Digital-Generation

03. August 2015 07:57; Akt: 03.08.2015 10:05 Print

Wenn Babys Realität mit Touchscreen verwechseln

Vergrössern, wischen, scrollen – was Kleinkinder auf dem Tablet intuitiv machen, versuchen sie auch im Alltag. Was sich dabei im Baby-Gehirn abspielt, ist noch nicht erforscht.

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Babys bedienen Tablets intuitiv. Das Problem: Sie versuchen auch die Realität heranzuzoomen oder wegzuwischen. (Bild: Screenshot Youtube)

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Alina steht vor dem Aquarium im Zoo und betrachtet den vorbeischwimmenden Fisch mit grossen Augen. Sie ist zwei Jahre alt und strauchelt jetzt vorsichtig Richtung Glasscheibe, noch immer hypnotisiert von dem farbigen Wesen.

Sie streckt ihre Hand aus und bewegt den Zeigefinger und den Daumen der Scheibe entlang voneinander weg. Als würde sie auf einem Tablet ein Bild heranzoomen. Verzweifelt versucht sie so den Fisch zu vergrössern, doch er kommt nicht näher.

Bildschirm vs. Realität

Trotz Misserfolg wendet Alina dieselbe Taktik auch vor dem Fernseher an. Sieht sie eine lustige Figur auf der Mattscheibe, versucht sie sie mit den Fingern grösser werden zu lassen. Ihre Mutter hat sie auch schon dabei erwischt, wie sie mit einem Magazin auf den Knien wie wild mit einer Wischbewegung das Bild zur Seite schieben wollte – anstatt einfach die reale Seite umzublättern.

Alina ist kein Einzelfall. Das Internet ist voll mit Videos und Geschichten über Kinder, die offenbar die reale Welt nicht mehr von einem Tablet-Bildschirm unterscheiden können (siehe Video unten).

Dies erstaunt Thomas Merz, Professor für Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, nicht. «Die Funktionen bei Touchscreens sind ja ganz bewusst den typischen Bewegungsmustern in der physikalischen Welt nachgebildet.» Dass Babys die Erfolgserlebnisse, die sie beim Bedienen eines Tablets erfahren, auch in der Realität anwenden, sei nachvollziehbar.

Noch nicht erforscht

Doch was sich tatsächlich im Gehirn der Babys abspielt, wenn sie auch im realen Leben die Touchscreen-Bewegungen imitieren, sei noch nicht erforscht, sagt Entwicklungspsychologin Miriam Beisert. Sie arbeitet in der Abteilung Säuglings- und Kindesalter am Psychologischen Institut der Universität Zürich und startet derzeit ein Forschungsprojekt zu den Unterschieden zwischen frühkindlichem «Handeln in der realen Welt» und «Handeln auf dem Tablet». Denn: «Bisher gibt es meines Wissens tatsächlich noch keine Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen eines häufigen Smartphone-Gebrauchs bei kleinen Kindern.»

Klar sei, dass das direkte Berühren von Elementen auf dem Tablet, im Gegensatz zum Hantieren mit einer entfernten Computermaus, ganz der kindlichen Art und Weise, die Welt zu entdecken, entspreche. «Um neue Dinge zu erkunden und zu verstehen, möchten Kleinkinder sie direkt anfassen», so Beisert. Wenn auf die Berührung beim Touchscreen direkt ein interessanter Effekt, etwa eine Bildänderung, folge, wecke dies als eine Art Belohnung natürlich zusätzliches Interesse.

«Die Welt mit ihren eigenen Sinnen erfahren»

Benutzten Kleinkinder allerdings häufig das Smartphone, sehe sie einen Nachteil in der reduzierten Sinneserfahrung. «Wenn ein einzelner Finger auf eine glatte Oberfläche trifft, ist die Sinneserfahrung recht armselig im Vergleich zur Vielzahl der Möglichkeiten beim Berühren von Dingen in der realen Welt.»

