Nacktwanderer

29. November 2017 19:00; Akt: 30.11.2017 09:20 Print

«Ich will beim Wandern keine Schniedel sehen»

Selbst Bussen und kalte Temperaturen halten manche Nacktwanderer nicht von ihrer Passion ab. Das freut nicht jeden: Vor allem in Innerrhoden ist die Stimmung offenbar gereizt.

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So reagierten internationale Medien damals auf das Nacktwanderverbot: «Welt.de» vermeldete die schlechte Nachricht für FKK-Liebhaber, denn Appenzell Innerrhoden sei ein Nacktwander-Paradies. «Spiegel Online»: Schweizer Kanton will keine Nackwanderer mehr. Spiegel zitierte die Regierung, die Appenzeller Bevölkerung habe die Nacktwanderer als überaus «störend und belästigend» empfunden. Die Meldung erschien in der Rubrik Reisen, denn vor allem in Deutschland ist das Nacktwandern eine beliebte Freizeitbeschäftigung. «Euronews»: Appenzell Innerrhoden gegen Nacktwandern. Die Schweiz kann für Wanderer ein Paradies sein, nicht aber für Spaziergänger im Adamskostüm. «BBC Online»: Naked ramblers face Swiss fines. Das britische Newsportal schrieb von einer Busse zum Schutz der Kinder, die auch in den Bergen herumspazieren. «Bild.com»: Naked walkers who show some bare cheek will be fined! Die englische Ausgabe von «Bild.de» «abcNews»: Swiss Canton Bans Nude Hiking. Die amerikanische Site betonte, dass die Nacktwanderer laut den Konservativen im Schweizer Kanton die idyllische Natur stören würden. «TVNZ»: Swiss Canton Bans Nude Hiking. Das neuseeländische Online-Medium vermeldete, dass der Schweizer Kanton populär für das Nacktwandern war. «IOL»: Naked ramblers unwelcome in Switzerland. Selbst der südafrikanischen Site war das Verbot eine Meldung wert. Darin wurde Peter Schmid zitiert, der sich empörte, dass der Kanton Appenzell Innerrhoden im Ruf steht, ein Nacktwander-Mekka zu sein. Darum habe er für das Verbot gestimmt.

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«Ich bin bekennender Naturist und wandere ausschliesslich nackt, Sommer wie Winter», outete sich am Montagabend ein Neumitglied in einer Facebook-Gruppe für Wanderer. Die Reaktionen darauf sind gemischt, wie das Onlineportal GRHeute schreibt. So heisst es etwa: «Mich stört ein Penis nicht, das ist voll natürlich», aber auch: «Ich will beim Wandern keine Schniedel sehen.» Zudem kommt die Frage auf, ob das nicht strafbar sei.

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In der Schweiz ist es das. Vor sechs Jahren entschied das Bundesgericht, dass Kantone Nacktwanderer büssen dürfen. Das Bundesgericht hat mit dem Entscheid die Beschwerde eines Mannes abgeschmettert, der im Oktober 2009 im Gebiet Nieschberg bei Herisau AR nackt unterwegs war und in der Folge verzeigt wurde. 2009 wurde im Kanton Appenzell Innerrhoden das Übertretungsstrafgesetzbuch angepasst; seither werden nackte Wanderer mit 200 Franken gebüsst. Damit wurde Nacktwandern zum Offizialdelikt – damals ein Novum weltweit. Um gegen das Verbot zu protestieren, zog sich im Juli 2012 ein Mann bei einem Fallschirmsprung aus und landete dann in Wasserauen AI. Geholfen hat es nichts.

Gibt es keine Nacktwanderer mehr?

Auf Anfrage bei den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden heisst es, dass Nacktwanderer kein Thema mehr seien. Bussen gab es 2017 keine. Auch Florian Schneider, Sprecher der Kapo St. Gallen, sind aus den letzten drei Jahren keine Fälle bekannt: «Im Kanton St. Gallen wurden Nacktwanderer ohnehin nie gebüsst, man müsste Anzeige erstatten.» Denn den expliziten Straftatbestand Nacktwandern gebe es nicht – anzeigen könne man etwa Belästigung oder Exhibitionismus.

