Strafsteuer

07. Juli 2015 05:45; Akt: 07.07.2015 07:05 Print

Wer nach der Uni Teilzeit arbeitet, soll zahlen

Weil Studenten nach dem Uni-Abschluss vermehrt Teilzeit arbeiten, sollen sie ihre Studienschulden dem Staat zurückzahlen, fordert Ökonom Stefan Wolter.

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Sie investieren Jahre in eine gute Ausbildung, dennoch arbeiten junge Hochschulabsolventen nach dem Studium vermehrt in einem Teilzeitpensum: Statt nur im Büro zu sitzen, frönen sie lieber auch ihren Hobbys. Zahlen des Bundesamts für Statistik belegen, dass 2013 fünf Jahre nach dem Abschluss rund ein Drittel der Studienabgänger weniger als 100 Prozent arbeitet. Von 2007 bis 2013 hat sich die Zahl der Masterabsolventen, die fünf Jahre nach dem Studium in einem 50-bis-90-Prozent-Pensum arbeiten, von 26,6 Prozent auf über 30 Prozent erhöht. Die Pensen zwischen 90 und 100 Prozent nahmen in der gleichen Zeit von 70 Prozent auf 65,5 Prozent ab.

Besonders hoch ist die Teilzeitarbeit bei den Geistes- und Sozialwissenschaftern: Fünf Jahre nach dem Abschluss waren 2013 rund 55 Prozent der Masterabsolventen in einem Teilzeitpensum beschäftigt, bei den Medizinern waren es 24,3 Prozent, bei den Wirtschaftswissenschaftern 15 Prozent.

Ein Studienplatz kostet den Staat jährlich 23'000 Franken

Der zunehmende Anteil an teilzeitarbeitenden Akademikern bleibt nicht ohne Konsequenzen. «Nicht nur fehlen der Wirtschaft dadurch wichtige Fachkräfte, auch lohnt es sich für den Staat irgendwann nicht mehr, in die Ausbildung zu investieren», warnt Stefan Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung. Bereits bei einem Pensum von 50 bis 60 Prozent kippe diese sogenannte Bildungsrendite ins Negative, sagt der Ökonom gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung».

Ein Studienplatz kostet den Staat heute im Schnitt 23‘000 Franken pro Jahr – hochgerechnet auf fünf Jahre schuldet ein Student dem Staat damit rund 115'000 Franken. Zwischen den Fachrichtungen existieren allerdings erhebliche Unterschiede. Für eine Medizinausbildung muss der Staat mit 45‘000 Franken jährlich fast fünfmal so viel hinblättern wie etwa für ein Wirtschaftsstudium.

Keine Teilzeitarbeit auf Kosten der Gesellschaft

Stefan Wolter befürchtet, dass Studienabgänger aufgrund der «Work-Life-Balance» in Zukunft noch mehr Teilzeit arbeiten. Das belaste nicht nur den Staat, sondern verschärfe auch den Fachkräftemangel. «Studenten, die sich freiwillig entschliessen, weniger als hundert Prozent zu arbeiten, sollen das tun dürfen, aber nicht auf Kosten der Gesellschaft.» Wolter fordert darum, dass solche Personen ihre Schulden in Form eines virtuellen Kredits dem Staat zurückbezahlen müssen.

Arbeite etwa ein Arzt weniger als 100 Prozent oder in einem Job, der nicht seinen Qualifikationen entspreche – etwa als Taxifahrer – bezahle er aufgrund des geringeren Gehalts auch weniger Steuern. Die Differenz zum Steuerbetrag, den er als vollzeiterwerbstätiger Arzt erbringen müsste, könnte künftig mit einer «Strafsteuer» ausgeglichen und auf das virtuelle Konto einbezahlt werden. «Ist das Darlehen einmal vollständig durch die höheren Steuerbeträge und die Erwerbsbeteiligung zurückbezahlt, würden die Leute davon befreit und könnten tun und lassen, was sie wollen.»

«Studium soll kein reiner Konsum sein»

Unter Bildungsexperten stösst die Idee nicht nur auf Wohlwollen. «Wirtschaftlich gesehen macht ein solcher Kredit vielleicht Sinn», sagt SP-Nationalrat Matthias Aebischer. Für ihn sei dieser Aspekt aber nicht vorrangig. «Viel entscheidender ist es, dass man all diejenigen, welche eine gute Ausbildung genossen haben, zurück in den Job bringt.» Und das heisse eben auch, dass es mehr Teilzeitstellen für Frauen und Männer brauche.

Stefan Vannoni, Bildungsexperte von Economiesuisse, findet die Idee zwar «interessant». Fragezeichen habe er aber vor allem hinsichtlich der Berechnung. «Es ist schwierig, den richtigen Preis für diese Rückerstattung zu finden.» Laut Vannoni wäre es besser, wenn die Studenten von Beginn weg einen grösseren Teil der Studiumskosten selbst bezahlen würden: «Das Studium soll eine Investition sein, kein reiner Konsum.» Durch das weiter verbesserte Stipendienwesen der Schweiz sei der Zugang zu einer Hochschule auch für sozial schlechter Gestellte nicht gefährdet, «doch zusätzlich könnte so auch noch die Abbruchquote gesenkt werden».

