St. Gallen

24. Juli 2017 05:51; Akt: 24.07.2017 05:51 Print

«Kifft hier wirklich jemand auf dem Friedhof?»

Auf dem Ostfriedhof St. Gallen ist einem Leser-Reporter ein seltsamer Geruch aufgefallen. Er dachte sofort an Cannabis. Das war es aber nicht.

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Auf dem Ostfriedhof St. Gallen... ... sorgt der Geruch von Cannabis für Verwunderung Wird hier etwa Gras geraucht? Nein. Schuld daran ist diese Pflanze. Es handelt sich dabei um den Rosenwaldmeister. Sie ist eine Verwandte des einheimischen Waldmeisters (Galium odoratum) oder des nordostafrikanischen Kaffeestrauches (Coffea arabica). So sieht sie aus, wenn sie blüht. Blütezeit ist von Juni bis August. Potentielle Bestäuber, vor allem Tagfalter, mögen den Duft der Pflanze, wie es in einer aktuellen Mitteilung des Botanischen Garten St. Gallen heisst. Anders als beim Cannabis ist der hohe Gehalt an Cumarin für den Duft verantwortlich. Die Pflanze wird teilweise als bodendeckende Zierpflanze für Steingärten und Rabatten genutzt. So auch einst bei der Torstrasse in St. Gallen. Das sorgte 2008 für grossen Wirbel. Der penetrante Hanfgeruch lieferte Stoff für die abenteuerlichsten Spekulationen. Die Polizei führte mehrere Hausdurchsuchungen durch und stand vor einem Rätsel. Schliesslich wurde der Übeltäter vom Gartenbauamt entfernt. Das Medieninteresse damals war gross. Die Pflanzen wurden aber nicht zerstört. Der Ostfriedhof St. Gallen gewährte ihnen Asyl. Und so schliesst sich der Kreis. Die Pelargonium crispum, die nach Zitrone duftet. Andere Duftpelargonien riechen etwa nach Pfefferminze, Tiki-Limonade oder Möbelpolitur. Sie stammen mehrheitlich aus Südafrika. «Alles was grün ist in der trockenen Landschaft, ist attraktiv zum Fressen. So haben einige Pflanzen lederige, behaarte oder stachelige Blätter. Andere wiederum kuriose Düfte/Geschmäcker», erklärt Peter Enz, Leiter Botanischer Garten der Universität Zürich. Die Blüten der Amazonas-Riesenseerose öffnen sich bei Dämmerungseinbruch. Dabei verströmt die weisse blüte einen betörenden Geruch, der Käfer anlockt. Ist der Käfer in der Blüte, schliesst sie sich für 24 Stunden. Erst am nächsten Abend öffnet sie sich wieder und lässt den Käfer frei. Dieser ist vollständig mit Blütenstaub eingedeckt. Die Blüte ist nun nicht mehr weiss, sondern hat sich rosa gefärbt. Das Edelweiss, das nach Honig und Urin riecht, lockt Fliegen und Wespen an. Die sogenannte Verpiss-dich-Pflanze aus der Familie der Lippenblütler, zu der auch Minze oder Basilikum gehören wirken durch ihre ätherischen Öle abschreckend auf gewisse Tiere. Für den Menschen dagegen werde das nicht als unangenehm empfunden.

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Ein Leser-Reporter war am Mittwochmorgen auf dem Ostfriedhof in St. Gallen, als er plötzlich einen komischen Geruch wahrnahm. «Ich konnte ihn erst nicht richtig einordnen», so der 18-Jährige. Dann sei es ihm schlagartig klar geworden: «Das ist Cannabis.» Er konnte es kaum glauben. «Kifft hier wirklich jemand auf dem Friedhof?» Er sei dann etwas hin und her gegangen und habe eine Pflanze in den Rabatten bemerkt. Direkt bei dieser sei der Geruch am stärksten gewesen. «Ist sie etwa der Übeltäter?», fragt sich der Leser-Reporter.

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Sie ist es. Bei der besagten Pflanze handelt es sich um den Rosenwaldmeister, der mit seinen rosaroten Blütenständen einen markanten süsslichen Duft verströmt, den viele als Hanfgeruch wahrnehmen.

