Volksbegehren

16. Mai 2018 12:16; Akt: 16.05.2018 12:16 Print

Schweizer können über Pestizide abstimmen

An der Urne soll demnächst über ein Verbot von synthetischen Pestiziden in der Landwirtschaft entschieden werden. Der Bauernverband lehnt die Initiative ab.

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Schweizer Bauern setzen bei ihrer Arbeit auf die Hilfe von Pflanzenschutzmitteln. 20 Minuten zeigt, in welchen einheimisch produzierten Lebensmitteln Pestizide zurückbleiben können. In der Schweiz werden jährlich 2200 Tonnen Pestizide ausgebracht – auch für die Produktion von Äpfeln. Gegen den Apfelschorf, der bei den Früchten bräunliche Flecken verursacht, wird Captan gespritzt. Ein potenziell krebserregendes Gift. Greenpeace entdeckte bei einer Untersuchung 2015 in vier von acht konventionellen Schweizer Äpfeln Rückstände von Pestiziden, darunter Captan. Die Schweizer Grenzwerte wurden aber eingehalten. Laut der Stiftung Vision Landwirtschaft ist der hohe Pestizid-Einsatz bei Obst darauf zurückzuführen, dass die Händler makellose Ware forderten. Die Hauptquelle für das Schweizer Trinkwasser ist das Grundwasser: 80 Prozent wird aus dem Untergrund gepumpt. An jeder fünften Trinkwasserfassung wird laut der nationalen Grundwasserbeobachtung jedoch der Toleranzwert bei Pestiziden von 0,1 Mikrogramm pro Liter überschritten. Die Stiftung Vision Landwirtschaft hält in einer Analyse fest, «dass laut einer zunehmenden Anzahl von Studien die permanente Pestizidexposition über Nahrungsmittel einen relevanten Risikofaktor für Krebs, Parkinson, oder Entwicklungsstörungen bei Kindern» darstellt. «Angesichts des sehr verbreiteten Einsatzes von Pestiziden im Weinbau» untersuchte im Juni der Verband der Schweizer Kantonschemiker 156 Schweizer und 99 ausländische Weine. Laut dem Verband verwenden Schweizer Weinbauern häufiger verschiedene Pestizide als ihre ausländischen Kollegen, weil die Reben bereits gegen das Gift resistent geworden sind. Das Fazit der Untersuchung: Nur 20 von 255 Proben waren völlig frei von Pestiziden. Sechs Weine überschritten die Grenzwerte, wobei es sich ausschliesslich um Schweizer Weine handelte. Neonikotinoide sind Nervengifte und gehören zu den effektivsten Mitteln der Schädlingsbekämpfung. Schweizer Bauern verwenden es für die Behandlung von Rüben oder Raps. Laut Bundesrat sind die Rückstände in den essbaren Pflanzenteilen «sehr gering bis nicht nachweisbar». Zu schaffen machen sie den Bienen, die als Bestäuber mit dem Gift in Kontakt kommen. Im Honig sind ist das Mittel für den Menschen in der Regel unbedenklich. Laut Studien könnten Neonikotinoide aber schuld am Bienensterben sein, da die Bienen ihre Orientierung und das Gedächtnis verlieren.

Zum Thema
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Für die Initiative «für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» sind nach Angaben des Initiativkomitees genügend Unterschriften zusammengekommen. Das Volksbegehren sei erfolgreich abgeschlossen, teilte das Komitee am Mittwoch mit.

Die Initiative soll am 25. Mai, kurz vor Ablauf der Sammelfrist, der Bundeskanzlei überreicht werden. Offiziell haben die Urheber der Initiative bis zum 29. Mai 2018 Zeit, die nötigen 100'000 Unterschriften einzureichen.

Umsetzung innert zehn Jahren

Die Initianten aus dem Kanton Neuenburg wollen den Einsatz synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion, in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und in der Boden- und Landschaftspflege verbieten.

Verboten werden soll auch die Einfuhr von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher Substanzen hergestellt worden sind. Die Initiative müsste innerhalb von zehn Jahren auf Gesetzesebene umgesetzt werden.

Auch Trinkwasser-Initiative eingereicht

Das Komitee setzt sich aus sieben Personen aus der Region Neuenburg zusammen. Die Initianten gehören nach eigenen Angaben keiner politischen Partei an. Sie danken in ihrer Medienmitteilung «den über 140'000 Schweizerinnen und Schweizern», darunter auch vielen jungen Menschen, die sich für das Zustandekommen der Initiative engagiert hätten.

Bereits eingereicht wurde die wesensverwandte Trinkwasser-Initiative. Sie verlangt, dass nur noch Landwirtschaftsbetriebe Subventionen erhalten, die auf den Einsatz von Pestiziden und vorbeugend verabreichte Antibiotika verzichten.