(sma)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andrea Klein am 07.07.2015 07:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur bei Teilzeit

    Viele Abgänger haben keine andere Möglichkeit, als Teilzeit zu arbeiten. Wichtiger wäre, die Abbrecher und Studienwechsler zur Kasse zu bitten und solche, welche nach dem Studium innerhalb von 5 Jahren nicht auf ihrem Beruf oder nahe zum Beruf arbeiten. Damit würden sich die Uni endlich wieder mehr auf die Wirtschaft ausrichten und die Studenten die Studienwahl besser überlegen. Des weiteren müssen ausländische Studierende voll zur Kasse gebeten werden. Warum soll der Schweizer Steuerzahler für einen Studi zahlen, der weder vor noch nach dem Studium in der Schweiz bleiben möchte?

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  • Globi Vogel am 07.07.2015 07:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    BA für Statistik

    Naja, die Beamte, welche beim Bundesamt für Statistik seit 30 Jahren im selben Büro sitzen, kennen auch nicht Begriffe wie Stress oder Arbeitsdruck! Wer in der Privatwirtschaft auch nur ein bisschen Verantwortung hat, weiss was Stress ist! Lieber 90% arbeiten und eine gesunde Work-Life-Balance, als im Burnout enden. Der Kostendruck beginnt ja schon hier in diesem Artikel bei den Stipendien. Burnout ist such nicht gratis liebe Statistiker! Aber das zahlt ja die Krankenkasse und die haben ja genug Geld^^

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  • Damian am 07.07.2015 07:40 Report Diesen Beitrag melden

    Und woher

    will man wissen, ob die ehemaligen Studenten einen Teilzeitjob nicht aus Verzweiflung annehmen, weil sie keinen Vollzeitjob finden? Wie will Herr Wolter dies herausfinden? Und DER will Ökonom sein?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anne am 14.07.2015 12:26 Report Diesen Beitrag melden

    Aus Not teilzeitarbeitend

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gerade für eine Frau, die ein Studium abgeschlossen hat, sehr schwierig ist, eine Vollzeitstelle zu ergattern. So ist man gezwungen, eine Teilzeitstelle anzunehmen; und diese ist dann befristet, so dass man sich von einer befristeten Anstellung zur nächsten angelt. Unfreiwillig, aus mangelnder Alternative!

  • Manuel Lehmann am 09.07.2015 23:53 Report Diesen Beitrag melden

    Die einzige Konstante ist der Wandel

    Letztendlich leisten die junge Generation nur gerade eine notwendige Anpassung an die Realität (Arbeitsmarkt, u.a.). Irgendwie würde es besser kommen, wenn die sogenannten Entscheidungsträger, das auch mal noch begreifen würden.

  • Lukas Briggen am 09.07.2015 11:03 Report Diesen Beitrag melden

    Bildung ist nicht Ausbildung

    Was in diesem Artikel sträflichst vernachlässigt wird ist die Differenzierung zwischen Bildung und AUSBildung. Ein Studium an der Uni ist keine Ausbildung, sondern Bildung und die sollte in einer Demokratie nicht einen finanziellen, sondern einen ethischen und gesellschaftlichen Wert haben. Ist das nicht der Fall, haben wir keine Demokratie, sondern eine Timokratie. Man muss keinen Uniabschluss habe, um das zu begreifen! Aber wer es nicht begreift, sollte sich in bildungspolitischen Äusserungen zurückhalten.

  • Tommy am 08.07.2015 19:38 Report Diesen Beitrag melden

    Volkswirtschaftslehre

    Bekanntermassen basiert die Volkswirtschaftslehre auf fragwürdigen Annahmen, die empirisch nicht adäquat sind. Zudem wird in der VokswirtschaftsLEHRE mit Dogmen gearbeitet, d.h. also mit Behauptungen statt mit wissenschaftlichen Aussagen. Aussagen von Volkswirtschaftlern sind also nichts mehr als Meinungen und Behauptungen, die es - wie alle geäusserten Meinungen - kritisch zu prüfen und hinterfragen gilt. Es ist falsch, VWL als wichtiger oder relevanter als andere Fachrichtungen zu bezeichnen.

  • Daniel am 08.07.2015 13:12 Report Diesen Beitrag melden

    Rückzahlung knallhart durchsetzen

    Es ist absolut richtig, dass Stipendien nach Abschluss oder Abbruch des Studiums vollständig zurückbezahlt werden müssen. Keine Ausnahmen mehr dulden. Wer finanzielle Unterstützung will, muss Abzahlungsverpflichtung unterzeichnen. Wer diese nicht einhalten kann, knallhart über ein Inkassobüro betreiben. Oder sind die Beamten in der Geldverteilungsabteilung derart faul geworden? Falls ja, fristlos feuern und durch willige Angestellte ersetzen.