Thurgau

18. April 2018 17:38; Akt: 18.04.2018 17:39 Print

«Menschen werden in den sozialen Tod geschickt»

Seit der Verschärfung der IV-Praxis werden im Thurgau immer mehr Rentengesuche abgelehnt. Die Zahl der IV-Bezüger sank zwar, dennoch wurden die Gemeinden stärker belastet.

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Der Grosse Rat hat am Mittwoch über die Verschärfung der IV-Praxis gesprochen. (Bild: parlament.tg.ch)

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Im Thurgau würden Renten mit überdurchschnittlicher Härte nicht gesprochen oder aufgehoben, sagte Hanspeter Heeb (BDP) am Mittwoch im Thurgauer Grossen Rat. Bei der Diskussion über seine Interpellation «Finanzielle Auswirkungen der verschärften Praxis der IV» fand er deutliche Worte: «Statt die Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, werden sie in den sozialen Tod geschickt.»

Gemäss Statistik wurden im Jahr 2016 im Thurgau zwei Drittel aller IV-Rentengesuche abgelehnt. Vor der Verschärfung der IV-Praxis waren es weniger als ein Drittel (2005: 28,4 Prozent). Ausserdem wurden seit der fünften IV-Revision im Jahr 2008 zahlreiche Renten gekürzt oder aufgehoben.

Insgesamt lebten Ende 2016 laut Statistik 7118 IV-Rentnerinnen und -Rentner im Kanton, vor fünf Jahren waren es noch 7345 Personen. Während die Zahl der IV-Renten sank, stieg die Anzahl Bezügerinnen und Bezüger von Ergänzungsleistungen (EL), wie der Kanton in der Antwort auf die Interpellation weiter ausführt. Von den gut 8000 EL-Bezügern im Jahr 2016 seien über 3000 Personen oder knapp 39 Prozent IV-Rentner.

Sozialhilfe statt IV

Das Bild sei in der ganzen Schweiz gleich, sagte ein CVP-Vertreter. Wegen der restriktiven IV-Praxis und der schwierigen Arbeitsmarktintegration würden immer mehr Menschen zu langjährigen Sozialhilfefällen.

Obwohl die Gemeinden, vor allem die Zentrumsgemeinden, finanziell stärker belastet würden, hätten sie keinen Einfluss auf die IV-Praxis oder auf die Ergänzungsleistungen. Was die IV spart, bleibt bei den Gemeinden hängen, war das Fazit der gut einstündigen Diskussion.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Solidarität Prinzip am 18.04.2018 19:28 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichte vergessen

    Nicht mal 3% der Bevölkerung in der Schweiz ist auf Leistungen der Invalidenversicherung angewiesen. Und das Schweizervolk hat nicht mal soviel Herz um diese drei Prozent ihrer Mitmenschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Einfach nur traurig und masslos dumm. Doch das merken die 97% erst wenn Sie selbst in die Lage geraten wo sie Unterstützung brauchen. Überlegt doch mal, wieso wurde eine AHV und IV im 1947 vom Volk beschlossen und im Gesetzt verankert.

  • Urs am 18.04.2018 17:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Worte

    Das ist ein schweizerisches Armutszeugnis! Schande über uns.

  • Roberto am 18.04.2018 19:08 Report Diesen Beitrag melden

    Das kann nicht gut gehen!

    Wer heute gegen Invalide ins Feld zieht und meint damit etwas zu gewinnen der bedenke, dass eine Krankheit und eine daraus resultierende Invalidität JEDEN treffen kann! Dann kommt man zwar auf die Welt, aber viel zu spät! Wie hier richtig erkannt wurde: Kranke werden nicht gesund nur weil die IV sie ablehnt, sondern sie landen unweigerlich bei der Sozialhilfe. Und davon kommt u.a kein einziger Franken als z.B. Steuern wieder zurück! Auch sind solche Leute dann physisch und psychisch endgültig am Ende.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolf Müller am 18.04.2018 21:10 Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch schlimm

    Habe gerade gelesen das der BR die Gelder für die Armutsbekämpfung massiv kürzt. Eine Seite weiter lese ich das. Das darf doch einfach nicht mehr wahr sein. Was nehmen sich diese Damen und Herren in Bern eigentlich heraus? Leider darf ich hier nicht mit den passenden Ausdrücken schreiben was ich denke. Resignation macht sich bei mir breit.

  • Köbu am 18.04.2018 21:01 Report Diesen Beitrag melden

    Abgeschoben

    Die IV schaut einfach besonders bei den Grenzfällen, das die Berechnung des Lohnausfalls und die Gutachten (IV-hörig) Daten liefern die keine viertel Rente ergeben. 38% Arbeitsunfähigkeit/Lohnausfall reicht eben nicht, und ab in die Sozialhilfe!

  • Sieg Burg am 18.04.2018 21:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Druckfarben

    Unser Deutscher CEO im Deutschen Mutterhaus meinte, dass unser Unternehmen sich vom sozialen Engagement verabschieden werde, dafür gäbe es ausserhalb der Firma geeignetere Institutionen. Mehr muss man wohl nicht dazu sagen, unsere Renditen sind im zweistelligen Bereich.

  • Leider am 18.04.2018 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweizerin

    Ich kenne nur SchweizerInnen, die in der IV-Falle hängen. Zuerst jahrelang vom Sozialamt Geld bezogen, danach auf die IV abgeschoben. Öffnet endlich die Augen.

  • Chris am 18.04.2018 20:30 Report Diesen Beitrag melden

    Abstrus

    Noch nie gab es auf der Welt derart viel Geld und doch soll es an allen Ecken und Enden fehlen. Ich mag ja blöd sein, aber so dermassen dann auch wieder nicht. Die Reichen zahlen viel zu wenig Steuern. Das muss sich ändern und zwar schleunigst.

    • hoffen jedoch darauf am 18.04.2018 20:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Chris

      Die Folge wäre, dass noch mehr Menschen denken, von Nichts kommt kommt Viel. Sie wissen mit Bestimmtheit nicht, dass die gebratenen Tauben niemandem in den Hals fliegen.

    • Pardo am 18.04.2018 20:55 Report Diesen Beitrag melden

      Mangelnde Solidarität?

      Wie können so viele IV Renter und Sozialhilfebezüger unterstützt werden, wenn nicht mit dem Geld der "Reichen". Ein bisschen Nachdenken hat noch keinem geschadet.

    • RoCh am 18.04.2018 21:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Chris

      Sie sind alles andere als dumm! Im Gegenteil, Sie haben die Problematik richtig erkannt. So soll und muss man gegen IV-Betrüger vorgehen, aber sicher nicht gegen sozial schwache Menschen, die Hilfe benötigen. So kann man natürlich die IV/AHV Kasse auch gesund sparen. Aber der Preis zahlen die Menschen, die von diesem sozialen Auffangnetz getragen werden sollten. Die sozial schwachen. Am Schluss zahlt der Steuerzahler, wenn die Gemeinden die Steuern erhöhen müssen. Eine Schande das Milliarden an Volksvermögen ins Ausland verschenkt wird, statt unsere Probleme zuerst zu lösen.

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