Soziale Konfliktzone

11. August 2017 05:45; Akt: 11.08.2017 10:10 Print

Zwischen Hündelern und Spaziergängern tobt Streit

von B. Zanni - Seit der Abschaffung des Praxiskurses geraten sich Hündeler und Passanten oft in die Haare. Der Hundeverband plant deshalb einen neuen Hunde-Ausweis.

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Hundebesitzer müssen beim Spazieren mit unangenehmen Reaktionen rechnen. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

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Hunde machen die Schweiz zu einem sozialen Minenfeld. Rund eine halbe Million registrierter Hunde sind 2016 in der Tierstatistik der Identitas AG erfasst. Der Kanton Schwyz verzeichnet laut dem «Boten der Urschweiz» mit 7606 Hunden sogar ein Rekordhoch. «Der Speckgürtel um die Städte, wo immer mehr Hunde gehalten werden, hat sich zu einer sozialen Konfliktzone entwickelt», sagt Andreas Rogger, Geschäftsführer der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft (SKG). Träfen Hundebesitzer auf Spaziergänger, Jogger oder Biker, entfachten sich schnell Streitigkeiten. «Jeder fühlt sich dabei vom anderen gestört und sieht nur sich im Recht.»

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Bis Ende 2016 musste jeder Schweizer, der sich einen Hund anschaffen wollte, einen Praxiskurs mit jeweils vier Lektionen absolvieren. Heute verlangen nur noch die Kantone Glarus sowie Zürich und Genf einen Sachkundenachweis. Hundeverbände bedauern, dass das nationale Obligatorium abgeschafft wurde.

Um die Situation zu entschärfen, führt der Verband Kynologie Ausbildung Schweiz ein nationales Hundehalterbrevet ein. «Hundehalter sollen freiwillig in mit einem einheitlichem Qualitätslabel ausgestatteten Hundeschulen den richtigen Umgang mit Hund und Umgebung lernen», sagt Rogger. Denn heute könne jeder eine Hundeschule eröffnen – «auch Leute, die sich nach drei TV-Folgen mit Hundetrainer Martin Rüter als Hundeprofi sehen».

Attacke auf Halterin

Auch Walter Ogi, Präsident der Hunde-Partei Schweiz, stellt fest, dass Hündeler einem grösseren Konfliktpotenzial ausgesetzt sind. «Heute sind wir leider so weit, dass es nur noch entweder Hundeliebhaber oder Hundehasser gibt.»

Die Halter stossen laut Ogi auf Spaziergängen bei Passanten immer wieder auf grosse Ablehnung. «Es gibt falsche Polizisten, die Hundehaltern drohen, Anzeige zu erstatten, wenn sie sich nicht sofort in ihrer Siedlung aus dem Staub machen.» Ogis Frau wurde bei einem Spaziergang mit dem English Setter in der Nähe eines Wohnblocks sogar schon einmal attackiert. «Eine Frau ging mit einem Knebel auf sie los. Die Auseinandersetzung endete vor Gericht.»

«Für gewisse Eltern ist ein Hund etwas Grusiges»

Immer wieder treffen Hündeler zudem auf Eltern, die empfindlich reagieren. Ogi: «Mütter mit Kindern ekeln sich auch vor den herzigsten Hunden und bekommen schon Zustände, wenn das Tier an der Leine ruhig an ihnen vorbeispaziert.» Sie hätten Angst, dass Hunde ihr Kind mit Bakterien infizieren oder es beissen könnten. «Der Hund ist für gewisse Eltern etwas Gefährliches und Grusiges.»

Laut Ogi bekommen Hundehalter auf Spaziergängen von Passanten auch schnell gehässige Befehle zu hören. «Auch wenn der Hund niemandem zu nahe kommt, heisst es: ‹Nehmen Sie gefälligst Ihren Hund an die Leine.›»

Hündeler verhielten sich falsch

Zu Konflikten kommt es aber nicht nur wegen intoleranter Mitmenschen. Oft verhielten sich Hundebesitzer auch falsch, sagt Andreas Rogger. Heute sei der Hund vor allem ein Vergnügen. «Für die junge Dame mit dem Chihuahua ist der Hund ein Accessoire. Solchen Besitzern ist oft nicht bewusst, dass der Hund ein Tier ist, das rassenspezifische Bedürfnisse hat und das man ausbilden muss.»

Walter Ogi wünscht sich, dass Hündeler Kritik ernst nehmen. «Macht jemand einen Hündeler darauf aufmerksam, dass er den Stock nicht ins Ackerfeld schiessen soll oder Hundekot im Heugras den Bauern keine Freude macht, ist die Antwort ‹Das geht Sie nichts an› fehl am Platz.» Auch sollten es Hundebesitzer nicht als persönliche Beleidigung auffassen, wenn gewisse Menschen aus Angst vor Hunden sofort das Weite suchen. «Zu oft haben Hundebesitzer die Meinung: Wer meinen Hund nicht liebt, ist gegen ihn.»

