Banküberfall in Genf

25. September 2013 20:37; Akt: 29.09.2013 09:54 Print

Tiger-Kidnapping: Neue Gefahr für die Schweiz

von Samuel Hufschmid - Banküberfälle mit Geiselnahme von Angehörigen wie gestern in Genf werden kein Einzelfall bleiben – Experten sprechen von einem neuen Sicherheitsrisiko für Banken und Juweliere.

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Im Film «Firewall» (2006) wird Harrison Ford gezwungen, eine Bank auszurauben, um seine Familie zu retten. (Bild: outnow.ch)

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Bei einem Banküberfall in Genf haben Bankräuber am Dienstag die Familienmitglieder eines UBS-Angestellten gekidnappt und ihm während einer Zigaretten-Pause ein Foto der festgehaltenen Angehörigen gezeigt. Daraufhin entnahm der Angestellte aus dem Tresor ein Lösegeld in unbekannter Höhe und übergab es den Tätern, die unerkannt entkommen konnten und weiterhin auf der Flucht sind.

Experten gehen davon aus, dass diese Erpressermethode kein Einzelfall bleiben wird. «Tiger-Kidnapping ist die zukünftige Masche von Bank- und Schmuckräubern», sagt der Deutsche Sicherheitsberater Martin Winckel. Dabei würden die Mitarbeiter von Firmen zunächst ausspioniert. Danach würden Familienmitglieder von sogenannten «Schlüsselträgern» als Geiseln genommen, um die Herausgabe von Geld oder Schmuck zu erpressen. «Schlüsselträger sind all jene Personen in einer Firma, die alleinigen Zugang zu alarmgeschützten Geschäftsräumen und Wertbehältnissen haben», erklärt der Sicherheitsexperte. Das perfide an der Methode sei, dass auch die besten Alarmanlagen nutzlos seien, weil niemand Alarm schlägt, wenn seine Kinder in den Händen der Verbrecher seien.

Mehrere Fälle im Ausland

Erstmals eingesetzt wurde die Methode in den 70er-Jahren in Irland. Dort erhielt sie auch ihren Namen, weil die Täter, ähnlich dem Verhalten eines Tigers, sein Opfer sorgfältig auswählt, beobachtet und schliesslich zuschlägt. Auch aus den USA, Belgien und Frankreich sind mehrere Fälle bekannt. «Im deutschsprachigen Raum ist das Tiger-Kidnapping bisher nicht aufgetreten. Viele Firmen und Mitarbeiter sind sich der Gefahr gar nicht bewusst», so Winckel, der Juweliere in Sicherheitsfragen berät.

Auch ETH-Sicherheitsforscher Christian Nünlist bestätigt auf Anfrage, dass Kidnapping-Fälle aufgrund der globalen Finanzkrise seit 2008 weltweit zugenommen haben. «Dazu gehört auch die besonders raffinierte Variante des Tiger-Kidnapping, wie sie offenbar in Genf praktiziert wurde. Dieses Vorgehen ist neu für die Schweiz. Bisher waren Schweizer Bürger eher im Ausland gefährdet, von Kriminellen oder Terroristen entführt zu werden», so Nünlist, der aktuell an einer Analyse zum Thema Entführungen mit Lösegeldforderungen arbeitet.

Angst macht das «Tiger-Kidnapping» auch den Bijoutiers: «Für uns ist Tiger-Kidnapping das absolute Horror-Szenario», sagt der Verbands-Präsident der Schweizer Goldschmiede und Uhrenfachgeschäfte André Hirschi. Es habe schon Fälle gegeben, in denen Inhaber von Bijouterien und deren Familien nachts überfallen und zur Herausgabe von Schmuck gezwungen worden seien. «Die Betroffenen leiden jahrelang unter diesem traumatischen Erlebnis», so Hirschi, der selber in Davos eine Bijouterie betreibt. Ein Fall wie in Genf habe es hingegen seines Wissens in der Schweiz noch nie gegeben.

Mitarbeiter können geschützt werden

Hirschi rät bei Überfällen von jeglicher Gegenwehr ab. «Wir haben im Verband diverse Schulungen zum Thema Sicherheit durchgeführt und raten unseren Mitgliedern, sich bei Überfällen nicht zu wehren. Sicherheitsberater Winckel sagt, dass es sehr wohl effektive Schutzmassnahmen gebe, will darüber aber nicht öffentlich Auskunft geben. Ein Mitarbeiter aus der Sicherheitsbranche, der anonym bleiben will, sagt, dass die ganze Branche aktuelle und künftige Bedrohungen genau analysiere und sich entsprechend wappne. So sei vielerorts das Vier-Augen-Prinzip eingeführt worden, um einzelne Mitarbeiter besser zu schützen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bürger am 25.09.2013 21:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verbrecher animieren!

