Städte-Serie – Teil 3

19. November 2014 13:41; Akt: 20.11.2014 15:41 Print

Von radikaler Erneuerung will Bern nichts wissen

von J. Büchi - Bern muss in den nächsten Jahren viele neue Wohnungen bauen. Trotzdem will der Stadtplaner nicht jufeln: Die Erneuerung soll «in homöopathischen Dosen» stattfinden.

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Die Stadt Bern wächst zu langsam. Eigentlich wollte die Schweizer Hauptstadt, die heute knapp 139‘000 Einwohner zählt, bis in sechs Jahren auf rund 143‘0000 Personen anwachsen. Doch dieses Ziel ist zu tief gesteckt. «Der Kanton muss ein gewisses Wachstum bewältigen und dieses soll vor allem in den Städten am öffentlichen Verkehr stattfinden», sagt Stadtplaner Mark Werren. «Folglich müssen wir dort auch mehr Wohnraum schaffen.»

In der Bundesstadt ist der Boom, der im letzten Jahrzehnt in den grössten Schweizer Städten eingesetzt hat, moderater ausgefallen. «Wir haben dank den Bundes- und Kantonsverwaltungen und ihren Betrieben zwar viele Arbeitsplätze, aber im Verhältnis dazu viel zu wenig Wohnungen», so Werren. Das führt nicht nur zu einem langsameren Bevölkerungswachstum, sondern vor allem zu Mehrverkehr, da immer mehr Leute täglich nach Bern pendeln. Es muss also rasch etwas geschehen.

Fünf- bis siebenstöckige Quartiere

Laut Werren gibt es in der Stadt noch eine zentrumsnahe Landreserve, die es zu mobilisieren gilt: das «Viererfeld», eine Landwirtschaftszone unweit des begehrten Länggassquartiers. Vor zehn Jahren hat die Stimmbevölkerung die Einzonung der Fläche abgelehnt. Nun, da der Wohnraumbedarf steigt, will die Stadt einen weiteren Anlauf nehmen: Das Stimmvolk soll nochmals darüber befinden. Etwa 3000 Personen könnten einst auf dem Areal leben.

Fünf- bis siebengeschossige Wohnbauten sollen entstehen. Sie seien fürs dichte Wohnen ideal, sagt Werren. In solchen Quartieren leben am meisten Menschen pro Hektare und die Wohnqualität ist gut. Die Bewohner hätten ruhige Gartenhöfe und Wohnstrassen und sicher keine Hochhausschatten und anonymen Zwischenräume. Die Freiräume könnten von unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen viel besser genutzt werden. Deshalb sollen mittelfristig auch in dazu geeigneten schon bebauten Quartieren mit wenig Ausnutzung dichtere und urbanere Gebäudegruppen realisiert werden.

«Alte Häuser in homöopathischen Dosen ersetzen»

Mit der grossen Kelle anrühren will Werren – trotz Wachstumsdruck – aber nicht. Radikale Quartiererneuerungen, wie sie etwa in Zürich geplant sind, kommen laut dem Stadtplaner nicht infrage: «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sozialverträgliche Erneuerungen nur in homöopathischen Dosen sinnvoll sind. Wenn auf einen Schlag mehr als 200 Wohnungen ersetzt werden, betrifft das viele Menschen und ihr lokales soziales Netzwerk. Die meisten möchten im Quartier bleiben und finden dort keine Wohnung mehr.»

Damit die Lebensqualität trotz Verdichtung nicht sinkt, setzt Bern auf ein Gesamtmobilitätskonzept, das den öffentlichen und den Langsamverkehr fördern soll. «Derzeit plant die Stadt eine Velo-Offensive», so Werren. Die Strategie der Stadt formuliert zudem das Ziel, dass trotz Wachstum 50 Prozent der Stadtfläche grün bleiben.

Werren ist überzeugt, dass es ein revidiertes Stadtentwicklungskonzept braucht. Was sein wird, wenn das Verdichtungsziel einmal erreicht ist und trotzdem noch mehr Menschen in die Stadt wollen, ist noch unklar. «Wir planen für die nächste Generation. Was darüber hinausgeht, wäre ein Blick in die Glaskugel.» Vor fünfzig Jahren beanspruchte eine Person im Durchschnitt 25 Quadratmeter Wohnfläche und heute sind es schon 50. «Wenn das so weitergeht, sind alle Pläne zwecklos.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zipo am 19.11.2014 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    Leider passiert die Zuwanderung nicht...

