Hirnscan-Selbsttest

06. Februar 2014 06:46; Akt: 06.02.2014 13:53 Print

Was der IV-Detektor über mein Gehirn sagt

von S. Hehli/R. Assenberg (Video) - Dass die Luzerner IV-Stelle psychisch Kranke mit einem Hirnscanner überprüft, sorgt für Wirbel. Doch was kann das Gerät überhaupt? Ein Selbsttest.

Peter Balbi, leitender Arzt des Regionalen ärztlichen Dienstes Luzern, der mit der IV-Stelle zusammenarbeitet, erklärt, wie die Hirnstrommessung genau funktioniert.
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Da sind sie wieder: die beiden Wölfe, die kurz hintereinander auf dem Bildschirm aufblinken. Ich klicke so schnell wie möglich mit der Maus, denn das ist mein Signal. Folgt hingegen ein Wolf auf eine Pflanze, bleibt mein Finger regungslos. Die Aufgabe ist simpel und ich bin entspannt – für mich gilt es schliesslicht nicht ernst. Für die Menschen, die normalerweise auf diesem Stuhl sitzen, können die Folgen hingegen gravierend sein: Der Test gibt unter Umständen den Ausschlag darüber, ob sie eine IV-Rente bekommen oder nicht.

Umfrage
Ist es sinnvoll, dass IV-Stellen Rentenanwärter im Zweifelsfall einem Hirnscan unterziehen?
55 %
37 %
8 %
Insgesamt 3454 Teilnehmer

Ich sitze in einem Büro in Luzern. Gross war der Medienrummel, als Anfang Jahr bekannt wurde, dass die Luzerner IV-Stelle in einem Pilotprojekt Rentenanwärter einer Hirnstrommessung unterzieht. So versucht man herauszufinden, wer seine psychischen Leiden übertreibt – oder vielleicht auch untertreibt. Die Methode provoziert Kritik: Der Zürcher Anwalt Philip Stolkin sagte in der «WOZ», die Messungen würden «gegen das Recht auf Menschenwürde und Privatsphäre» verstossen. Die Sozialversicherungen würden Menschen erniedrigen, um Leistungen zu sparen, so Stolkin.

Manipulation: aussichtslos

Bei mir stellt sich die Frage nach einer Rente nicht – so fühle ich mich auch nicht erniedrigt, als ein Mitarbeiter der IV-Stelle meinen Kopf mit Elektroden verdrahtet und mir eine blaue Mütze aufsetzt, die an eine Badekappe erinnert. Ich will der Sache auf den Grund gehen: Was kann dieses Gerät über mein Hirn aussagen? Minutenlang klicke ich mich durch den Test, der so monoton ist, dass ich zwischendurch fast wegdöse.

Ein anderer Bildschirm zeigt meine Hirnströme an. Doch diese Bilder sagen noch nichts aus – ebenso wenig wie meine Reaktionszeit. Denn die Aufgabe mit den Tieren und Pflanzen dient einzig dem Zweck, das Hirn zu Höchstleistungen zu treiben. Und die elektrischen Impulse in den verschiedenen Hirnregionen lassen sich dann messen. Wollte ich den Test manipulieren, indem ich eine verlangsamte Reaktion vortäusche, es würde nichts nützen: Auch für das Täuschungsmanöver müssten meine Hirnzellen arbeiten.

«Nur ein Puzzlestück der Abklärung»

Nach 20 Minuten ist der Test für mich vorbei. Ganz anders läuft es bei psychisch Kranken, die eine Rente beanspruchen: Experten prüfen zwei Tage lang mit weiteren Tests ihre Arbeitsfähigkeit. Donald Locher, Leiter der IV-Stelle Luzern, wehrt sich deshalb gegen die Vorstellung, dass alle potenziellen Rentner an die Maschine gehängt werden und die Prüfer allein aufgrund dieses Resultats den Daumen heben oder senken. «Der Test ist nur ein Puzzlestein der ganzen Abklärung.»

Die starke Zunahme psychisch bedingter IV-Renten seit den 90er-Jahren brachte ein grosses Problem zum Vorschein: Die Psychiatrie tut sich schwer mit objektiven Diagnosen, die dem Leiden der Patienten gerecht werden. Das motivierte die SVP zu ihrem Kampf gegen die «Scheininvalidität» – kein Wunder, sind Gesundheitspolitiker der Partei wie Toni Bortoluzzi oder Jürg Stahl von der neuen Methode begeistert. Kritiker hingegen sehen darin ein generelles Misstrauensvotum gegenüber psychisch Kranken. Donald Locher widerspricht: «Die Hirnstrommessung brauchen wir lediglich für die komplexen Fällen, in denen es widersprüchliche Expertenmeinungen gibt.»

2013 waren das laut Locher 60 Fälle – von insgesamt 7000 Fällen psychisch Erkrankter. Die Tests ergaben bei 60 Prozent, dass sie ihre Leiden wirklich übertrieben haben. Bei 40 Prozent der Probanden hingegen waren die Hirnleistungen stärker beeinträchtigt, als sie selber gedacht hatten.