Für Puistola Grottenpösch*, Ostschweizer Nacktwanderer und Sprachrohr der Schweizer Nacktwanderer, ist klar: «Drohende Konsequenzen sind uns egal. Um bestraft zu werden, muss man uns erst einmal in flagranti erwischen.» Es gebe durchaus noch eine Nacktwanderer-Szene, unter dem Radar der Polizei. Auch er sei nach wie vor nackt unterwegs.

Gefühl von Freiheit

Grottenpösch ist inzwischen 64 Jahre alt und seit 30 Jahren intensiver Nacktwanderer, erste Erfahrungen habe er aber bereits im Alter von 15 Jahren gemacht. «Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit, das nie Routine wird. Im Gegenteil, hat man das einmal erlebt, möchte man das Gefühl immer wieder.» Es sei toll, wenn keine Kleidung mehr da ist, die eng ist oder zwickt. Auch der Winter sei kein Hindernis. Im Gegenteil – wenn die Sonne scheine, sei es gerade bei null Grad herrlich erfrischend.


Der erste öffentliche Auftritt von Puistola Grottenpösch war 2009 bei 20 Minuten (Video: Amir Mustedanagic/Schnitt: Debby Galka)

In der Schweiz gebe es viele schöne Gegenden, die sich für das Nacktwandern eignen. Einzige Ausnahme: der Kanton Appenzell Innerrhoden. «Dort ist die Stimmung uns gegenüber sehr aggressiv» – vor allem bei den «lokalen Bekleideten», wie Grottenpösch sie nennt. Es sei richtig lästig, weil man dort regelrecht aufgehalten werde. Das brauche wohl niemand, deshalb bleibe er dort lieber weg.

Die Nacktwanderer

* Pseudonym, Name der Redaktion bekannt

(taw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Köbeli am 29.11.2017 19:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Natürlichkeit als Begründung?

    Immer wieder lustig mit der Begründung "das ist natürlich". So eine Begründung ist völlig irrelevant. Die Stuhlentleerung ist auch natürlich, soll man das jetzt in einem Restaurant während dem Essen tun?

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  • Tresi am 29.11.2017 19:22 Report Diesen Beitrag melden

    Nackt ist nackt!!

    Lasst die Schuhe auch zu Hause.

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  • Heinz Hug am 29.11.2017 19:24 Report Diesen Beitrag melden

    Offenheit

    Die Nacktwanderer getrauen sich wenigstens zu zeigen, dass sie ein Problem haben.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nacktwanderer am 30.11.2017 23:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Für Nacktwanderwege

    Die ganzen Diskussionen zeigen doch ganz klar, dass es auch hier künftig ausgewiesene Nacktwanderwege geben muss. Da wäre dann allen mit geholfen.

  • Median am 30.11.2017 19:31 Report Diesen Beitrag melden

    Der goldene Mittelweg

    Es ist wie fast immer im Leben: Der goldene Mittelweg ist wieder mal der Richtige: Ich will beim Wandern keine hängenden Schniedels und andere primäre Geschlechtsteile sehen. Und auch keine Ganzkörperverschleierung! Danke für die Rücksichtnahme!

  • Rolf Wienerli am 30.11.2017 18:48 Report Diesen Beitrag melden

    Vorsicht

    Für männliche Nacktwanderer ist es gefährlich, denn auch freilaufende Hunde sind scharf auf Wurst.

  • Es fiel nicht auf.. am 30.11.2017 11:43 Report Diesen Beitrag melden

    Model blutt aber bemalt

    An alle die blutt gehen wollen. lasst Euch von Model Maria Luciotti beraten, diese bemalte Ihren Körper und fiel in einer gut besuchten Mall damit nicht auf. Wenn das hier beim Wandern auch geht, das wäre ein Heidenspass!

    • errare humanum est am 30.11.2017 13:32 Report Diesen Beitrag melden

      @Es fiel nicht auf..

      Sie liess ihren Körper bemalen und war nicht nackt.

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  • Liam am 30.11.2017 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    Schuhe und Socken

    Wenn schon blutt, dann ganz. Socken, Schuhe und Taschen/Rucksack bitte auch weglassen. Euer Füdli ist zwar nicht unbedingt sehenswert, aber wenn es euch Spass macht . . . oder ihr nicht auspacken wollt, wenn ihr müsst.