    ...in homöopathischen Dosen ;)

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  • Reto Burri am 19.11.2014 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    Katastrophale Entwickung

    In Anbetracht dessen, dass wir unser Land mit der Rekrutierung von Arbeitskräften so stark aufblähen wie kein anderes Land in der EU, frage ich mich wie nachhaltig es sein kann, den Boden (Kulturland) der uns ernähren soll zu vernichten um mehr Platz für Konsumenten zu machen. Es ist halt einfacher Brasilien den Regenwald platt machen zu lassen als hier mal zu Verstand zu kommen...

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  • Simone am 19.11.2014 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Altstadt abreissen und Wolkenkratzer hin

    Ich weiss, die Politiker hätten lieber ein Dubai in Bern, Zürich und anderen Grossstädten der Schweiz gepflanzt. Aber ich will das nicht. Ich will meine Idylle behalten. Die Arbeit fordert genug von mir, da brauche ich nicht auch noch ein Jungel voller Menschen, Autos, Bussen und was auch immer noch dazu kommt. Diese Schweiz will ich nicht mir egal ob Bern oder St. Gallen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ton am 20.11.2014 19:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An Simone

    dann musst Du eben für Ecopop ja stimmen. Strasse verstopft, ÖV verstopft, Wohnrau knapp und teuer, nur um die billigen bereits ausgebildeten Menschen in Scharen zu holen.

  • helvetia am 20.11.2014 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    de jure

    Bern ist nicht die Hauptstadt sondern Bundesstadt. Jedenfalls laut Schweizer Verfassung.

  • Janey Egerton am 20.11.2014 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Jammern ist einfach.

    CH: 41'285 qkm, 8 Mio. Einw.; macht eine Dichte von 198 Einw./qkm. Selbst bei korrigierter nutzbarer Fläche von 29'000 qkm sind's nur 275. Vergleich Land Ba-Wü in D: 35'751 qkm, fast 11 Mio. Einw.; macht eine Dichte von 300! Nirgendwo in Ba-Wü hat's die in der CH üblichen unansehnlichen Betonklötze. Die Beschaulichkeit und Idylle des Schwarzwalds steht den Alpen in nichts nach, und niemand dort redet über Dichtestress. Weil's nicht auf die Anzahl der Einwohner ankommt, sondern auf richtige Städteplannung und schönes Bauen. Es ist noch Zeit, das in der CH zu korrigieren.

    • Der Beobachter am 20.11.2014 18:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Das stimmt!

      Klasse Argument! Wenn man sich die Besiedelung anschaut, sind lediglich Stadtkerne mit 5-stöckigen Häusern bebaut. Aber das wird oft übersehen

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  • Steuerzahler am 20.11.2014 14:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sozialromantik

    Sozialromantik pur! Diese SP-Träume von einer heilen Welt funktionieren genau so lange, wie es Dumme gibt, welche diese finanziern (z.B. Finanzausgleich). Mir einer Wählerschaft, die zu mehr als 50% keine Steuern bezahlt, wird sich daran von innen heraus auch so rasch nichts ändern.

    • Leon am 20.11.2014 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Kanton nicht gleich Stadt

      Nur das die Gelder des Finanzausgleichs nicht in die Stadt Bern fliessen sondern ins Berner Oberland und andere ländliche Regionen. Immer schön bei der Wahrheit bleiben, Kanton nicht gleich Stadt ;)

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  • Fritz Lang am 20.11.2014 11:57 Report Diesen Beitrag melden

    Metropolis vs. kulturelles Erbe

    Und was haben wir erreicht, wenn irgendwann jede schweizer Stadt mit Beton- und Glasklötzen zugepflastert ist und aussieht wie eine gesichtslose Miniatur-Ausgabe von Manhattan oder Singapore? Das kulturelle Erbe ist ein wichtiger Teil dessen, was Europa ausmacht. Und dazu gehören auch unsere Altstädte. Ich will nicht in einem Metropolis leben, in dem sich einige Architekten und Moderne-Welt-Apostel ausgetobt haben, ohne Rücksicht auf die ansässige Bevölkerung und künftige Generationen zu nehmen.

    • Omega am 20.11.2014 14:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Kultur

      Also Manhattan ist wohl eines der schönsten Metropolen-Gebiete, die es gibt!

    • Fritz Land am 20.11.2014 15:34 Report Diesen Beitrag melden

      @Omega

      Ja und? Was wollen Sie damit sagen? Das Original Manhattan gefällt mir auch. Eine Kopie davon im Miniatur-Format, ohne Hudson-River drum herum, wäre allerdings nicht so prickelnd. Ausserdem kommen amerikanische Touristen nicht nach Europa, um sich eine Kopie ihrer eigenen, relativ jungen Städte anzusehen.

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