Erklärungen per Skype

Die Auswertung meines Tests kriege ich an diesem Tag in Luzern nicht mehr, zu aufwendig ist die Analyse. Eine Woche später kommt per Post ein 16-seitiges Dossier mit vielen bunten Grafiken. Und mit Sätzen wie diesem: «Die Assoziationsareale im rechtsseitigen superioren Temporalkortex sowie im rechtsseitigen paretalen Kortex erhalten Informationen vom okzipitalem Kortex mit seinen eigenen Assoziationsarealen.»

Der Mann, der solche Sätze auch dem Laien verständlich macht, ist Andreas Müller. Der Psychotherapeut und Hirnforscher aus Chur arbeitet eng mit der Luzerner IV-Stelle zusammen – und erklärt mir per Skypeschaltung, was er über mich herausgefunden hat. Dazu hat er die in Luzern gemessenen Hirnströme mit den Werten gleichaltriger, gesunder Referenzpersonen verglichen – und zwar für verschiedene Regionen des Gehirns. Das sieht dann am Beispiel der Verarbeitung visueller Inputs so aus:

scan

Die blaue Kurve ist meine, die rote steht für die durchschnittlichen Werte der Gleichaltrigen, die schwarze für die Differenz. Mein Hirn reagiert also ein bisschen schneller auf bildliche Eindrücke. Ähnlich sieht es bei den rechten Assoziationsarealen aus: «Sie sind offensichtlich darauf trainiert, eine Situation rasch zu erfassen und zu interpretieren – das schadet bei einem Journalisten nichts», meint Doktor Müller trocken.

Schön und gut. Doch welche Erkenntnisse lassen sich daraus ziehen, wenn ein Hirn ganz anders tickt als im Durchschnitt? Es komme darauf an, bei welchen Hirnfunktionen das Problem liege, so Müller. Reagiert eine Sachbearbeiterin beispielsweise intensiv auf Geräusche, könnte ihre Hypersensitivität zum Problem werden – gerade in einem lärmigen Grossraumbüro. Die IV-Stelle wird dann versuchen, sie in einem anderen Job unterzubringen.

«Im Interesse aller psychisch Kranken»

Arbeitet ein Hirn immer im hochtourigen Bereich, können irgendwann Erschöpfungszustände auftreten – das zeigt sich bei einer Analyse der sogenannten Exekutivfunktionen. Aber auch das Gegenteil ist problematisch: Personen mit sehr tiefer Aktivierung können nicht auf ein Ziel hinarbeiten. «Aufmerksamkeitsstörungen sind dafür ein typisches Beispiel», erklärt Müller. Aus einem weiteren Scan lässt sich herauslesen, ob die Impulskontrolle funktioniert oder jemand immer gleich aufbrausend reagiert.

Ich spreche Müller auf die Kritik an der Methode an. «Wird sie ganzheitlich angewandt – also im Verbund mit anderen Diagnoseinstrumenten – erbringt sie hochzuverlässige Resultate.» Ein tolles Instrument für die Jagd auf Simulanten, also? Müller winkt ab: «Wenn man mit dieser Einstellung an ein Problem herangeht, hat man schon verloren!» Zuverlässige Messungen und objektiv prüfbare Aussagen seien letztlich zum Wohle aller – «insbesondere der schwer psychisch Kranken, die dringend auf Unterstützung angewiesen sind».

Das Skype-Gespräch ist zu Ende. Mein Hirn ist noch mit dem Verarbeiten der Eindrücke beschäftigt – und ich bin ganz froh, dass dabei keine Elektroden an meinem Schädel kleben.

Was kann die Methode der Hirnstrommessung – und was nicht? Das Fazit von Andreas Müller im Video:


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Moonlight am 06.02.2014 08:39 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr toll

    ich hoffe, dass ich nie eine IV-Rente benötige.hab selber eine Diagnose, bis jetzt gehts mit arbeiten aber recht gut,ab und an mal ein Unterbruch mit Zeugnis vom Arzt, wenns nötig ist. Was ich wirklich schlimm finde ist, dass die Gesellschafft keinen Platz mehr für solche Menschen hat. Entweder ist man 100% leistungsfähig oder man soll zu Hause bleiben und IV bezihen. Würde die Wirtschaft ihre soziale Verantwortung warnehmen, hätten wir etwa die Hälfte der IV-Bezüger los. Die meisten könnten ja schon arbeiten, aber eben nicht in unserer Gesellschafft mit diesen Bedingungen.

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  • bruno am 06.02.2014 08:58 Report Diesen Beitrag melden

    Sparen ist wichtiger als Helfen

    Wenn man nicht vom Kopf an praktisch vollständig gelähmt ist, ist die erste Rentenentscheidung der IV immer negativ. In diesem Umfeld gibt es null Einfühlungsfermögen und keine Spur von Menschlichkeit.