Damit in den Konfliktzonen wieder mehr Ruhe einkehrt, rufen die Fachleute Hündeler und ihre Mitmenschen aber auch auf, miteinander zu reden, statt einander zu beschimpfen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • john holmes am 11.08.2017 06:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    regeln

    als hundehalter gibt es für uns ganz klare regeln: innerhalb von wohnzonen ist der hund immer angeleint. selbstverständlich wird der kot immer aufgelesen. leider beobachten auch wir, wie der kot vielmals liegengelassen wird. das ist eine sauerei und wenn wirs sehen machen wir den hundebesitzer vehement darauf aufmerksam! was den sachkundeausweis anbelangt" der ist ein witz! jeder kläffer und sein halter besteht den, eine reine alibiübung. aber eben: wie der meistee so sein hund!

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  • morris am 11.08.2017 06:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Mehr gegenseitige Toleranz und Rücksichtnahme wäre wünschenswert, nicht nur bei diesem Thema.

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  • Mansaylon am 11.08.2017 06:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Hund kann nichts dafür

    Niemand hat etwas gegen Hunde, wenn der Besitzer fähig ist. Leider gibt es zu Viele, welche ihre Vierbeiner vermenschlichen, womit ein Hund von Natur aus nicht zurecht kommt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Andrea Ecker am 12.08.2017 19:21 Report Diesen Beitrag melden

    Hunde

    Seit einem halben Jahr haben wir einen kleinen Hund. In der Nachbarschaft ist er gut angesehen. Wir haben ihn immer angeleint. Ausser einer Person, die Hunde hasst und sogar unserem Vermieter erzählt hat wir hätten den Hund nicht im Griff ist alles gut. Der Vermieter hat uns ein Einschreiben geschickt dass def Hund nicht mehr in die Wiese darf. Et möchte nicht dass er dort sein Geschäft erledigt. Traurig, dass man ohne miteinanser zu reden die Leute beim denunziert. Noch trauriger dass ein Vermieter, in dessen Wohnung Hunde erlaubt sind so reagiert. Etwas mehr Toleranz wäre angebracht.

  • Katrin Stähli am 12.08.2017 19:09 Report Diesen Beitrag melden

    Dank SKN wurden weitere Kurse besucht

    Der Kurs "Sachkunde Nachweis" sollte innere 4 Stunden aus Anfängern sozusagen Profis in der Hundehaltung machen. Das ist nicht möglich. Einige haben aber freiwillig Folgekurse besucht. Ich beobachte, dass es vor allem in der Leinenführigkeit grosse Fortschritte gibt. Nur noch selten sehe ich Hunde an der Leine ihre Leute hinter sich herziehen. Den eigenen Hund auch bei Ablenkung sicher abrufen zu können ist das Allerwichtigste! Beim Kreuzen mit Passanten, die ich nicht kenne (mit oder ohne eigenen Hund) kommen unsere Hunde an die Leine oder warten am Rand.

  • Jolanda schläfli am 12.08.2017 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch frusterlebnisse mit hund

    Ich bin sogar schon soweit dass ich mit meine labrador/goldenretriver, 1 1/2 jahre jung, auswandern will; und ich wohne auf dem land in portalban am neuenburgersee... man darf nich schwimmen mit hund im see... nur an leine spazieren (was m.e. an tierquälerei grenzt, hunde müssen spielen untereinander etc). Alles ist verboten; nur zahlen nicht. Will mich nicht weiter über meinen hundeverbotsfrust äussern. Mit dem ausreiten von pferden ist es nicht viel besser. Yolanda

  • M.Lauper am 12.08.2017 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    Rücksicht

    Komisch, der obligatorische Kurs wurde wann abgeschafft? Die meisten dieser rücksichtslosen Hundehalter mit ihren schlecht erzogenen Hunden haben diesen Kurs besucht. Das Problem ist, der Kurs wurde besucht, in dem Glauben die Ausbildung sei erledigt. Es nützt nichts, die wenigen Stunden abzusitzen (es gab keine Prüfung) und dann den Hund machen zu lassen was er will. Hundeausbildung /Erziehung dauert.. Ich bin selber Hundebesitzer und mich ärgern rücksichtslose, besserwisserische Hündeler sehr. Wenn jeder etwas Rücksicht nehmen würde wäre die Welt viel friedlicher....

  • Brigitt Trachsel am 12.08.2017 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    Hund

    Warum können wir nicht in Frieden leben? Ganz einfach weil jeder dem andern nichts gönnt jeder ist der Meinung es ist nur für in da vom Zauberwort haben viele keine Ahnung es ist Toleranz gefragt so würde ein Ausflug in die Natur richtig Freude machen mit Hund Kinder Velofahren Reiter Das Leben wäre so schön und man brauch nicht immer Richtlinien