Nicht nur für Homos

11. Dezember 2012 14:54; Akt: 11.12.2012 16:08 Print

Stiefkind-Adoption auch für Konkubinatspaare

von Simon Hehli - Dürfen Homosexuelle die Kinder ihrer Partner adoptieren? Um diese Frage drehte sich bisher die Stiefkind-Adoptions-Debatte. Doch die Vorlage gibt auch Hetero-Paaren mehr Rechte.

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Françoise Lacroix* ist wegen einer schweren Krankheit seit März 2000 querschnittsgelähmt. Die 1971 geborene Genferin ist auf die Hilfe ihrer Mutter Josephine angewiesen – und auf jene von Josephines Partner, ihrem neuen Vater Pierre. Seit 26 Jahren sind die drei eine Patchwork-Familie, geheiratet haben Josephine und Pierre jedoch nie. Nach der niederschmetternden Diagnose will Pierre Françoise adoptieren.

Umfrage
Sollen Konkubinatspaare, die in einer stabilen Beziehung leben, Kinder adoptieren dürfen?
63 %
18 %
19 %
Insgesamt 948 Teilnehmer

Aber da gibts eine grosse Hürde. Konkubinatspaaren ist die Stiefkindadoption in der Schweiz verwehrt. Es kommt zu einer absurden Situation: Das Genfer Kantonalgericht bewilligt im März 2001 zwar die Adoption. Doch gleichzeitig muss Josephine ihren rechtlichen Status als Mutter abtreten. Denn es ist für Unverheiratete wie Pierre nicht gestattet, eine Person zu adoptieren, die noch elterliche Bande hat. Françoise trägt nun den Nachnamen von Pierre.

Motion spricht von «allen Erwachsenen»

Am Donnerstag hat es der Nationalrat in der Hand, solche Zwickmühlen Konkubinatspaaren künftig zu ersparen. Nur wissen das die meisten Nationalräte gar nicht. Denn die Debatte über die Motion «Gleiche Chancen für alle Familien» drehte sich bisher nur um die Stiefkind-Adoption bei homosexuellen Paaren, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben.

Andrea Caroni, der das Geschäft im Namen der nationalrätlichen Rechtskommission (RK) im Plenum vertreten wird, interpretiert den Text jedoch anders. Er sei breiter gefasst und betreffe nicht nur so genannte Regenbogenfamilien. Tatsächlich wird der Bundesrat mit der Motion beauftragt, die Gesetze so zu ändern, dass «alle Erwachsenen, ungeachtet ihres Zivilstandes und ihrer Lebensform», das Kind des Partners oder der Partnerin, adoptieren können. Damit seien explizit auch heterosexuelle Konkubinatspaare mitgemeint, betont Caroni.

Kommissionsmitglieder wissen von nichts

Er habe bei der Diskussion innerhalb der Kommission auf diesen Sachverhalt hingewiesen, sagt der FDP-Mann gegenüber 20 Minuten Online. Auch beim Sekretariat der RK heisst es, der Text sei eindeutig: Es gehe um alle Erwachsenen, die in einer Partnerschaft leben – egal ob homo- oder heterosexuell. Doch mehrere Kommissionskollegen reagieren überrascht auf Caronis Auslegung. So sagen Jean Christoph Schwaab (SP), Viola AmherdViola
Amherd

CVP, VS
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(CVP) und Daniel VischerDaniel
Vischer

GPS, ZH
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(Grüne), sie hätten die Vorlage bisher immer anders verstanden.

Gegen eine Ausweitung der Stiefkindadoption auf Konkubinatspaare hat Jurist Schwaab nichts einzuwenden: «Das ist meistens im Interesse des Kindes.» Dennoch glaubt der Waadtländer, eine buchstabengetreue Auslegung werde der Motion nicht gerecht. Der Wille des Motionärs – ursprünglich die RK des Ständerates – sei klar: «Sie wollte homosexuelle Paare besser stellen, nicht Konkubinatspaare.»

Für die Vorlage wirds knapp

Unabhängig von der Auslegungsfrage: Ob die Vorlage im Nationalrat durchkommt, ist ungewiss. Die Mehrheit von 11 zu 8 in der Kommission kam nur zustande, weil die drei CVP-Vertreter Ja stimmten. Wie Viola Amherd sagt, ist das Trio mit seiner Haltung in der Fraktion jedoch klar in der Minderheit. Weil es auch in der FDP Opposition gegen die Stiefkindadoption gibt und die SVP sich geschlossen dagegen stellen wird, könnte eine Nein-Mehrheit zustande kommen.