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  • Jedi am 06.02.2014 09:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ist IV Gerecht??? NEIN

    Ich bin seit meiner Kindheit psychisch Krank. Bei meiner ersten IV Abklährung haben sie die 6 cm dicke Akte von mir vor dem Abschlussgespräch noch gar nicht gelesen gehabt ( haben die guten IV Aerzte selber gesagt), und wollen ernsthaft sagen, Sie hättens gründlich überprüft. Auch mit "Kappe" wird JEDER bei der ersten Abklährung durchfallen.....und das bei exorbidaten 9000.- für ein einziges Gutachten. Grossartig Reden was sie alles tun um zu sparen aber Aerzte aus deutschland einfliegen für ein Gutachten....wir haben ja keine aerzte in der Schweiz nicht wahr ect ect ect.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Aus Erfahrung wird man klug! am 06.02.2014 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    Unerträglich für Betroffene:

    Die IV ist eine obligatorische Versicherung, für die Du, so lange arbeitsfähig, das Leben lang Beiträge bezahlst. Hast Du ein Problem drückt sich diese Institution mit allen legalen und auch illegalen Mitteln um die vertraglich garantierten Leistungen. Als selbständiger KMU, der über Jahre massiv Beiträge entrichtet hat, musste ich mich nach diversen Herzoperationen und deren Folgen, auf dem Rechtsweg gegen die IV durchsetzen. Der einfache IV-Versicherte hätte längst verloren und wäre beim Sozialamt gelandet. Hirnscanner sind ein neues geplantes Alibimittel für Leistungsverweigerung.

  • Peterli am 06.02.2014 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    an die jetzigen IV-Bezüger...

    Ich lese hier von vielen IV-Bezügern, wie "schlecht" es ihnen geht, bzw. wie wenig sie bekommen. Gleichzeitig finden sie solche Tests verwerflich. Liebe Invalide: Ja, meines erachtens braucht ihr mehr Geld, um euer Leben mit den Krankheitskosten zu finanzieren! Wenn dem Missbrauch besser vorgesorgt werden könnte, hätted ihr sicherlich auch mehr und vorallem einfacher euer Geld. Somit auch dieser Test mal genau beobachten: Wie beim Autofahren: wer Blasen muss, wird nicht als alki abgestempelt, sondern machs, und du weisst, dass du und deine Kinder etwas sicherer sind von besoffenen Autofahrern!

    • IV-Rentner am 08.02.2014 20:31 Report Diesen Beitrag melden

      Tja, versetz dich mal in unsere Lage

      Krank, kannst nicht mehr arbeiten, die IV lässt dich jahrelang warten, dann klärt sie - bei offensichtlichsten Problemen - ewig ab, macht Tests bis sowas (denk dran: in der ganzen Zeit bis dahin musst du auch leben!), immer wieder wird unterstellt du seist ein Betrüger, und dann - nach unzähligen Tests und Erniedrigungen bekommst du eine IV-Rente, die in den allermeisten Fällen gerademal 50% vom absoluten Existenzminimum ausmacht. Und alle zwei Jahre musst du nochmals zu den Tests. Warum? Überleg mal: all die Tests sind teurer als alle Betrüger-Renten zusammen!

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  • shelby am 06.02.2014 13:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    OI

    es gibt bestimmt betrüger aber diese gibt es überall. ich bin selbst rentnerin im jungen alter wegen geburtsgebrechen (glasknochen). denkt ihr echt es ist toll mit dem minimum der iv rente zu leben?? meine gleichaltrigen kollegen arbeiten und machen weiterbildungen, werden immer mehr und mehr verdienen. habe ich diese chance? nein! ich muss damit leben dass ich immer nur das minimum bekomme..

  • Martin am 06.02.2014 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Tatsache ist nur:

    Dass das Gehirn einer der am schlechtesten erforschten Gebiete ist! Seit Jahren werden EEG's bei Menschen durchgeführt, aber eine wirklich grosse Aussagekraft haben auch die nicht! So kann das EEG eines "gesunden" Menschen ziemlich übel aussehen und das eines Epileptikers relativ normal. Ich finde, solche Tests sind mit Vorsicht zu geniessen und sollten, genauso wie die Aussagen von "Psychologen" vor Gericht, nicht zu stark gewichtet werden.

  • Zürcherin CH am 06.02.2014 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    IV aber wann und warum??????

    Komisch, manche mit oder ohne Test bekommen die IV. Meine Schwester ist seit 8 Jahren beim kämpfen um die IV, da Ihre Wirbelsäule sich dreht,(seit Jahren in Ärztlicher Behandlung) schmerzen beim liegen, schmerzen beim stehen, arbeitete an der Kasse Jahre lang ohne zu fehlen! Aber Sie bekommt keine IV!!! Nun ist Sie ein Wrack auch Psychisch!