Schweiz fällt zurück

05. November 2015 05:48; Akt: 11.11.2015 15:52 Print

Wer nur 6 Stunden pro Tag arbeitet, leistet mehr

von Nikolai Thelitz - Die Schweizer sind im Job unproduktiver als Deutsche oder Franzosen. Laut Experten könnten kürzere Arbeitstage eine Trendwende bringen.

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In Skandinavien ist der 6-Stunden-Tag auf dem Vormarsch: In Schweden, Norwegen und Dänemark können die Arbeitnehmer in einigen Unternehmen schon am frühen Nachmittag wieder nach Hause – und erhalten trotzdem den vollen Lohn. Das Modell freut nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch die Chefs: Die Unternehmen berichten laut «Spiegel» von einer bis zu 50 Prozent höheren Arbeitsleistung.

Wer weniger arbeitet, ist produktiver. Dieser Grundsatz gilt nicht nur in Skandinavien. Auch eine Auswertung der OECD zeigt: Je tiefer die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Arbeiter in einem Land ist, desto produktiver ist er tendenziell. So arbeiten beispielsweise Deutsche im Schnitt weniger als wir – und leisten trotzdem mehr pro Arbeitsstunde.

In den 70er Jahren gehörte die Schweiz noch zu den Ländern, die pro Arbeitsstunde am meisten Wert schufen. Inzwischen haben uns aber diverse Länder überholt. Mit Deutschland, Frankreich und den USA sind es viele grosse Industrienationen. Die Iren haben ein wahres Produktivitätswunder vollbracht: War ihre Wirtschaftsleistung pro Arbeitsstunde 1970 nur gut ein Drittel so gross wie diejenige der Schweizer, haben sie uns vor Jahren überholt. Mittlerweile sind sogar die Belgier produktiver als wir.

«Tiefe Arbeitslosigkeit senkt Produktivität»

«Wer länger arbeitet, ist in dieser zusätzlichen Zeit nicht unbedingt gleich produktiv: Wir können ja nicht 24 Stunden am Stück die volle Leistung bringen», sagt Arbeitsmarktexperte Patrik Schellenbauer von Avenir Suisse.

Laut Schellenbauer liegt der Grund für die tiefere Produktivität in der Schweiz vor allem in der hohen Erwerbsquote. «Bei uns sind sehr viele auch weniger produktive Menschen in den Arbeitsmarkt eingebunden, die in anderen Ländern keinen Job hätten. Dadurch wird natürlich der Schnitt gedrückt.» Somit sei eine niedrige Produktivität nicht unbedingt als negativ zu werten.

Ausserdem seien vor allem exportorientierte Branchen für das Produktivitätswachstum verantwortlich. «Diese Branchen stehen im internationalen Wettbewerb und müssen konkurrenzfähig bleiben. Eine hohe Produktivität der Arbeit ist also zentral.» Binnenorientierte Branchen und der öffentliche Sektor sind weniger diesem Druck ausgesetzt und deshalb auch eher weniger produktiv.

«Sechs-Stunden-Tag steht quer in der Landschaft»

Liegt dieses Abrutschen auf die hinteren Plätze auch daran, dass wir beim Arbeiten immer mehr von Internet und Handy abgelenkt sind? Arbeitsmarktexperte Schellenbauer glaubt nicht daran. «Wir schauen ja auch nicht mehr auf das Handy als Iren oder Deutsche. Ausserdem tauschte man früher wahrscheinlich stattdessen Klatsch aus oder ging eine Zigarette rauchen.»

Auch die Schweiz könnte laut Schellenbauer von einem Sechs-Stunden-Tag wie in Skandinavien profitieren. Dieser müsse allerdings freiwillig von den Unternehmen oder Mitarbeitern kommen und nicht vom Staat verordnet werden.

SP-Politiker Jean Christophe Schwaab findet die Idee eines Sechs-Stunden-Tages gut. «Die Schweizer arbeiten grundsätzlich viel zu viel.» Eine geringere Arbeitszeit würde Stress reduzieren. «Das Seco hat errechnet, dass Stress unsere Wirtschaft jedes Jahr 10 Milliarden Franken kostet.»

Für Fredy Greuter, Mediensprecher des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, kommen eine kürzere Arbeitstage nicht in Frage: «Wegen der schwierigen Wirtschaftslage werden heute Arbeitsplätze gestrichen oder ins Ausland verlagert. Als Massnahme dagegen führen viele Firmen noch längere Arbeitszeiten bis hin zur 45-Stunden-Woche ein. Sechs-Stunden-Tage oder die 35-Stunden-Woche stehen also nicht nur völlig quer in der Landschaft, sondern erhöhen die Produktionskosten. Im Übrigen ist die Sechs-Stunden-Woche in Schweden schlicht kein Massenphänomen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Biene am 05.11.2015 06:08 Report Diesen Beitrag melden

    Zu modern

    Uh nein, das ist viel zu modern für die Schweizer. Die wollen ja nicht mal mehr Ferien...

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  • Büezer am 05.11.2015 06:10 Report Diesen Beitrag melden

    Ist so!

