Spielergewerkschaft

29. Dezember 2017 18:57; Akt: 29.12.2017 18:57 Print

Angst vor Klagen nach Fouls im Amateur-Fussball

Ein Urteil des Kreisgerichts Wil SG gegen einen 4.-Liga-Torhüter nach einem folgenschweren Foul könnte zu einer Welle von Klagen im Amateurfussball führen.

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Das befürchtet der Verteidiger des Spielers, ein bekannter Sportjurist. Der Fall wird die St. Galler Gerichte weiter beschäftigen. Der Verurteilte zieht den Entscheid ans Kantonsgericht weiter, wie Verteidiger Lucien Valloni auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA sagte. Valloni ist auch Präsident der Spielergewerkschaft Swiss Association of Football Players (SAFP).

Der Einzelrichter des Kreisgerichts Wil hatte den Torhüter im Oktober der fahrlässigen Körperverletzung schuldig gesprochen und zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Gemäss dem angefochtenen Urteil soll der Spieler auch gut 6000 Franken Schadenersatz zahlen.

Krasse Spielregelverletzung

Der Richter warf dem Torhüter eine krasse Spielregelverletzung vor. Indem er den heranstürmenden Gegner mit gestrecktem Bein mit den Stollen seines Fussballschuhs auf Kniehöhe getroffen habe, habe er seine Sorgfaltspflicht als Spieler verletzt.

Sport beinhalte immer Gefahren. Mit dem Urteil gelte es aber, eine Grenze zu setzen zwischen erlaubter Härte und dem nicht mehr Erlaubten, begründete der Richter. «Das nützt, wie ich hoffe, dem Fussball.» Immerhin unterstellte der Richter dem Torhüter keine Absicht, den Gegenspieler zu verletzen.

Grundrisiko des Fussballs

Ganz anders sieht der Verteidiger den Fall. Er will für den Torhüter einen Freispruch erwirken. Gemäss seiner Schilderung vor Gericht handelte es sich um einen unglücklichen Zusammenstoss. Der Torhüter habe nur gemacht, was seine Aufgabe sei, nämlich Tore verhindern. Es könne ihm keine Fahrlässigkeit vorgeworfen werden.

Solche Fouls und Verletzungen gehörten zum Grundrisiko des Fussballs, das die Spieler bewusst in Kauf nähmen. Stossend am Urteil findet Verteidiger Lucien Valloni, dass die Sicht des Schiedsrichters wenig beachtet worden sei. Dies sei ein wichtiges Element.

Junge Sportler «kriminalisiert»

Junge Menschen, die sich im Sport engagierten, würden so «kriminalisiert», sagte Valloni der SDA. Ähnliche Fälle – wenn auch nicht immer mit derart schweren Verletzungsfolgen – gebe es im Fussball oft. Es sei nicht wünschenswert, dass solche Konflikte über Gerichte ausgetragen würden.

Zum folgenschweren Foul war es im Mai 2016 beim Spiel FC Henau gegen den FC Wil 1900 (Breitensport) gekommen. Nach einem Konter prallten der Wiler Goalie und ein Stürmer des FC Henau im Strafraum heftig zusammen. Der Stürmer musste mit Knieverletzungen vom Platz getragen und ins Spital eingeliefert werden.

Goalie unglaubwürdig

Der Schiedsrichter zeigte dem Torhüter die Gelbe Karte und pfiff einen Elfmeter gegen Wil. Das Foul hatte aber auch ein juristisches Nachspiel: Der verletzte Stürmer, der am Knie operiert werden musste und mehrere Monate lang arbeitsunfähig war, zeigte seinen Gegenspieler wegen fahrlässiger Körperverletzung an.

Inzwischen liegt die detaillierte Urteilsbegründung vor. Darin weist das Gericht auf das schwere Verletzungsbild hin. «Einzig ein Angriff mit gestrecktem Bein fällt als plausible Ursache für eine derartige Verletzung in Betracht.» Gegenteilige Aussagen des Torhüters erachtete das Gericht nicht als glaubwürdig.

Kritik am Schiedsrichter

Indirekt übt das Gericht auch Kritik am Schiedsrichter: Dessen Aussagen zur fraglichen Spielszene seien unklar, heisst es. Es gebe einige Anhaltspunkte dafür, dass die Grenze für einen Platzverweis, eine Rote Karte, gemäss den Spielregeln erreicht gewesen wäre. Dies ist bei brutalem Spiel oder bei einem groben Foul der Fall.

