«Für sauberes Trinkwasser»

12. Juli 2018 10:27; Akt: 12.07.2018 10:27 Print

So wollen Bauern die Pestizid-Initiative bodigen

von P. Michel - Die Bauern planen eine Allianz gegen die «Trinkwasser-Initiative». Gespalten sind sie bei der Frage, ob die Pestizid-Hersteller sich beteiligen sollen.

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Innert zehn Monaten kam die Trinkwasser-Initiative zustande. Sie will Bauern, die Pestizide verwenden oder prophylaktisch Antibiotika einsetzen, die Direktzahlungen streichen. Obwohl eine Abstimmung erst für 2020 angedacht ist, geht der Bauernverband bereits in die Offensive und gleist bereits eine Gegenkampagne auf. Dabei denkt der Verband auch darüber nach, die chemische Industrie einzubeziehen. In dieser Frage sind die Bauern gespalten. Nadja Pieren, SVP-Nationalrätin und Präsidentin des Gemüseproduzentenverbands Bern und Freiburg, findet es legitim, «dass sich auch Verbände finanziell und inhaltlich an Kampagnen beteiligen». Die Industrie könne den emotionalen und populistischen Argumenten der Initianten wissenschaftliche Fakten gegenüberstellen. Anderer Meinung sind mehrere Mitgliedsorganisationen des Bauernverbandes, die 20 Minuten angefragt hat. Für sie sind Gelder für die Gegenkampagne aus der chemischen Industrie ein No-go. Sie befürchten einen Glaubwürdigkeitsverlust. Auch FDP-Nationalrat und Landwirt Walter Müller sagt: «Die Industrie soll objektiv aus ihrer Sicht über die Folgen informieren, es braucht keine gemeinsame Kampagne mit den Bauern.» Ob Scienceindustries die Gegenkampagne des Bauernverbands unterstützt, ist noch nicht klar. «Für eine Entscheidung ist es noch zu früh – aber wir werden den Dialog mit allen Betroffenen suchen», sagt Michael Matthes. Die Trinkwasser-Initianten ihrerseits planen ein Fundraising, «um die Initiative finanziell zu stärken», wie es in einem Newsletter heisst. Der Gegenkampagne des Bauernverbands sieht sie gelassen entgegen. «Dass sogar daran gedacht wird, Gelder der Industrie anzunehmen, zeigt, wie hochbrisant und wichtig unsere Initiative ist.» Ansonsten müsse man ja nicht derart in Panik ausbrechen und auf Industrie-Gelder hoffen.

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Die Initiative «Für sauberes Trinkwasser» will Bauern, die Pestizide verwenden oder prophylaktisch Antibiotika einsetzen, die Direktzahlungen streichen. Das Thema bewegt die Schweiz: Nicht nur kam die Initiative innert 10 Monaten zustande, auch wollen sie laut Tamedia-Umfrage 68 Prozent der Bevölkerung unterstützen.

Obwohl eine Abstimmung erst 2020 angedacht ist, geht der Bauernverband bereits in die Offensive und gleist eine Gegenkampagne auf. Laut «Schweizer Bauer» verschickt der Verband noch diese Woche einen Brief an mögliche Interessenten einer Gegenkampagne. Dabei werde auch darüber diskutiert, ob die chemische Industrie der Allianz beitrete und sie finanziell unterstützen werde, sagte Sprecherin Sandra Helfenstein. Zudem hat der Verband die Domain Trinkwasserinitiative-nein.ch reserviert – darauf ist konsequent von «Pflanzenschutzmitteln» und nicht von Pestiziden die Rede. Die Kommunikation der Argumente für die Gegenkampagne soll in Workshops erarbeitet werden, heisst es auf Anfrage (siehe Box).

Sollen die Bauern die Pestizidhersteller an Bord holen?

Doch in der Frage, ob die Pestizidhersteller der Bauern-Kampagne beitreten und sie finanziell unterstützen sollen, ist der Verband gespalten. Nadja Pieren, SVP-Nationalrätin und Präsidentin des Gemüseproduzentenverbands Bern und Freiburg, findet es legitim, «dass sich auch Verbände finanziell und inhaltlich an Kampagnen beteiligen». Die Industrie könne den emotionalen und populistischen Argumenten der Initianten wissenschaftliche Fakten gegenüberstellen.

Anderer Meinung sind mehrere Mitgliedsorganisationen des Bauernverbandes, die 20 Minuten angefragt hat. Für sie sind Gelder für die Gegenkampagne aus der chemischen Industrie ein «No-Go». Kein Vertreter will seinen Namen in der Zeitung lesen. Ein Verband erklärt, aufgrund vieler offener Fragen bei der Umsetzung der Initiative sei man eher dagegen – aber mit der Agrarindustrie im Boot leide die Glaubwürdigkeit der Kampagne. «Das würde von den Befürwortern gnadenlos ausgeschlachtet und könnte beim emotionalen Thema Pestizide sogar kontraproduktiv wirken.» Auch FDP-Nationalrat und Landwirt Walter Müller sagt: «Die Industrie soll objektiv aus ihrer Sicht über die Folgen informieren, es braucht keine gemeinsame Kampagne mit den Bauern.»

Der Verband Scienceindustries, der Pestizid-Hersteller wie BASF, Bayer oder Syngenta vertritt, kämpft mit einer eigenen Website zum Thema Pflanzenschutz bereits gegen den Angriff auf ihr Geschäftsmodell. In «Faktenblättern» kommuniziert der Verband etwa, dass Bienenvölker nur «in Einzelfällen» durch Pestizide geschädigt würden oder dass ihre Produkte vor Ernteverlusten bis zu 40 Prozent schützten. Ob Scienceindustries die Gegenkampagne des Bauernverbands unterstützt, ist noch offen. «Wir sind klar gegen die Initiative. Für eine Entscheidung zur Unterstützung ist es noch zu früh – aber wir werden den Dialog mit allen Betroffenen suchen», sagt Michael Matthes.

«Reaktion zeigt, wie wichtig unser Anliegen ist»

Die Trinkwasser-Initianten ihrerseits planen ein Fundraising, «um die Initiative finanziell zu stärken», wie es in einem Newsletter heisst. Damit soll die schweizweite Abstimmungskampagne komplett finanziert werden. Zudem seien in den letzten Wochen grössere Spenden eingegangen, womit sie ihre Vollzeitstelle für die Initiative finanzieren könne, sagt Initiantin Franziska Herren.

Der Gegenkampagne des Bauernverbands sieht sie gelassen entgegen. «Dass sogar daran gedacht wird, Gelder der Industrie anzunehmen, zeigt, wie hochbrisant und wichtig unsere Initiative ist.» Ansonsten müsse man ja nicht derart in Panik ausbrechen und auf Industrie-Gelder hoffen.