Auch Merz weist darauf hin: «Gerade weil Medien heute eine derart grosse Rolle spielen, ist es für kleine Kinder besonders wichtig, dass sie die Welt mit ihren eigenen Sinnen erfahren.» Dazu gehörten Spiele mit Material, im Wald, mit Sand, mit Bauklötzen und auch Spiele mit anderen Kindern. Erst diese Erfahrungen würden eine taugliche Grundlage für eine gesunde Entwicklung kleiner Kinder bilden.

(tab)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • C. Lehner am 03.08.2015 08:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schuld der Eltern

    Selber schuld wenn man dem Kind lieber ein Tablett in die Hand drückt anstatt mit dem Kind was zu unternehmen.

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  • Rahel am 03.08.2015 09:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein Tablet/Handy

    Kleinen Kindern darf man noch kein Tablet/Handy geben, sonst verwechseln sie alles mit der Realität.

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  • PT_CH am 03.08.2015 09:10 Report Diesen Beitrag melden

    TRAURIG

    Gebt den Kindern doch kein Tablet!! Wie traurig diese Welt geworden ist, dass Kinder reale und virtuelle Welt nicht mehr unterscheiden können!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Luc am 03.08.2015 20:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Digitale Demenz

    "Digitale Demenz" von Manfred Spitzer beschreibt genau das. Nichts Neues!

  • Hansueli Günther am 03.08.2015 16:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    FINGER WEG

    Kinder und tablets sind wie kinder die alkoholisiert und gleichzeitig rauchen und kiffen!!! Liebe eltern, bitte lasst die tablets weg bis das kind mindestens 13 jahre alt ist. Ich hab mit games selber meine halbe kindheit zerstört :(

  • K.K.K am 03.08.2015 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht mit mir

    Ich bin noch nicht Vater, aber ich weiss jetzt schon, dass ich meinem Kind ein Spielzeugtelefon kaufen werde. Und dann wenns mal 16ist bekommt es sein erstes richtiges Telefon... Ich weiss nicht wie ihr es sieht, aber ich ging noch Persöhnlich zum Kollegen an der Tür Läuten um zu fragen ob er raus kommt zum spielen... Ich will nicht das mein Kind zuhause sitz und auf dem Telefon und oder Tablet spielt...

  • Mami am 03.08.2015 16:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht interessant

    Als meine Kinder kleiner waren, habe ich sie auch einmal mit Baby-Apps spielen lassen, wollte es einfach mal ausprobieren. Ihnen wurde das aber schnell langweilig und sie wechselten selber zum Spielzeug. Heute haben sie kaum Interesse für das Tablet, obwohl ich es häufig benutze. Sie spielen lieber Lego oder mit anderen Spielsachen. Tablets und Smartphones sind kein Baby-Spielzeug!

    • Alfred Eisler am 03.08.2015 16:32 Report Diesen Beitrag melden

      Armselig!

      Das hätte ich jetzt nicht geschrieben, das mit dem häufigen Tablet benutzen! Ich hoffe Sie meinen ein Servier Tablett, sonst wäre es ziemlich traurig!

    • Ps am 03.08.2015 16:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Umgekehrt

      Genau! Vielleicht ist es genau umgekehrt und man hat Handys und Tablets so programmiert, dass sie Kleinkinder mit ihren natürlichen Bewegungen, die sie wie beim Essen machen, bedienen können. Heutzutage sind ja sie Babys die Kunden von morgen!

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  • Nadja am 03.08.2015 16:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    alles mit der Zeit

    Ich würde es mir wünschen das mein Kind erst in der ersten Klasse (leider muss man mit der Zeit gehen) ein Handy/Tablet in die Finger kriegt. Babys brauchen keine Digitalewelt. So sehe ich es auch mit em TV lieber die Natur und die alt bekannten Spielzeuge kennen lernen. Die Digitalewelt kommt schnell genug.