2. Prozesstag im Fall Rupperswil

14. März 2018 07:41; Akt: 14.03.2018 21:21 Print

Thomas N. entschuldigt sich für seine Tat

von Jennifer Furer/Stefan Ehrbar - Am zweiten Tag im Prozess gegen Thomas N. forderte die Staatsanwältin die lebenslange Verwahrung. Die Verteidigerin plädierte auf 18 Jahre Haft.

Staatsanwältin Barbara Loppacher stellt sich den Fragen der Journalisten.
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«Entschuldigung»: Am Schluss sagte Thomas N. das Wort doch noch. N., der im Dezember 2015 in Rupperswil vier Menschen getötet und sich am jüngsten Opfer vergangen haben soll. Er alleine sei für seine Taten verantwortlich, sonst niemand, sagte N., «nicht ein bisschen». Was N. antrieb, blieb auch am zweiten Prozesstag unklar. «Als Carla S. die Tür aufmachte, musste ich die Tat durchführen», sagte Thomas N. in einer Einvernahme.

Daraus zitierte am zweiten Prozesstag seine Verteidigerin Renate Senn. Sie skizzierte N. als zögerlich, ja unsicher. Er sei fast froh gewesen, dass erst niemand an die Tür gegangen sei, als er am 21. Dezember beim Haus der Familie S. geklingelt habe. Dass ihm Carla S. glaube, ein Schulpsychologe zu sein, habe er ebenfalls nicht angenommen, und sowieso habe er es darauf angelegt, verhaftet zu werden.

«Opfer spielten ihm in die Karten»

Thomas N., so sagte es Senn, sei es nur um etwas gegangen: den sexuellen Missbrauch von Davin. «Die Tötungen waren zweitrangig. Sie dienten der Vertuschung.»
«Dass ihm die Opfer derart in die Karten spielen, hat N. erstaunt», sagte Senn – eine Aussage, die ein Raunen im Gerichtssaal zur Folge hatte. In seiner Duplik antwortete der Opferanwalt Markus Leimbacher später an Thomas N. gerichtet: «Ich erwarte, dass Sie diese grauenvollen Äusserungen ihrer Anwältin zurücknehmen und sich davon distanzieren.» Der Opferanwalt Luc Humbel sagte: «Man kann auch mit 58 Seiten Plädoyer aus einem Täter kein Opfer machen.» Das mediale Interesse liege auch nicht an den Behörden, sondern an der Perversität der Tat, so Humbel.

Senn hatte für Thomas N. eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren gefordert. Verwahrt werden soll er nicht, denn er sei therapiefähig und -willig. Die Staatsanwältin Barbara Loppacher hatte hingegen am Morgen in ihrem Plädoyer eine lebenslange Freiheitsstrafe und eine lebenslange Verwahrung gefordert.

Ist Thomas N. therapierbar?

Zwar hatten beide Psychiater Thomas N. nicht als untherapierbar bezeichnet. Doch Loppacher argumentierte anders. Die Tötungen sei nicht hauptsächlich auf eine psychische Störung zurückzuführen, die überhaupt therapierbar wäre, sagte sie. Hauptmotiv für N.s Handeln sei die Pädophilie gewesen. N. habe vorgehabt, weiteren Familien das Gleiche anzutun. «Ich wusste, irgendwann mache ich das wieder», soll er in einer Einvernahme gesagt haben.

«Thomas N. hat sich genommen, was er wollte, einfach, weil ihm danach war», sagte Loppacher. Dabei habe er keine Rücksicht genommen. Thomas N. verfolgte das Plädoyer, ohne Blickkontakt herzustellen, den Kopf auf seine Hand gestützt – eine Haltung, die er die meiste Zeit des Tages einnahm. Für die Angehörigen der Opfer waren die Schilderungen nur schwer zu ertragen. Der Lebenspartner der getöteten Carla S. brach in Tränen aus.

«Es fehlt die Stimme, es fehlt ein Lachen»

Tränen gab es auch, als der Anwalt Luc Humbel aus einem Brief vorlas, den der Lebenspartner der Mutter von Simona F. verfasst hatte. «Sie wollte immer von mir zum Altar geführt werden», schrieb der Mann über die getötete junge Frau. «Es fehlt die Stimme, es fehlt ein Lachen, es fehlt die aufgestellte Art.» Humbel verglich Thomas N. mit Hannibal Lecter, dem fiktiven Serienmörder aus dem Film «Das Schweigen der Lämmer».

Thomas N. ist real. Im Dezember 2015 habe er eine «ganz normale Familie vernichtet», sagte Anwalt Markus Leimbacher, der die Angehörigen der Familie S. vertritt. Er zeichnete das Leben von Carla S. und ihren Kindern Dion und Davin nach. «Sie waren der ganze Stolz ihrer Eltern», sagte er. Auch die Leben der Hinterbliebenen seien für immer zerstört worden. Der Vater von Carla S. sei eine gebrochene Person. «Die Eltern verbringen ihre Zeit alleine und einsam in ihrer Wohnung», sagte Leimbacher. Der Lebenspartner von Carla S. habe vom einen auf den anderen Tag alles verloren.

«Wir erwarteten ein Monster»

Thomas N. lüge, manipuliere und beschönige laufend und habe damit bei vielen Erfolg, sagte Leimbacher, der damit auch auf die Gutachten anspielte. Er werde sich zwar nicht zur Strafe und Massnahme äussern, wie das die Strafprozessordnung vorsehe. Aber klar sei: «Für die Hinterbliebenen muss sichergestellt werden, dass er nie mehr in Freiheit kommt.»

Die Tat bleibt auch nach dem zweiten Prozesstag unbegreiflich. «Wir erwarteten ein Monster», sagte die Staatsanwältin Barbara Loppacher über die Suche nach dem Täter. «Umso überraschter waren wir, als wir einen normalen 33-Jährigen festnahmen – anständig, korrekt, eigentlich nett.» Eine Strafe könne das Geschehene nicht rückgängig machen. «Was der Staat jetzt machen kann, ist die Bevölkerung vor Thomas N. zu schützen.»

Das Urteil folgt am Freitag um 10 Uhr. 20 Minuten berichtet live.

Wie der zweite Prozesstag ablief, können Sie im Liveticker nachlesen:

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