    Vielen Dank für die gute Werbung! Da kommt ja mal glatt auf die Idee was zu planen.... Echt mal! Muss so ein Beitrag sein?????

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  • Skepti Ker am 25.09.2013 22:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    seltsam...

    dass niemand auch nur in Erwägung zieht, dass Mitarbeiter möglicherweise auch mal in so einer Aktion mit drinstecken könnten... muss nicht sein, könnte es aber durchaus..

  • Nwankwo am 25.09.2013 21:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dass ist nicht neu

    in andern Länder passiert das jeden Tag

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Die neusten Leser-Kommentare

  • tschibeli am 26.09.2013 10:56 Report Diesen Beitrag melden

    Sempach vor 30 Jahren

    Das gab es schon einmal in Sempach bei der LUKB vor etwa 30 Jahren. Da wurde der Chef am Mittag beim abschliessen der Bank auch aufgefordert, Geld heraus zu geben, denn seine Familie wurde auch bedroht. Ob es beim Versuch blieb oder ob es klappte weiss ich leider nicht.

  • Anna Erlebt am 26.09.2013 06:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist Glück

    So schön, dass ich davor keine Angst zu haben brauche. Ich bin nicht in diesem Sektor tätig und auch nicht Vermögend. Welch ein Glück!!

  • Hans Gwüsst am 26.09.2013 03:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das soll neu sein...?

    Das gab es alles schon - vor bald 25 Jahren... Hier in der Schweiz und mit Schweizer Drahtzieher. In einer Ostschweizer Raiffeisenbank-Filiale, wurde die Familie des Bankleiters zu Hause festgehalten; es fielen sogar Schüsse im Haus. Der damals, schweizweit als 'Ausbrecherkönig' bekannte Walter Stürm, war Drahtzieher der ganzen Sache. Er versteckte sich anschliessend ein paar Wochen in einem leerstehenden Ferienchalet und nahm sich, kurz nach der Inhaftierung 1999, in Frauenfeld das Leben. Das sind üble Geschichten - und es brauchte nicht mal offene Grenzen dazu...

  • peter brogle am 26.09.2013 01:03 Report Diesen Beitrag melden

    das timing stimmt ??????

    aber eigenartig das timing wie besprochen und grad noch das richtige familiebfoto zur richtigen rauchpause des mitarbeitenden,da stellen sich doch fragen oder nur bei mir

    • jasmin am 26.09.2013 06:17 Report Diesen Beitrag melden

      nein......

      nein PETER BROGLE gestern hatten wir die gleiche diskusion zu hause. es gibt viel zu viele offene fragen. unsere kinder sind überzeugt das auch der erpresste mit drin hängt. ich selber habe auch grosse zweifel an der geschichte und der glaubwürdikeit des erpressten.

    • G. Ritter am 26.09.2013 06:50 Report Diesen Beitrag melden

      Alter Trick

      Vielleicht tun wir den "Opfern" ja Unrecht. Aber solche Fälle, wie ihr das hier vermutet, sind schon häufiger vorgekommen. Die Schweiz verliert ihre "Unschuld". Besonders dank dem Schengen-Abkommen. Da sind grenznahe Orte wie Genf besonders gefährdet. Da sind die bösen Jungs schnell wieder über die Grenze entwischt. Ob dieser Fall nun echt, oder getürkt ist, es wird in nächster Zeit nicht der einzige bleiben.

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  • Einfach so am 26.09.2013 00:40 Report Diesen Beitrag melden

    eher Zigarettenpause abschaffen

    Mich erstaunt, wie leicht der Angestellte scheinbar an das Geld kam. Wenige tausend Franken kann ich noch nachvollziehen, mehr aber nicht. Auch dass er genau den gesuchten Mitarbeiter locker bei der Zigarettenpause antraf, erstaunt sehr. Für mich ist was faul an der ganzen Geschichte. Entweder sind die Sicherheitsvorkehrungen der Bank äusserst fragwürdig bzw. mangelhaft oder die Sache war abgesprochen. An der grundsätzlichen Gefahr des Tiger-Kidnappings ändert das allerdings nichts.