Rufnummer 147

06. April 2018 05:45; Akt: 06.04.2018 05:45 Print

350 Jugendliche suchen pro Tag Hilfe beim Notruf

von B. Zanni - Zwei- bis dreimal täglich melden sich Jugendliche beim Notruf der Pro Juventute mit Gedanken oder Fragen zum Suizid.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Hilfeschrei kommt von einem 15-jährigen Jungen: «Ich will in der Familie nicht mehr so leben, weil mein Vater eine Scheissmissgeburt ist. Helfen Sie mir. Ich will nicht mehr leben.» Er droht: «Wenn Sie keine Lösung haben, da töte ich mich. Danke.»

Umfrage
Haben Sie sich bei Problemen auch schon professionelle Hilfe geholt?

Zutiefst verzweifelt ist auch eine 14-Jährige. «Ich werde gemobbt, weil ich angeblich auf Frauen stehe. Ich werde oft als Schlampe bezeichnet, weil ich mich anscheinend so kleide», schreibt die Jugendliche. Sie frage sich echt, was an ihr so falsch sei, denn eine Antwort darauf bekomme sie nicht. «Ich denke oft darüber nach, mir das Leben zu nehmen oder abzuhauen.»

Druck und Überforderung

Jeden Tag kontaktieren rund 350 Kinder und Jugendliche die Notrufnummer 147 von Pro Juventute (siehe Box). Durchschnittlich zwei- bis dreimal täglich melden sich Jugendliche mit Suizidgedanken oder Fragen zu diesem Thema bei den Beratern. Laut der Stiftung nimmt der Anteil der Anfragen zu schwerwiegenden Problemen weiter zu: Im Jahr 2017 drehten sich rund 29 Prozent aller Meldungen um Fragen zu persönlichen Krisen, Suizidgedanken, Angst und ähnlichen Themen. 2009 hatte dieser Anteil noch rund 11 Prozent betragen.

Im vergangenen Jahr suchten knapp fünf Prozent der Jugendlichen Hilfe im Zusammenhang mit dem Thema Suizid oder konkreten Suizidgedanken. 2011 waren es erst 1,5 Prozent gewesen. Pro Juventute führt den Anstieg darauf zurück, dass Druck und Überforderung heute auch junge Menschen und gar Kinder betreffen. Auch litten diese zunehmend unter Stress.

«Betroffene haben meist keinen Todeswunsch»

Pro Juventute wertet den Anstieg nicht nur negativ. «Die vermehrten Anfragen zeigen, dass die Jugendlichen in ihrer Krise eine Lösung suchen», sagt Thomas Brunner, Abteilungsleiter Beratung und Unterstützung. Drohe ein Jugendlicher mit Suizid, handle es sich zudem oft um eine sehr impulsive Reaktion auf ein Problem. «Meist haben die Betroffenen keinen Todeswunsch, sondern können einfach nicht mehr gleich weitermachen.»

Laut Brunner gelingt es den Beratern in den meisten Fällen, die Jugendlichen zu stabilisieren. «In jährlich rund 50 Fällen genügt ein Gespräch aber nicht, sodass wir eine Blaulichtorganisation aufbieten müssen.» In solchen Situationen blieben die Berater auch mal am Telefon, bis sich die Person an einen sicheren Ort begeben habe. «Es kann vorkommen, dass wir warten, bis sie in den Bus einsteigt, und mit ihr am Draht bleiben, während sie eine Dreiviertelstunde quer durch die Stadt bis in die Klinik fährt.»

Jugendliche beraten Jugendliche

Um Jugendliche in Krisensituationen noch besser unterstützen zu können, bietet Pro Juventute ab dem 9. April 2018 jeweils am Montagabend von 19 bis 22 Uhr einen Chat-Kanal mit jugendlichen Peer-Beratern. Dazu zählt etwa die 18-jährige Gymnasiastin Valy. «Ich lebe mit meiner Mutter, war als Kind aber oft in einer Pflegefamilie, wenn es ihr nicht gut ging und sie in der Psychiatrie oder im Spital war», stellt sie sich vor. Aus eigener Erfahrung könne sie die Jugendlichen unter anderem zu Selbstverletzung und Suizidgedanken beraten.

Ein Student namens SommerBrise berichtet, in einer Patchworkfamilie aufgewachsen zu sein. Aufgrund persönlicher Erfahrungen könne er die Jugendlichen etwa zur Trennung der Eltern, zu Freundschaften, Liebeskummer und Coming-out beraten. Ein erfahrener Peer-Coach begleitet die jungen Berater. Die Fachperson gibt Tipps, macht auf Gefahren aufmerksam und kann von Jugendlichen zur Unterstützung beigezogen werden. Im Notfall greift sie auch direkt in einen Chatverlauf ein und kann eine Krisenintervention auslösen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ibiness am 06.04.2018 07:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krank

    Dieses ganze Konsumdenken von uns Menschen verbrennt uns langsam. Es ist Zeit zu einem simpleren Denken zurückzukommen, wo Platz für Fehler und Menschlichkeit bleibt!

    einklappen einklappen
  • Jacques am 06.04.2018 07:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Familienstrukturen.

    Das ist das Resultat unserer neuen Freiheiten. Jede und jeder kann tun und lassen was er, sie will. Keine Leitplanken mehr. Scheiden, Trennen, Patchwork, niemand zu Hause da Beide arbeiten müssen oder wollen, Alleinerziehende, Kurz: Keine Familienstrukturen mehr. Hinzu kommt Druck durch due Gesellschaft. Druck am Arbeitsplatz, schlecht bezahlte Arbeut, Druck beim Pendeln, in der Schule, das Internet mit Facebook usw.

    einklappen einklappen
  • Payne am 06.04.2018 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht verwundert

    Sehr traurig aber leider ist unsere Leistungs-Geselschaft am Abgrund!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • o.p. am 06.04.2018 21:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einfach ein Dankeschön

    Vielen herzlichen Dank dafür, dass ihr den jungen, verzweifelten Menschen beisteht und Hilfe anbietet! Wie man an den unzähligen Anrufen sehen kann, braucht es euch!

  • Max M am 06.04.2018 19:12 Report Diesen Beitrag melden

    Druckanstieg

    Ja, der Druck wird immer höher, aber nicht nur der Leistungsdruck sondern vor allem der Soziale.

  • MonaLisa am 06.04.2018 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    Wo endet das?

    Erbärmlich wenn man nur noch für "Luxus-Güter" Zeit hat aber die eigene Familie vernachlässigt. (egal m/w) Legt doch einfach einen Gang zurück und geniesst die Lieben zu Hause. Liebe kann man nicht kaufen sondern man ist immer damit beschäftigt und ein Dankeschön dafür ist das grösste Geschenk.

  • Tschutschu am 06.04.2018 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Psychologen überforderet

    Ich war 5 Wochen in der Psychiatrie, sie haben nichts gemacht.In der 4 Woche hiess es, Ihr austritt ist in der 5 Woche.Ich wollte bleiben. Bin jetzt nur im Bett und es geht gar nichts

  • Martin am 06.04.2018 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    Ist bestimmt der Dichtestress.

    SVP hat die Lösung für alle Probleme.