Hausdurchsuchungen und Drogenhunde

2008 versetzte der penetrante Hanfgeruch der Pflanze während Monaten das ganze Quartier rund um die Torstrasse in St. Gallen in Aufregung und lieferte Stoff für die abenteuerlichsten Spekulationen. Einige glaubten, in versteckten Katakomben unter der Strasse gebe es eine Indoor-Hanf-Plantage. Oder waren es gar Schüler des Talhofes, die auf dem Pausenplatz kifften? Andere hatten die Brauerei Schützengarten im Verdacht. Auch die Polizei stand vor einem Rätsel. Sie führte mehrere Hausdurchsuchungen und Einsätze mit Drogenhunden durch – ohne Erfolg.

Im August 2008 wurde das Rätsel endlich gelöst. Nach einem Regenguss stieg aus den Staudenpflanzungen des Gartenbauamtes an der Torstrasse, in denen der Rosenwaldmeister als Bodendecker diente, der ominöse Duft auf, wie es in einer Mitteilung des Botanischen Garten St. Gallen heisst. Zwei Monate danach wurde der Übeltäter umgesiedelt. Und zwar auf den Ostfriedhof. Wie es auf Anfrage beim Gartenbauamt heisst, wird seither bei der Bepflanzung in der Stadt auf den Rosenwaldmeister verzichtet.

«Pflanze ist auf Vermehrung aus»

Laut Peter Enz, Leiter des Botanischen Garten der Universität Zürich, ist der Duft von Pflanzen Geschmackssache: «Die Fliege findet einen kotigen oder aasartigen Geruch sehr attraktiv, wir Menschen gehen solchen Düften aus dem Weg.» Das Edelweiss, das nach Honig und Urin riecht, locke etwa Fliegen und Wespen an. Dagegen gebe es die sogenannte Verpiss-dich-Pflanze aus der Familie der Lippenblütler, zu der auch Minze oder Basilikum gehören. Diese Pflanzen wirken durch ihre ätherischen Öle abschreckend auf gewisse Tiere. Für den Menschen dagegen werde das nicht als unangenehm empfunden.

«Die Pflanze ist primär auf Vermehrung aus. Mit einem schönen Angebot an Düften, Pollen oder Nektar wollen sie Bestäuber verführen», so Enz. Dabei interessiere es die Pflanze nicht, wie der Mensch das empfindet. Schöne Düfte locken etwa Tagfalter an, tagsüber duftlose weisse Blüten würden in der Nacht meist sehr angenehme Düfte verströmen etwa für Nachtfalter. «Blüten mit kohlartigen, fauligen Düften werden meistens von Fledermäusen bestäubt», so Enz.

(taw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Maximilian B am 24.07.2017 06:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sorgen 

    Ach, was haben die Leute auch für Sorgen! Auf dem Friedhof ein Tütchen rauchen, friedlich und in aller Stille - was sollte da so furchtbar sein, daran?

    einklappen einklappen
  • Oswald am 24.07.2017 07:18 Report Diesen Beitrag melden

    Interessantes...

    Thema. In unserem Quartier riecht es auch manchmal komisch. Muss ich mich nun an die Presse wenden?

    einklappen einklappen
  • Mage co am 24.07.2017 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Freudscher verschmecker?

    sorgen habe manche Leute... Und was wäre jetzt schlimm wen da jemand gekifft hätte?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lendino am 24.07.2017 17:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Isch das en Artikel Wert

    Mein Güte. Sonst keine Hobbies?

  • Freund des Rechtsstaats am 24.07.2017 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Auch hellhäutigen Schweizern?

    Nach welchen Kriterien wurden welche Wohnungen durchsucht?

  • Marius am 24.07.2017 13:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Südafrika

    Das müssen die selben pflanzen sein die man auch in südafrika entlang der garden-route überall riecht... riecht aber mehr nach verarbeitetem gras als nach einer lebenden hanf-pflanze. Ich finds lecker :)

  • Anna Mohn am 24.07.2017 13:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratis

    Mein Freund ist gestorben und sein letzter Wunsch war 5kg Cannabis in den Sarg zu streuen damit alle die etwas konsumieren wollen dürfen Ernten,

  • positivy75 am 24.07.2017 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gotteskraut

    mir wierd von Zigarren au übel, fragt mich au nimmand ob ich das ertragen möchte. legaliesiert doch einfach das Liebeskrau oder Gotteskraut,