ganz verschieden und kann nicht über einen Kamm geschoren werden.

  • Priska am 29.10.2016 17:52 Report Diesen Beitrag melden

    Also eines weiss ich mit Bestimmtheit

    Jahrelang zu recherchieren und einen Roman zu schreiben, diesen zu redigieren, zu lektorieren und zu korrigieren, verlangt einiges mehr als hier doofe Kommentare hinzuschreiben. Und auch wenn der Erfolg auf sich warten lässt, eines ist gewiss. Man wird nicht mit 80 eines Morgens aufwachen und sich fragen warum man es nicht getan hat.

  • Nelly Feh am 29.10.2016 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    Begriffe durcheinander gewirbelt!

    Der Unterschied zwischen Self-Publishing und Druckkostenzuschlagverlag ist, dass man bei SP Büchern Kosten zwischen 0 und 100 Franken hat, bei den anderen bei etwa 2000 Franken anfängt. Das vor DKZ gewarnt wird ist ok, Self Publishing tut jedoch keinem weh. Wer sich überschätzt merkt das selber schnell!