Überholte Schulpflicht?

21. Juli 2017 05:46; Akt: 21.07.2017 05:46 Print

Wer ständig stört, soll von der Schule fliegen

Da bis zur 9. Klasse die Schulpflicht gilt, würden Lehrer kaum gegen «Problem-Schüler» vorgehen, sagt eine Lehrerin. Andere warnen vor «Schnellschüssen».

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Drogenkonsum in den Pausen, Gewalt im Schulzimmer oder die Verweigerung des Handschlags: «Die Grenzen des Tolerierbaren in der Schule werden zu oft überschritten», stellt die pensionierte Lehrerin Ulrike Pittner fest. In den meisten Fällen handle es sich um Jugendliche, die sich bewusst nicht an die Regeln hielten.

«Die Schüler wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen», sagt Pittner. Dies liege daran, dass aufgrund der geltenden Schulpflicht die Hemmschwelle eines Schulausschlusses bei den Verantwortlichen gross sei. Die Folge: «Die Problemfälle stören oder verunmöglichen gar den Unterricht, während Lehrpersonen stundenlang in Sitzungen über Massnahmen diskutieren, die den Schülern null Eindruck machen.»

Ein Schulausschluss ist zwar bereits heute in vielen Kantonen möglich – aber erst im letzten obligatorischen Schuljahr. Laut dem Volksschulamt Zürich ist die Entlassung aus der Schulpflicht zudem nur als «ultima ratio» in «schwerwiegenden Fällen» anzuwenden. Weitere Strafen sind etwa der vorübergehende Ausschluss für vier Wochen oder die Versetzung an eine andere Schule.

Wer gegen Regeln verstösst, soll von der Schule fliegen

In der Basellandschaftlichen Zeitung skizzierte Pittner eine Lösung für die aus ihrer Sicht «zu laschen» Disziplinarstrafen: Die Schulpflicht ab dem ersten Sekundarschuljahr soll durch ein Schulrecht ersetzt werden. Demnach wäre die Schule nicht mehr verpflichtet, jeden Schüler durchzubringen, sondern das Recht auf Schulbesuch wäre an die Einhaltung der Regeln geknüpft, wie es etwa an Gymnasien üblich ist.

«Wer wiederholt die Regeln bricht und nicht mehr tragbar ist, soll von der Schule verwiesen werden», sagt Pittner. Damit werde der Weg frei für die Teilnahme an einem Integrationsprojekt für den Arbeitsmarkt, wo Schüler für Hilfsarbeiten jeglicher Art herangezogen werden sollten. «Bei vielen fällt der Groschen, wenn sie es mit der Arbeitswelt zu tun bekommen, und sie können die Schule später noch fertig machen.»

SVP-Nationalrätin zeigt Verständnis

Für die Forderung zeigt SVP-Nationalrätin Verena Herzog Verständnis. Als ehemaliges Mitglied der Frauenfelder Schulbehörde hat sie selbst erlebt, wie einzelne «Problem-Schüler» den Unterricht lahmlegten und die Lehrer an den Rand der Verzweiflung brachten. Die Aufweichung der Schulpflicht findet sie zwar «heikel». «Wenn aber auch die Time-out-Angebote nichts nützen, soll ein Schüler dispensiert werden können, damit die restliche Klasse normal arbeiten kann.»

Dani Kachel, Präsident des Zürcher Sekundarlehrerverbands, kann es zwar nachvollziehen, dass man als Lehrer bei schwierigen Schülern versucht ist, sie aus der Schule auszuschliessen, «um ihnen das Privileg des Schulbesuchs wieder klarzumachen». Trotzdem findet er, dass es an der Schulpflicht nichts zu rütteln gibt.

Sekundarlehrer warnen vor voreiligen Ausschlüssen

«Es besteht die Gefahr von unüberlegten Schnellschüssen, wenn bereits schwierige Erstklässler in der Sekundarstufe ausgeschlossen werden können», kritisiert Kachel. Und diese Überreaktionen könnten gravierende Folgen für die Jugendlichen haben: «Wenn ein 13-Jähriger von der Schule fliegt und keinen Abschluss hat, wie soll er jemals den Anschluss im Berufsleben finden?», fragt Kachel.

Brigitte Mühlemann, Stellvertretende Amtschefin des Zürcher Volksschulamts, ergänzt: «Ihre Zukunftsperspektiven und allenfalls ihre soziale Entwicklung wären stark beeinträchtigt, eine Anschlusslösung, insbesondere eine Berufsausbildung, wäre kaum mehr möglich.»