Der Torhüter hätte im Spiel «richtigerweise die Rote Karte erhalten müssen», schreibt das Gericht. Diese Meinung hatten vor Gericht auch der Staatsanwalt und der Anwalt des verletzten Stürmers vertreten. Dass der Torhüter im Spiel effektiv nur verwarnt worden sei, könne nicht zu seinen Gunsten den Ausschlag geben, heisst es im Urteil.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • rhzh am 30.12.2017 07:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sorry mal...

    Hoffentlich geht das so weiter, mit solchen Gerichtsfällen und Urteilen... Dann hört das evt. mal auf, mit bubertierenden möchtegerne Profifussballer, die glauben, das dieses Spiel Krieg ist...! Und da gibt es ja auch noch die super Eltern, von möchte gerne Jungtalenten, die sich neben und mittlerweile auch schon auf dem Platz aufführen, als gäbe es keinen morgen mehr, sollte man in Zukunft auch an die Kandare nehmen..

    einklappen einklappen
  • M.k am 30.12.2017 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so

    Sollte im Profi Sport auch so gehandhabt werden. Oftmals ist es ja sogar klar das pure Absicht dahinter steckt , wie jemandem ins Ohr beissen oder von der Strecke rammen. Klare Körperverletzung oder versuchte Körperverletzung welche bestraft werden soll .

  • Thomas Bertschinger am 30.12.2017 10:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber Opfer eines groben Fouls

    War selber schon Opfer eines solchen Fouls und musste mit der Ambulanz vom Platz gefahren werden. Dies bei einem Senioren Cupspiel. Habe jedoch keine Anzeige erstattet, obwohl mir sogar Ärzte dazu geraten haben... Schlimm finde ich jedoch, dass Vereine nicht selber verantwortlich handeln. Wenn man anschliessend hört, dass selbst Mannschaftskollegen wieder nach Hause fahren, wenn beim Training sein Auto auf dem Parkplatz steht, dann habe ich echt Fragen! Solche Leute verstehen den Sinn des Sports nicht und müssen vom Spielbetrieb ausgeschlossen werden.

Die neusten Leser-Kommentare

  • GT am 30.12.2017 17:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Risiko

    mit dem Risiko miss man Leben, habe selber öfters schon Brüche und zerrungen gesehen, aber meist unbeabsichtigt. Wir können doch gleich Sarkastoball Spielen

  • Stefan Meier am 30.12.2017 16:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Torwart

    Jeder Spieler steht freiwillig auf dem Platz und ist sich bewusst, dass so etwas passieren kann. Hat mal jemand denn Torhüter gefragt wieviele Schienbeine und Kniee er schon am Kopf hatte? Jeder Amateurfussballer war schon Täter und Opfer.

  • KW am 30.12.2017 15:10 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig

    Ich hatte Sport in der Schule gehasst. Warum? Weil sich viele Verhalten haben als gänge es um Leben oder Tod (gerade beim Fussball). Dass es zu Verletzungen kommen kann ist klar. Wenn jedoch fahrlässig gehandelt wird (d.h. bewusst dem gegenüber Schaden zufügt), dann ist es doch logisch, dass man sich vor Gericht verantworten muss. Sport (Fussball) ist ja kein Rechtsfreier Raum.

  • Fritzli am 30.12.2017 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Aussagen?

    Hatte der Richter einen Videobeweis? War er selber beim Spiel und hat es gesehen? Oder urteilt er nur weil er gehört hat wie ihm andere etwas erzählt haben? Hat er auch alle befragt oder nur den Gegner? Viele hier stimmen dem Urteil zu, obwohl sie nur "vom Hörensagen" davon erfuhren! Ich masse mir kein Urteil an, denn ich war nicht dabei. Grundsätzlich ist nur zu sagen, jeder der einen Sport ausübt, stellt sich der Gefahr verletzt zu werden, besonders die Fussballer!

  • Patrick Fink FrigoM3 am 30.12.2017 13:51 Report Diesen Beitrag melden

    Bin selber Torwart

    Ich finde man sollte nicht bei jedem Foul zum Richter rennen. Schlussendlich ist das ein Sport, da kann alles passieren. Wenn jemand das auch praktiziert wird wohl wissen was alles auf Ihn kommt. Ich als Torwart bin öfters in Zweikämpfe verwickelt und hab mich auch mal verletzt am Wadenbein... doch nun sind meine Waden trainiert das es nicht nochmal vorkommt.