    Es ist erwiesen, dass nach 6-7h Arbeit die Konzentration schlichtweg nicht mehr vorhanden ist und die meisten nur noch den Feierabend abwarten! Deswegen 7h/Tag bzw. 35h/Woche mit einer 15min bezahlten Pause pro Tag einführen. Wer gross in den Mittag gehen will kann das tun, die anderen können von 6Uhr-13Uhr durcharbeiten und Feierabend machen. Und Betriebe die 12-13h oder sogar 24h am Tag laufen müssen, können ein Zweischichtmodell oder Vierschichtmodell einführen. Beim Schweizer aber unvorstellbar, der würde eher für eine 50h Woche plädieren als seine Arbeitszeit senken zu wollen...

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  • Büetzer am 05.11.2015 06:07 Report Diesen Beitrag melden

    Peterprinzip

    das müssre mal den 'Managern' in den Kopf gemeisselt werden die meinen dass eine lange Präsenzzeit wichtig sei - Beispiele können genannt werden. Diese unfähigen Chefs sollten entfernt werden - dann wäre jede Firma effektiver und attraktiver.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Chef Von 5 Angestellten am 06.11.2015 18:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Träumt weiter

    Wer nur 6h arbeiten will, kann heute mit lohneinbusse einfach teilzeit arbeiten. Wer aber nur 6h arbeiten und trotzdem den gleichen lohn wie heute will, soll weiterträumen. Wenn ich meinen angestellten für 6h den gleichen lohn bezahlen müsste,wie heute für 8,5 std könnte ich mein geschäft direkt beim konkursamt anmelden. Dann müssten meine angestellten garnicht mehr arbeiten.

    • Profi am 07.11.2015 16:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Chef Von 17 Angestellten

      Sobald meine MA die Umsätze erreicht haben haben sie frei. Das kann mal 5 Stunden dauern, mal 9 oder sogar mal 12. Der beste schafft es manchmal in 2 Std. Und das Geschäft ist kerngesund.

    • Besserwisser am 07.11.2015 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      At profi

      Qualität vs. Quantität... Mach dir mal gedanken dazu...

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  • Lara Wicki am 06.11.2015 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Super Idee auch für die Schweiz

    Da wäre ich auch dabei!

    • Thomas C. am 06.11.2015 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Tu das'

      Super idee! Dann würdest Du dann einfach dementsprechend weniger Lohn erhalten und hättest 2-3 h mehr am Tag wo Du nichts verdienst und Zeit zum Geldausgeben hättest. Wie "gut" das dunktionniert sieht man ja in D mit 38h Woche. Harz 4 lässt grüssen :-)

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  • 123 polizei 456 am 06.11.2015 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    eurolohn

    bin dafür. man sollte in der Schweiz weniger arbeiten und die Löhne endlich dem Euroniveau anpassen. alles andere ist nicht korrekt. Schweizer benehmen sich im Ausland wie die Kings.

    • Daniel am 06.11.2015 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Jaja

      Das Recht haben die Schweizer auch, weil im Ausland einer mit Wohnsitz in der Schweiz, immer als reicher Mensch angeschaut wird und das Geld sowieso locker hat!

    • Thomas C. am 06.11.2015 21:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      lieber 123 Pozilei

      Da hast Du Rexht, was die Kings angeht. Bloss weil sich die EU selber ausmanöveriert hat, heisst das ja nicht, das wir uns auf das selbe Niveau hinunter lassen müssen. Ja, uns gehts besser, aber wir leisten halt auch mehr! 38h Woche in D, die arbeitsmentalität im Süden etc.

    • Besserwisser am 07.11.2015 17:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      At polizei

      Auf euroniveau.... :D witz des tages... Wenn ich euroniveau-lohn erhalte dann müssen die kosten für einkauf, die wohnungsmiete, die versicherungen usw. um 50% reduziert werden. Ob der vermieter, die versicherung oder der supermarkt freude hat bei umsatzeinbruch von 50%???

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  • Ried Winkel am 06.11.2015 14:31 Report Diesen Beitrag melden

    Fast schon frech

    wenn der sogenannte "Arbeitsmarktexperte" von avenir suisse eine Erklärung liefert, die er aus einer secco Studie aus dem Jahr 2002(!) Wort für Wort übernommen hat. Das ist dies kein Beschrieb der aktuellen Situation, sondern bereitet schon den Boden vor, um die Diskussion zu den Bilateralen im Rahmen der Umsezung der MEI auf einen pseudowissenschaftliche Ebene zu heben.Da muss man sich fragen, welchem Zweck diese "Denkfabrik" des Gewerbe und der Industrie dienen soll.

  • Frankie am 06.11.2015 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    Anderes Modell

    Ich habe eine Wochenarbeitszeit von 37,5h bei einer Tagesarbeitszeit von 8h, also für jeden Tag mache ich eine halbe Stunde gut. Dadurch habe ich zusätzlich 11 Tage im Jahr frei, was ich persönlich besser finde als dafür jeden Tag etwas früher heim zu gehen.