Als Krankheit anerkannt

12. Februar 2018 11:59; Akt: 12.02.2018 17:09 Print

Bekommen Game-Süchtige nun IV-Renten?

von Jennifer Furer - Die Weltgesundheitsorganisation WHO klassifiziert Videospielsucht erstmals als Krankheit. Schweizer Fachleute begrüssen das.

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Videogames sind ein schöner Zeitvertreib. Allerdings können sie aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation auch krank machen: Sie hat Videospielsucht erstmals als Krankheit anerkannt. (Im Bild: Screenshot von «Diablo III») Videospielsucht wird als ein Muster anhaltenden oder wiederkehrenden Spielverhaltens eingestuft, das über das Internet oder offline auftreten kann. Dabei verliert man die Kontrolle, und das Spielen nimmt eine Priorität ein, die einschränkend auf andere Aspekte des Lebens wirkt. Das Verhaltensmuster ist laut WHO so schwerwiegend, dass es in persönlichen, familiären, sozialen, erzieherischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen zu erheblichen Beeinträchtigungen kommt. Als süchtig gilt man als Betroffener, wenn das Spielverhalten und andere Merkmale über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten sichtbar sind. Die erforderliche Dauer kann verkürzt werden, wenn alle diagnostischen Anforderungen erfüllt und die Symptome schwerwiegend sind. Dass zu ausdauerndes Spielen auch körperliche Schäden verursachen kann, musste auch eine junge Chinesin lernen: Nachdem sie ununterbrochen das Smartphone-Spiel «Honour of Kings» gespielt hatte, bemerkte die 21-Jährige, dass sie mit dem rechten Auge nicht mehr sehen konnte. Sie suchte ärztliche Hilfe. Nach Untersuchungen in mehreren Spitälern stand fest: Die Frau hatte eine Netzhaut-Arterien-Verstopfung erlitten. Bei einer solchen gelangt kein Blut mehr in die Netzhaut, was zur Erblindung führt.

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Wer stundenlang Videogames spielt und erhebliche Beeinträchtigungen davon trägt, gilt neu als psychisch krank. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat am Mittwoch bestätigt, dass sie die Sucht nach Videospielen in ihren Katalog von psychischen Krankheiten aufnimmt. Dieser wird im Juni aufgelegt. Künftig stützen sich etwa nationale Gesundheitsbehörden und Versicherungen darauf.

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In der Schweiz sind gemäss dem Suchtmonitoring Schweiz 7 Prozent der 15- bis 19-Jährigen von einer problematischen Internetnutzung betroffen. Isabel Willemse, Psychologin und Psychotherapeutin der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), begrüsst den Schritt der WHO: «Vielen Betroffenen und Eltern kann die Anerkennung nun die Sicherheit geben, dass wir eine Bezeichnung für ihre Krankheit haben und dass diese auch anerkannt wird.» Es könne hilfreich sein, wenn Videospiel-Sucht definiert und klar unterschieden werde zwischen «viel gamen» und einer tatsächlichen Verhaltenssucht.

«In der Schweiz besteht Handlungsbedarf»

Auch aus therapeutischer Sicht helfe es, wenn die Videospiel-Sucht als Krankheit anerkannt werde. «Viele Psychologen, die nicht auf dieses Thema spezialisiert sind, können der Krankheit einen Namen geben und anhand von Kriterien die Diagnose stellen», sagt Willemse. Im Moment seien die Beschreibungen in der Beta-Version noch vage. Auch die Zusammenarbeit mit den Versicherungen werde vereinfacht, indem die Videospiel-Sucht nun als Krankheit diagnostiziert und mit einer Nummer angegeben werden könne.

Dass die Video-Spielsucht als Krankheit anerkannt werde, kurble die Diskussion über die Thematik an. Das sei auch in der Schweiz notwendig, denn auch hier bestehe Handlungsbedarf. «Es muss mehr geforscht werden, die Präventionsarbeit muss ausgeweitet werden, aber auch die Weiterbildungen von Therapeuten bedürfen diesbezüglich einer Aktualisierung.» Auch die Anbieter, also Videospiel-Hersteller, müssten mehr in die Verantwortung genommen werden.

