Jürg Stahl

25. November 2016 13:22; Akt: 25.11.2016 13:22 Print

Von der tragischen Figur zum höchsten Schweizer

von J. Büchi - Einst nahm man ihm einen Wahlsieg wieder weg. Am Montag nun soll SVP-Mann Jürg Stahl zum Nationalratspräsidenten gewählt werden.

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Eine Wählerstimme mehr – und Jürg Stahls Leben hätte eine andere Wendung genommen. 2001 war der SVP-Politiker in einen der spannendsten Wahlkrimis der Schweiz verwickelt: Es ging um einen Sitz im Winterthurer Stadtrat, Stahl lieferte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Sozialdemokratin Pearl Pedergnana.

Nachdem Letztere im vorläufigen Schlussresultat mit 37 Stimmen vorne gelegen hatte, wurde nachgezählt – und plötzlich hiess der Sieger Jürg Stahl. Er hatte eine einzige Stimme mehr erhalten als seine Kontrahentin. Er wolle «ein Stadtrat für alle sein», sagte er in die Mikrofone. Das Amt durfte er aber nie antreten. Denn aufgrund einer Beschwerde wurde Monate später erneut nachgezählt, plötzlich hatte die SP-Frau eine Stimme mehr.

Kein Hardliner

Wenn Jürg Stahl am nächsten Montag zum höchsten Schweizer gewählt wird, ist diese Episode vergessen – zumindest fast. «Was damals passiert ist, wird immer ein Teil von mir sein», sagt er. Damals habe die Enttäuschung tief gesessen, heute rede er lieber von einer Weichenstellung. «Wenn ich damals in den Stadtrat eingezogen wäre, könnte ich mich jetzt nicht auf die Wahl am Montag freuen. Und vielleicht hätte ich auch meine Frau nie in Bern getroffen.»

Stahls Wahl zum höchsten Schweizer gilt als ungefährdet. Anders als viele seiner SVP-Kollegen aus dem Zürcher Flügel ist der 48-jährige Gesundheitspolitiker nicht als Hardliner bekannt. Vermutlich arbeite er «rhetorisch mit feinerer Klinge» als manche seiner Fraktionskollegen, räumt er ein. «Eine ehemalige Arbeitskollegin sagte mir, das liege wohl daran, dass ich einen typischen Frauenberuf erlernt habe.»

Ehemaliger Spitzen-Leichtathlet

Der Drogistensohn war in die Fussstapfen seines Vaters getreten, «in der Berufsschule waren wir nur zwei Jungs». Später übernahm er den elterlichen Betrieb, unterrichtete selber an der Berufsschule und wechselte dann in die Geschäftsleitung der Groupe Mutuel. Letzteres bringt ihm zuweilen den Vorwurf ein, ein Krankenkassen-Lobbyist zu sein. «Damit kann ich umgehen, jeder im Parlament vertritt gewisse Interessen», sagt er dazu nur.

Als Kind träumte Stahl davon, Bauer zu werden, «doch ich hatte Angst vor Kühen». In die Politik rutschte er zufällig: Ein Kollege überredete ihn zu einer Kandidatur für den Winterthurer Gemeinderat – auf dem 47. Listenplatz. Prompt wurde der damals 26-Jährige mit dem fünftbesten Resultat gewählt. «Ein Wegweiser» sei für ihn damals Bundesrat Adolf Ogi gewesen, erinnert sich der SVP-Mann, «auch, weil er Sport und Politik zusammenbrachte». Stahl war in seiner Jugend selber ein erfolgreicher Leichtathlet, noch heute gehören die Männerriege, Fussball, Ski und Tennis zu seinen liebsten Hobbys.

Frischgebackener Papi

Seit einem Jahr ist der Winterthurer Vater einer kleinen Tochter. «Ich werde alles daran setzen, dass ich auch während meinem Präsidialjahr genug Papi-Zeit habe», sagt er. Er geniesse es, für seine Familie ein «Adventure»-Programm auf die Beine zu stellen und mit dem Kinderwagen die Umgebung zu erkunden. «Auch mit dem Windelwechseln habe ich keine Mühe, schliesslich habe ich als Berufsschullehrer zehn Jahre lang Säuglingspflege unterrichtet.»

Auf die Kontakte mit der Bevölkerung will er im Amtsjahr aber nicht verzichten. «Ich möchte an kleinen Anlässen teilnehmen, an denen man mich nicht unbedingt erwartet, und mich einfach unter die Leute mischen, so wie ich bin.» Auch auf Auslandsbesuche freut sich der Reisefan, der eine Sackmesser-Sammlung besitzt («200 Stück») und sich auf seiner Website als «wertkonservativ» und «weltoffen» bezeichnet.

Sulzermotor lässt Herz höher schlagen

Widersprüchlich findet er die Attribute nicht: Er wolle die traditionelle Gesellschaft erhalten. «Gleichzeitig liebe ich es, fremde Kulturen kennen zu lernen. Und wenn ich auf einem Weltmeer ein Schiff mit Sulzermotor aus meiner Heimatstadt Winterthur sehe, dann schlägt mein Herz bis zum Hals.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Regula am 25.11.2016 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Wie heisst es: Ein Mann ein Wort

    Herrn Jürg Stahl von der SVP wünsche ich eine gute Wahl am Montag. Unter einem Mann wird es sicher nicht mehr eine EX-Güsi Toilettenstory mehr geben. Für mich als Frau war ich in vielem enttäuscht von der jetzigen Nationalrätin und zwar in ihrem Verhalten gegenüber dem Schweizervolk.

  • Carla am 25.11.2016 15:03 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich

    Endlich geht diese Frau. Hoffentlich der Neue wird gerechter und aufrichtiger sein.

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  • duesi am 25.11.2016 15:39 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich

    Alles ist besser als die Plaudertasche Markwalder. Zum Glück geht dieses unrühmliche Kapitel endlich zu Ende.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roger Huber am 25.11.2016 23:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    20 minuten...

    Der Nationalratspresident ist nicht der höchste Schweizer. Es ist der Bundespräsident.

    • Roger Huber am 27.11.2016 00:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Roger Huber

      Googlelt es doch oder lest es nach anstatt aus Unwissenheit Daumen runter zu geben.

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  • mcknips am 25.11.2016 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genug Zeit?

    Und gleichzeitig neuer Chef von Swiss Olympic!

  • denkender am 25.11.2016 15:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    warum sagt man immer bei svp hartlainer?

    aber Markwalder ist eine FDP Hardlainerin!

    • Liselote Meier am 25.11.2016 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @denkender

      Hardliner auch Falken gennant = Verteter eines harten politischen Kurses. Kompromisslos auch wenns sein muss mit Gewaltmittel (Polizei, Militär, Putsch, Revolution) Auf Markwalder nicht zu treffend. Linker Hardliner z.B. Jean Ziegler, Rechter Hardliner Glarner. Bekannte Hardlinerin M. Thatcher.

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  • Laura Stern am 25.11.2016 15:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein gemässigter SVPler

    Schön, dass es die neben der Herrliberg-Elite auch noch gibt ;) Hoffentlich klappt am Montag die Wahl auf Anhieb.

  • duesi am 25.11.2016 15:39 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich

    Alles ist besser als die Plaudertasche Markwalder. Zum Glück geht dieses unrühmliche Kapitel endlich zu Ende.