Event-Unterricht

08. Februar 2017 07:45; Akt: 08.02.2017 08:19 Print

Werden die Schulfächer bald abgeschafft?

von B. Zanni - In finnischen Schulen wird der Stoff bald in Form von Events vermittelt. Die Reform könnte sich auch in der Schweiz durchsetzen.

Bildstrecke im Grossformat »
In Finnland gehören Schulfächer 2020 der Vergangenheit an. Die Reform sieht vor, dass Schüler ab 16 Jahren interdisziplinäre Events besuchen. Der Frontalunterricht ist aber auch in der Schweiz zurückgegangen. Viel Stoff wird in Form von Projektwochen und Gruppenarbeiten vermittelt. «Es ist gut möglich, dass es die Schulfächer in der heutigen Form in ein paar Jahren nicht mehr gibt», sagt Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH. Die Schulen vermittelten seit einigen Jahren den Stoff immer projektorientierter, sagt Jürg Brühlmann. Das sei vor allem in Fächern wie Mensch und Umwelt der Fall. «Dabei können die Schüler verschiedene Inhalte wie Geografie, Biologie, Mathematik und vielleicht sogar Kochen vereinen.» Ob Mathematik, Geografie oder Geschichte: In Finnland soll sich niemand mehr fragen, wozu er das lernen soll. Interdisziplinäres Lernen ist angesagt. Sinn ist, dass die Schüler die Themen selber wählen und dabei auch ihre Zukunftsziele und Fähigkeiten im Auge haben. Schüler haben mit Young Enterprise Switzerland die Geschäftsidee entwickelt, Kampotpfeffer aus Kambodscha zu importieren - und gewannen damit 2016. YES bietet in Mittelschulen ein Programm an, bei dem die Schüler innerhalb eines Jahres ein Unternehmen auf die Beine stellen. Schüler, die bei YES mitmachten, stellten 2016 in Luzern ihre Produkte aus und verkauften diese auch. «Unsere Erfahrung zeigt, dass die Schüler viel mehr lernen, wenn sie sich den Stoff auf praktische Weise aneignen», sagt YES-Geschäftsführerin Noémie Sasse. Die finnische Schulreform erachtet Gisela Meyer Stüssi, Vizepräsidentin des Vereins Schweizer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer, in den Mittelschulen aber nicht als Option. «Wer das Gymnasium besucht, hat sich für eine Allgemeinbildung entschieden, was vor allem theoretisches Wissen beinhaltet.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Fächer wie Mathematik, Literatur, Geschichte oder Geografie stehen in Finnland spätestens 2020 nicht mehr auf dem Stundenplan. Der Leiter des finnischen Bildungsdepartements hält den Unterricht von Anfang der 90er-Jahre für einen alten Zopf. «Die Bedürfnisse haben sich geändert. Das System muss dem 21. Jahrhundert angepasst werden.»

Umfrage
Sollen sich auch Schweizer Schüler den Stoff künftig in Form von Events aneignen?
31 %
42 %
21 %
6 %
Insgesamt 3634 Teilnehmer

Die Reform sieht vor, dass Schüler ab 16 Jahren interdisziplinäre Events besuchen. Der Zweite Weltkrieg wird zum Beispiel aus der geschichtlichen, geografischen und mathematischen Perspektive behandelt. Und im Kurs «Arbeiten in einem Café» lernen die Schüler Kompetenzen in Englisch, Wirtschaft und Kommunikation. Sinn ist, dass sie die Themen selber wählen und dabei auch ihre Zukunftsziele und Fähigkeiten im Auge haben. Niemand soll sich mehr fragen, wozu er das lernen soll.

«Gut möglich, dass es heutige Fächer nicht mehr gibt»

Auch in der Schweiz zeichnen sich Tendenzen in diese Richtung ab. «Es ist gut möglich, dass es die Schulfächer in der heutigen Form in ein paar Jahren nicht mehr gibt», sagt Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH. Die Schulen vermittelten den Stoff immer projektorientierter. Dies sei vor allem in Fächern wie Mensch und Umwelt der Fall. «Dabei können die Schüler Inhalte wie Geografie, Biologie, Mathematik und vielleicht sogar Kochen vereinen.»

Laut Brühlmann profitieren die Schüler davon stark, wenn auch die Systematik nicht vernachlässigt werde. «Da oft verschiedenes Wissen gefragt ist, um ein Problem zu lösen, sehen sie den Sinn im Schulstoff und sind motivierter.»

«Schüler lernen viel mehr»

Einen ähnlichen Ansatz wie Finnland verfolgt Young Enterprise Switzerland (YES). Der Verein bietet Mittelschülern ein Programm an, bei dem sie innerhalb eines Jahres ein Unternehmen gründen. Pro Woche können sie zwei bis vier Lektionen daran arbeiten. Sie entwickeln eine Geschäftsidee und ein Produkt, ein eigenes Logo, Flyer, erledigen die Buchhaltung, verschicken Medienmitteilungen und zahlen sich Löhne aus. «Unsere Erfahrung zeigt, dass die Schüler viel mehr lernen, wenn sie sich den Stoff auf praktische Weise aneignen», sagt YES-Geschäftsführerin Noémie Sasse. So verstünden sie, was gewisse Verknüpfungen für das spätere Leben brächten.