Kritik an WHO

Trotz der positiven Aspekte übt Willemse Kritik an der WHO: «Andere Unterformen der Internetsucht werden nicht spezifisch aufgegriffen. Aber auch diese verlangen nach einer Anerkennung und Definition.» Zudem sei der Entwurf des Katalogs vage und erfasse die Diagnosekriterien einer Videospiel-Sucht noch nicht.

Anders als auf globaler Ebene ist es in der Schweiz bereits so, dass sämtliche problematischen Ausprägungen der Internetnutzung unter einem Begriff zusammengefasst werden, sagt Adrien Kay, Sprecher des Bundesamts für Gesundheit. «In der Schweiz wird Videospielsucht innerhalb der nationalen Strategie Sucht behandelt. Sie wird nicht als gesonderte Krankheit betrachtet, sondern als Teil der problematischen Internetnutzung.» Deshalb habe die neue Änderung keine direkten Auswirkungen auf die Schweizer Praxis — ausser dass mehr Diagnosen gestellt werden könnten und die Problematik anerkannt werde.

Keinen Einfluss auf die Invalidenversicherung

Auch beim Bundesamt für Sozialversicherung heisst es, dass die Anerkennung einer Diagnose keine Auswirkungen etwa auf die Invalidenversicherung (IV) habe. «Die IV-Leistungen sind nicht an Diagnosen gekoppelt, mit anderen Worten: Krankheiten geben nicht automatisch Anspruch auf IV-Leistungen», sagt Corinne Zbären-Lutz, stellvertretende Geschäftsfeldleiterin IV. Eine IV-Rente erhalte nur, wer bleibend einen Erwerbsausfall habe, da die Erwerbsunfähigkeit versichert sei und nicht die Krankheit.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Päde am 12.02.2018 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    So ein Blödsinn

    Wieso IV? Game selber fürs Leben gern aber deswegen nicht arbeiten und oder meine "Pflichten" nicht mehr wahrnehmen? Geht's noch? Aber das ist wohl bei der "antiautoritären" Erziehung normal heutzutage? Die Menschheit ist komplett am Verblöden.

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  • Ernst am 12.02.2018 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    wann um Himmelswillen

    hat ein Game-Süchtiger schon Zeit zum Arbeiten?

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  • Paul am 12.02.2018 12:52 Report Diesen Beitrag melden

    Arbeit

    Bin glaub Arbeitssüchtig. Verbringe über 8 Stunden im Büro und starre dabei auch immer in den PC. Habe daneben kaum Zeit für Hobbies und Freizeit, da ich 5 Tage pro Woche den ganzen Tag mit Arbeiten verbrauche. Am Abend fühle ich mich dann immer ganz leer und ausgebrannt. Mache auch insgesamt nur etwa 5 Wochen pro Jahr Pause von dieser extremen Dauerbeschäftigung. Was empfiehlt mir das BAG oder die WHO zum Umgang mit dieser Krankheit ?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ich_ am 12.02.2018 20:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sonst noch was?

    Na soweit kommts noch....

  • Dogi24 am 12.02.2018 18:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aber selbstverständlich..

    ..muss doch der Überschuss der Staatsgelder irgendwo investiert werden. Voll vernünftig..

  • Urs am 12.02.2018 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Problem

    Hm, wenn man de "Invaliden" kein Geld für Strom, PC und Handy lässt ist es doch ganz schnell vorbei mit dem Problem? So hat sich bei einem Verwandten das Problem ganz schnell gelöst.

  • SinShin am 12.02.2018 18:12 Report Diesen Beitrag melden

    Prävention? Null?!

    Einem Süchtigen eine IV-Rente zu geben, bekräftigt Sie nur in Ihrem tun. Eine Anständige Therapie und Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist eher sinnvoll...

  • Oscar am 12.02.2018 18:06 Report Diesen Beitrag melden

    schwer zu fassen

    Was müssen nocht alles Arbeitnehmer bezahlen: Drogen- und Spielsucht? Mamma mia