Zudem müsse man die Schüler vor sich selber schützen, sagt Kachel: «Wenn die Schüler wissen, dass sie nicht mehr in den Unterricht müssen, wenn sie nur genug Randale veranstalten, dann haben Eltern und Lehrer ein Druckmittel weniger», sagt Kachel. Deshalb seien die heutigen abgestuften Massnahmen mit Verweis, Versetzung oder Entlassung aus der Schulpflicht ab dem dritten obligatorischen Schuljahr ausreichend.

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bär am 21.07.2017 06:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respektlosigkeit/Gewalttätig

    Renitente und gewalttätig die den Unterricht und seine Mitschüler stören sollten wenn sie nicht einsichtig sind ohne wenn und aber von der Schule fliegen aber auch mit 13 Jahren den die Erziehung der Kinder hat nicht's mit der Schule zu tun.Respektlosigkeit gegenüber Lehrpersonal und Mitschüler solle nicht weiterhin geduldet werden und ist auch nicht Erziehungssache des Lehrpersonal!! Es ist ausschliesslich eine Erziehungssache des Elternhauses!!!

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  • edfro am 21.07.2017 06:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Disziplin muss man lernen

    Richtige Konsequenz, wer sich nicht einordnen kann muss mit entsprechenden Massnahmen rechnen. Das gilt in allen Lebenslagen und sollte schon in jungen Jahren erlernt werden.

  • Gigi am 21.07.2017 06:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Starkes Zeichen setzen

    Verweis, Versetzung kann beibehalten werden, und der frühe Schulausschluss ist ein starkes Druckmittel, auch gegenüber den oft renitenten Eltern solcher Kinder. In der Primarschule haben solche Kinder jeweils auch schon tiefe Spuren hinterlassen und viel Arbeit und Leid generiert Was bei der ganzen Diskussion oft vergessen geht ist der Rest der Klasse, insbesondere weitere gefährdete Kinder, die dank des hemmungslosen Anführers auch in einen Teufelskreis geraten. Vom schlechten Lernklima und dem miserablen Klassengeist innerhalb einer Klasse mit dermassen renitenten Schülern ganz zu schweigen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Prognose am 22.07.2017 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Fehler lässt sich kaum bessern

    Wenn man diejenigen in den Klassen lässt, die stören, dann wird ein mal die Schweiz eine Störergeneration bekommen. Und das wird deren Sozialisierung erschwehren. Steile Kriminalitätssteigerung wird die Konsequent sein.

  • P. Rohff am 22.07.2017 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Feigheit der Schulleitung

    Nicht so die problematischen Schüler/Innen stören meinen Unterricht, sondern die Schulleiter, die zu feig (oder links politisch engagiert) sind, um echte Strafmassnahme zu treffen.

  • Miregal am 22.07.2017 13:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern=Grauenhaft?!

    So versteift.... Lasst die Kinder es gibt nicht immer nur einen richtigen Weg... Ab einem Alter von 15 könnte man sowas durchführen. Bei Kindern unter 15 sollte man denen die Fantasie lassen. Das Schulsystem lässt nie Träume wahr werden. Jetzt soll noch jedes Kind anständig bleiben ohne dass es will? Die Freiheit der Kinder wird schon ausgeraubt. Nächstes Mal wenn ich ein Baby heulen höre/sehe dann werde ich sein Mund zu halten, denn es soll die anderen JA nicht stören. -.^

  • Hubert am 22.07.2017 13:01 Report Diesen Beitrag melden

    An deren Eltern

    Es liegt nicht nur am Schüler selber. Meistens stecken dahinter auch die Erziehungen deren Eltern. Und dort sollte man anfangen.

    • LOgos am 22.07.2017 20:11 Report Diesen Beitrag melden

      Das ist nur ein Teil des Problems

      Das stimmt! Aber auch zum Teil.

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  • Sepp am 22.07.2017 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    Renitenter Lehrer

    Hallo Leute. Ich erinnere alle welche wieder einmal denken die faulen Lehrer sind überfordert daran, dass wir mittlerweile auch für die Primar einen Hochschulabschluss brauchen und im Vergleich zu Berufen mit ähnlichen Anforderungen einen Witz verdienen. Vielleicht liegt es deshalb auch daran, dass wir Quereinsteiger, Zivis, Senioren usw. im Klassenzimmer stehen haben welche dann effektiv überfordert sind. Ein guter Lehrer ist auch schnell nal ein guter Psychologe, Berufsberater, Kaufmann, Tourismusfachmann etc. Der schlechte bleibt Lehrer. Also Augen auf und Löhne rauf für richtige Lehrer!