Stimmt der Nationalrat dennoch zu, darf Justizministerin Simonetta Sommaruga eine gesetzliche Basis für die Stiefkindadoption erarbeiten. Und das nicht nur für Homosexuelle: Vieles deutet daraufhin, dass die SP-Bundesrätin in die gleiche Richtung zielt wie Andrea Caroni.

In seiner Antwort auf die Adoptionsmotion fokussierte der Bundesrat zwar auf die gleichgeschlechtlichen Paare. Doch daraus dürfe man nicht schliessen, dass die Regierung gegen die Adoption bei Konkubinatspaaren ist, heisst es beim Bundesamt für Justiz. Während der Debatte im Ständerat im März sprach Sommaruga von beträchtlichen Inkohärenzen beim Adoptionsrecht – und schloss dabei explizit auch Konkubinate mit ein.

Die Lacroix bekamen in Strassburg recht

Bereits im April 2009 kündigte der Bundesrat zudem an, bei der Revision des Adoptionsrechts die Gleichstellung von Konkubinats- mit Ehepaaren zu prüfen. Er bezog sich dabei auch auf den «Falls Lacroix»: Françoise, Josephine und Roland hatten vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Behandlung durch die Schweizer Gerichte geklagt – und 2007 Recht erhalten.

Der Rüffel aus Strassburg bewog das Parlament im letzten Jahr dazu, ein erstes Mal den Bundesrat zu beauftragen, Paaren in einer «stabilen faktischen Lebensgemeinschaft» die Adoption zu ermöglichen – ein Entscheid, der durch ein Ja am Donnerstag noch mehr Gewicht erhielte.

* Namen von der Redaktion geändert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Andrea Mordasini am 14.12.2012 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    Gleiche Rechte für Regenbogenfamilien!

    Auch gleichgeschlechtliche Paare sollen das uneingeschränkte Recht haben, ohne Hindernisse und Schikanen eine Familie zu gründen, Kinder adoptieren und grossziehen zu dürfen. Es kommt nicht darauf an, ob die Eltern hetero, bi- oder homosexuell sind Hauptsache die Kinder werden überall bedürfnisorientiert und gewaltlos erzogen und mit viel Liebe, Wärme, Nähe, Zuneigung, Geborgenheit, Zuwendung und Sicherheit durchs Leben hindurch begleitet!

  • vinca minor am 12.12.2012 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    Adoption: von wem?

    Mir scheint, dass niemand ein Recht hat über anderer Menschen Lebenssituation zu urteilen. Ich bin sehr dafür, dass das Wohl des/der Kind/er erste Priorität hat. Als Kind geschiedener Eltern, wäre ich froh um einen "passenden, neuen" Elternteil gewesen. Das Thema ist so vielseitig und komplex wie die Menschen die's betrifft, egal ob hetero, homo oder bi. Das Wichtigste ist der gesunde Menschenverstand und vernünftige Beurteilung des jeweiligen Falles.

  • Sonnenschein am 12.12.2012 09:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr seltsam!!!!

    Lustig dass es diskutiert wird, ob Homosexuelle Paare, Kinder adoptieren können.... Es dreht sich alles um die Eltern. Es gibt auch Hetero Paare die nicht dürfen, nur weil eine von denen als Jung ein Fehler machte und Vorbestraft ist. Bei solche Fälle kommt nicht in Frage eine Adoption. Wird gar nicht berücksichtigt dass es viele Kinder gibt, die Egal ob Homo, Hetero oder Vorbestraft, einfach eine Familie und ein Zuhause haben TRÄUMEN...

  • Carlitos am 12.12.2012 00:20 Report Diesen Beitrag melden

    Aber...

    Es geht ja nicht nur um Homo vs. Hetero!! Was passiert wenn die Eltern sich scheiden lassen und die Mutter und der neue meinen  er könne das Kind adoptieren obwohl der Vater noch lebt und versucht so gut wie möglich für das Kind da zu sein? Mal angenommen die Mutter strebt das alleinige Sorgerecht an und Heiratet den neuen?

  • Djavid Scöff am 11.12.2012 23:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stop!

    So kann es doch nicht weitergehen! Irgendwann ist die Schmerzensgrenze überschritten!

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