Auch Gisela Meyer Stüssi, Vizepräsidentin des Vereins Schweizer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer, macht darauf aufmerksam, dass viel Stoff in Form von Projektwochen und Gruppenarbeiten vermittelt wird. «Der heutige Unterricht am Gymnasium behandelt die Themen des Lehrplans zudem anhand von Beispielen, die mit dem Alltag der Schülerinnen und Schüler verbunden sind.» Etwa werde im Französischunterricht Paris besucht oder in der Geografie sei die nachhaltige Entwicklung Thema.

Keine Option für Mittelschule

Die finnische Schulreform erachtet Meyer Stüssi in den Mittelschulen aber nicht als Option. «Wer das Gymnasium besucht, hat sich für eine Allgemeinbildung entschieden, was vor allem theoretisches Wissen beinhaltet.» Schüler, die damit Mühe hätten, seien in der Berufsschule an einem besseren Platz.

Auch bezweifelt sie, dass Lehrpersonen den Schulstoff in Form von Events seriös vermitteln können. «Damit die Kompetenzen für solch grosse Themenkomplexe reichen, müsste eine Lehrperson mindestens zehn Jahre studieren.» Auch Noémie Sasse hat Vorbehalte. «Die Schüler dazu zu bringen, Selbstverantwortung zu übernehmen, ist nicht immer einfach und kann deshalb ein Projekt zum Scheitern bringen.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lehrlingsausbilder am 08.02.2017 07:58 Report Diesen Beitrag melden

    Schulbildung wird immer unbrauchbarer !

    Es scheint immer noch nicht zu reichen, dass Schulabgänger oft nicht mehr den schulischen Mindestanforderungen an eine Lehrlingsausbildung genügen. Schon bald werden Lehrlingsbetriebe wohl auch noch die Basis der Schulbildung vermitteln müssen ? Hört doch endlich mal auf alles auf nackter Studiertentheorie erneuern zu müssen und kehrt endlich wieder mal auf praxisorientiertes Lernen an den Schulen zurück !

    einklappen einklappen
  • Johnny Castaway am 08.02.2017 07:56 Report Diesen Beitrag melden

    Lehrplan 21

    Immer langsam, jetzt müssen wir ja erst mal den Lehrplan 21 einführen mit der ganzen Kompetenzorientierung. Da wollen wir erst mal sehen, was damit für ein Desaster angerichtet wird, bevor wir schon wieder ein neues Desaster anrichten.

    einklappen einklappen
  • Ex-Lehrer, leicht konservativ am 08.02.2017 07:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super Idee, sofort umsetzen...

    Und die Lehrerinnen und Lehrer, die das in der gebotenen Qualität bieten können, wachsen auf den Bäumen. Die nötige Weiterbildung zahlen sie selbst und absolvieren sie in den Ferien, von denen sie dank Sparmassnahmen eine Woche mehr haben. Eine Woche Crashkurs wird ja wohl reichen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Eugen Messer am 09.02.2017 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    Event-Manager

    Und die Lehrkraft wird zum Event-Manager (vorm. auch Chef Clup Méditerranée)

    • Heejoo am 09.02.2017 19:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Genau!

      Oder ganz einfach: WellnessClub!

    einklappen einklappen
  • Curdin am 09.02.2017 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    In vielen überfordert!

    Einfachste sachen könne heutige schulabgänge nicht mehr lösen. Wenn Lrrnende einige Zahleinheitenzb. in meter, cm, mm zusammenzählen müssen um eine Gesammteinheit zu bekommen, kriegen sie das nicht auf die Reihe! In jedem handwerklichen Beruf ist das nun schon mal eine Mindestanforderung. Ein Arbeitsprotokoll fehlerfreiausfüllen, ist schon eine Übergorderung!

    • citoyen am 09.02.2017 19:13 Report Diesen Beitrag melden

      Ich empfehle Ihnen

      etwas mehr Zurückhaltung bei der Beurteilung anderer.

    • karl am 09.02.2017 19:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Curdin

      Hallo Cardin, zuerst bitte keine Verallgemeinerungen. Denn sonst gehören sie selbst ja auch zu denen, die das von ihnen Beschriebenen nicht beherrschen. Dann: warum fragen sie nicht danach, warum das so ist? Es gibt immer einen Grund und dieser sollte seriös werden. Mit Beschimpfungen in eine Richtung ist das ganz sicher nicht getan. Es liegt nicht nur am Lernenden, es liegt auch nicht nur am Lehrer. Wissen Sie, wie das Zuhause und die Freizeitgestaltung aussehen? Das nur als Beispiel.

    einklappen einklappen
  • Miggeli am 09.02.2017 07:20 Report Diesen Beitrag melden

    Weg damit

    Alles abschaffen, brauchts nicht mehr, vor allem die Köpfe, die das ausdenken

  • Rico S am 09.02.2017 06:57 Report Diesen Beitrag melden

    Klar doch

    Es würde ja geradezu erstaunen, wenn die Schweiz bei solchen Themen nicht sofort die Führerschaft übernehmen und dann nicht auch gleich nich die Schulen selber mitabschaffen würde.

  • Hey World am 08.02.2017 22:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Niveauunterschiede

    Was meiner Meinung nach eines der grössten Probleme ist, sind unterschiedliche Niveaus, sowohl in der Primarschule, als auch in der Sekundarschule. Sogar am Gymnasium gibt es teils recht grosse Differenzen. Und in der Primarschule sitzen zukünftige Sekschüler, Realschüler und Gymischüler in einer Klasse. Die einen langweilen sich, die anderen hinken meilenweit hinterher. Ich würde behaupten, für die wenigsten Schüler passt der Unterricht in der Primarschule.