«Zwölf Stämme»

20. Juni 2014 11:27; Akt: 20.06.2014 12:33 Print

Sektenkinder an Deutschland ausgeliefert

Nach der Razzia bei der bayrischen Sekte «Zwölf Stämme» wurden zwei Kinder von Mitgliedern in der Schweiz versteckt. Nun befasst sich das Bundesgericht mit dem Fall.

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Trügerische Idylle: Die urchristliche Sekte «Zwölf Stämme» in Bayern quälte ihre Kinder mit Schlägen. Am 15. Juni 2015 entschied das Oberlandesgericht Nürnberg, zwei Elternpaaren der Sekte das Sorgerecht für ihre Kinder nicht zurückzugeben. Die umstrittene Glaubensgemeinschaft war im September 2013 in die Schlagzeilen geraten, nachdem ein Reporter des Nachrichtensenders RTL die Misshandlungen mit verdeckter Kamera dokumentiert hatte. In einer Szene bringt eine Mutter ein kleines Mädchen in einen Kellerraum. Sie zieht dem Mädchen die Hose herunter und knallt mehrmals mit einer Rute auf die nackte Haut. Das Mädchen schreit, doch die Frau schlägt weiter. Der Journalist Wolfram Kuhnigk zeichnete Undercover die Misshandlungen in der Gemeinschaft auf. Nach einer Razzia der Polizei im Herbst 2013 versteckten die Mitglieder zwei Kinder in der Schweiz. Die deutschen Behörden baten die Schweiz nach der Razzia, die Kinder auszuliefern. Die Schweizer Behörden kamen dieser Aufforderung nach, ohne die Eltern anzuhören. Die Kinder wurden wieder nach Deutschland gebracht. Hier in der Klosteranlage Klosterzimmern in Bayern hatten sie zuvor mit den Eltern gelebt. Für Spielen verteilen die Erwachsenen den Kindern Rutenschläge auf den nackten Po. Nicht nur Eltern bestrafen die Kinder, sondern alle erwachsenen Gemeindemitglieder. Trotzdem beklagten sich die Kinder darüber, dass sie den Eltern weggenommen wurden. Die Eltern zogen daraufhin bis vors Schweizer Bundesgericht. Am 19. Juni 2014 ging dieses jedoch nicht auf die Beschwerde ein.

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Die Sekte «Zwölf Stämme» hat keinen guten Ruf. Ein RTL-Journalist schleuste sich vergangenes Jahr in die Gemeinschaft ein und dokumentierte, wie die Kinder der Mitglieder mit Stöcken geschlagen werden. Nach der Veröffentlichung der Videoaufnahmen leiteten die deutschen Behörden deshalb eine Razzia ein und befreiten 40 Kinder. Um ihren Nachwuchs vor der Justiz zu verstecken, brachten einige Mitglieder ihre Sprösslinge ins Ausland. Zwei von ihnen – 17- und 10-jährig – fanden Zuflucht in der Schweiz. Die deutschen Behörden appellierten deshalb an die Schweiz, die Kinder auszuliefern, wie der «Tages-Anzeiger» schreibt.

Zuständig für den Fall war die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Oberaargau BE. Diese kam der Aufforderung nach und liess die Kinder sofort ausliefern, ohne vorher die Eltern anzuhören. Doch das wollten sie sich nicht gefallen lassen. «Schreiend und zitternd» seien die Kinder aus dem Haus der Grossmutter getragen worden, berichtet der Vater der «Süddeutschen Zeitung». Die 17-jährige Tochter habe sich gar mit einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt und die Aktion als «brutalen und aggressiven Eingriff ins Privatleben» bezeichnet.

Bundesgericht setzt Entscheid aus

Die Eltern der Kinder gingen schliesslich einen Schritt weiter und wandten sich ans Berner Obergericht. Dieses trat jedoch nicht auf die Beschwerde ein, weshalb die Kläger ihr Anliegen vors Bundesgericht brachten. Doch auch dieses trat gestern nicht auf die Beschwerde ein. Der Grund: Zuerst müsse ein ordentliches Verfahren eingeleitet werden, in dem die Eltern angehört werden. Für die Kinder sei man allerdings gemäss dem Haager Kindesschutzübereinkommen nicht zuständig.

Trotzdem steht fest, dass eines der Kinder wieder zu den Eltern in die Schweiz zurückkehren darf. Denn die damals 17-jährige Tochter ist bald volljährig. Was mit dem zweiten Kind geschieht, wird sich zeigen, sobald das ordentliche Verfahren eingeleitet wird.

Die Sekte «Zwölf Stämme» begründet die körperliche Züchtigung mit der Bibel. Regelmässig werden Kinder verprügelt, selbst wenn sie spielen wollen. Die Schläge stammen nicht nur von den eigenen Eltern, alle Mitglieder sind berechtigt, Kinder zu züchtigen, wenn sie es für angebracht halten.

(vro)