Landwirtschaft befürchtet Einbussen

Der Bauernverband (SBV) lehnt beide Initiativen ab. Auch er wolle Pestizide bekämpfen, sagte er im vergangenen Sommer an einer Medienkonferenz zum Thema. Einen vollständigen Verzicht sieht der Verband jedoch kritisch. Ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln würden die Erträge in der Landwirtschaft um 20 bis 40 Prozent schrumpfen, warnte er.

(chi/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patrick am 16.05.2018 09:18 Report Diesen Beitrag melden

    Voll dafür!

    Die Frage ist nicht, ob die Landwirtschaft ohne dieses Gift überlebt. Sondern die Frage ist, wollen wir uns selber langsam vergiften oder nicht. Wer glaubt dass diese Gifte einfach verschwinden, irrt sich gewaltig. Auch wenn die Chemieriesen immer betonen, dass es für den Menschen ungefährlich ist. Fakt ist, das gift tötet Insekten und Pflanzen, ergo kann es für den Menschen nicht gesund sein. Und wenn unsere Bienen sterben, dann sterben auch bald wir.

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  • Pat am 16.05.2018 09:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weniger ist mehr

    Damit wir die Natur respektieren können, müssen wir alle Einbussen in kauf nehmen. Weniger aber dafür besser und vor allem gesünder!!

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  • Markus am 16.05.2018 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nach oben

    Und wenn der Grenzwert nicht mehr den Wünschen der Industrie und Handel passt, wird er nach oben gesetzt. Wäre nicht das erste mal.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • wildh. am 17.05.2018 21:51 Report Diesen Beitrag melden

    Zu wenig Wissen

    Das ist der halbe Tod für die Landwirtschaft. Aber dann vieles Importiren und nicht wissen woher und wie hergestellt.

  • Lara Stauffer am 17.05.2018 14:29 Report Diesen Beitrag melden

    für was Sie sich entscheiden?

    Nach was riecht eine ungespritzte Blumenwiese, Obstbäume oder Felder? Nach Leben und Freude und es steckt auch Leben drin. Die Insekten und Schmetterlinge leben und Früchte schmecken nach Früchten. Und nach was riechen die mit Pestiziden behandelte Wiesen und Felder? Nach Nichts, die Chemie stinkt und darin findet man kaum einen kleinen Insekten, nur den Tod, so ist es leider.

  • Pete am 17.05.2018 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Lyssenkoismus 2.0

    Diese grundsätzlich wissenschaftsfeindliche Haltung, die hinter dieser Initiative steht, erinnert mich stark an ein düsteres Kapitel in der Russischen Geschichte. Dieses düstere Kapitel ist Trofim Lyssenko zuzuschreiben, der die anerkannte Agrarwissenschaft für einenen auswuchs des faschistischen Systems hielt und seine eigene pseudowissenschaftliche Alternative entwickelte. Als Folge seiner Ideen wurde ein Grossteil der Russischen Landwirtschaft zerstört, tausende Biologen und Genetiker inhaftiert oder gar hingerichtet, und millionen von Menschen starben einen elenden Hungertod.

  • Rat "Loser" am 17.05.2018 07:03 Report Diesen Beitrag melden

    lemmingzeitalter

    es hat bereits seit 30 jahren warnungen gegeben. aber hauptsache portemonaie, abendproramm, biertemparatur und likes stimmen !!!

  • Darina am 17.05.2018 05:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Permakultur ist die Alternative

    Permakultur ermöglicht höhere Erträge und benötigt keine Pestizide. Sepp Holzer zum Beispiel zeigt sie auf YouTube oder in Büchern. Das ist unsere Zukunft!

    • flor am 17.05.2018 06:10 Report Diesen Beitrag melden

      Fünvorzwölf

      oder auch die detailerten Veranschaulichung und Studien von Transgen de. Da wird eimem vor Augen geführt, wie schlimm es bereits steht, weltweit.

    • Anonyma am 17.05.2018 06:40 Report Diesen Beitrag melden

      Leider nein

      OK für den Garten zu Hause, für grössere Flächen unmöglich. Für Scheizer Früchte wie Äpfel, Birnen oder Aprikosen leider auch! Erkundige dich im Internet! Also nicht unsere Zukunft!

    • Miko am 17.05.2018 08:56 Report Diesen Beitrag melden

      @Anonyma

      Und es geht doch! In Russland sind seit zwei Jahren Pestizide und jegliche Genmanipulierten Pflanzen gesetzlich verboten.

    • RKB am 17.05.2018 09:23 Report Diesen Beitrag melden

      Green Magican

      Sepp Holzer 4 President! Ein großartiger Mann

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