«Moderne Hexenjagd»

27. März 2014 11:57; Akt: 27.03.2014 12:34 Print

Pädo-Therapeutin kämpft gegen Initiative

Die Pädophilen-Initiative sei zu radikal, findet die Ostschweizer Psychologin Monika Egli-Alge. Gegen Pädophile werde eine moderne Hexenjagd betrieben.

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Vier Fünftel aller Pädophilen kommen freiwillig zu ihr: Psychologin Monika Egli-Alge vom Forensischen Institut Ostschweiz.

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Alles spricht momentan dafür, dass die Pädophilen-Initiative am 18. Mai angenommen wird: Laut einer repräsentativen Umfrage von Mitte März wollen rekordhohe 80 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung, dass verurteilte Sextäter nie mehr mit Kindern arbeiten dürfen.

Auch das kürzlich gebildete Contra-Lager um FDP-Nationalrat Andrea Caroni scheint daran nichts ändern zu können. Sie ziehen mit dem Argument ins Feld, dass das Parlament erst kürzlich Berufsverbote ermöglicht hat, die in jedem Einzelfall geprüft werden. Die Initiative generalisiere aber und treffe so auch einen 19-jährigen Jugendlichen, der mit einer 15-Jährigen eine Liebesbeziehung führt.

«Nicht einfach wegsperren»

Nun erhalten sie aber Unterstützung von einer Frau, die tagtäglich mit Pädophilen zu tun hat. «Diese Initiative ist zu radikal, weil nicht jeder verurteilte Pädophile weggesperrt werden muss, sondern nur derjenige mit hoher Rückfallgefahr», sagt Monika Egli-Alge, Leiterin des Forensischen Instituts Ostschweiz in Frauenfeld. Ein Berufsverbot helfe nicht viel, da 84 Prozent aller sexuellen Übergriffe auf Kinder im familiären Umfeld verübt würden.

«Strafen kaum abschreckend»

Die Diskussion laufe sehr emotional und in der Öffentlichkeit würden Feindbilder des schlimmen Pädophilen aufgebaut: «Das ist eine moderne Hexenjagd», so die Psychologin in einem Interview mit der «Zeit». Pädophilie sei eine nicht heilbare Störung der sexuellen Präferenz, an dem rund ein Prozent der Bevölkerung leide. Um Kinder optimal schützen zu können, müsse man die Täter therapieren und nicht einfach wegschliessen: «Harte Strafen wirken auf Pädophile kaum abschreckend», so Egli-Alge.

Masturbation statt Sex

In ihrem Institut therapiert Egli-Alge Männer aus allen Schichten: Vom 18-jährigen Hilfsarbeiter bis zum 72-jährigen Akademiker. Rund vier Fünftel der Patienten kommen freiwillig, bevor sie übergriffig werden. «Viele von ihnen müssen lernen, keinen Sex mehr zu haben», so die Ostschweizerin. Die Männer müssten lernen, sich durch Masturbation mithilfe der Fantasie oder Bildern aus der Werbung zu befriedigen. Man könne niemandem verbieten, sexuell erregt zu sein, aber diese Fantasie auszuleben schon. Die chemische Kastration hingegen sei nur selten zielführend: «Diese Medikamente dämpfen den Trieb – der Wunsch nach Sex bleibt aber.» So könnten Straftaten nur in seltenen Fällen verhindert werden.

(sst)