«Rapid Rot»

05. Juli 2016 05:47; Akt: 05.07.2016 05:47 Print

Friedhöfe setzen auf Pilze für schnelle Verwesung

In vielen Friedhöfen verwesen Leichen in der Erde nicht recht. Dagegen wird nun ein Mineralsubstrat eingesetzt, das in der Ostschweiz entwickelt wurde.

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«Wir bringen den Wald auf den Friedhof», sagt Francis Schwarze, Pilzexperte und Leiter der Fachgruppe Holzschutz am Institut für Materialforschung Empa in St. Gallen. Er hat nach jahrelanger Forschungsarbeit das spezielle Pilzgemisch FS Rapid Rot (Schnelle Verrottung) entwickelt. Das biologische Mineralsubstrat soll dafür sorgen, dass Särge und Leichen auf Friedhöfen schneller verwesen. In erster Linie gehe es um die Verrottung des Holzsarges, denn dieser schirme die Leichen zusätzlich vor mikrobiellen Aktivitäten ab.

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Im Liechtenstein wurde kürzlich entschieden, dass das Produkt auf dem Schellenberger Friedhof eingesetzt wird, wie das «Vaterland» schreibt. Dies, weil auf dem Friedhof Gemeindemitarbeiter bei Grabarbeiten auf Särge gestossen sind, die auch nach 25 Jahren Ruhezeit nicht richtig zersetzt waren. In Kreuzlingen ist es bereits im Einsatz. «Nachdem die Versuche positiv waren, verwenden wir das Produkt nun bei allen Erdbestattungen», sagt Ursula Layritz vom Bestattungsamt Kreuzlingen.

An Schweinekadavern getestet

Rund 30 Prozent aller Friedhöfe in der Schweiz haben Probleme mit der Erde. «Die schweren Lehm- und Tondböden sorgen dafür, dass der Verwesungsprozess gehemmt wird. Zudem fehlt oft Sauerstoff», so Schwarze. In der Folge entstehen sogenannte Fettwachsleichen, die ähnlich konserviert sind wie Mumien und die wie Wachsfiguren aussehen. Zu einem besonders schockierenden Fall in der Schweiz kam es 1994 in Cham (ZG). Damals wurde ein Bahntrassee durch einen geschlossenen Friedhof gebaut. Dabei schaufelten Bagger 257 Wachsleichen heraus. Diese hatten rund 50 Jahre im Boden gelegen.

FS Rapid Rot soll hier Abhilfe schaffen. Vor ein paar Jahren wurde es in der Schweiz mit Hilfe von Schweinekadavern getestet. «Die Särge mit den Kadavern lagen rund drei Meter auseinander. Beim Sarg mit dem Pilz war der Kadaver nach zwei Jahren recht gut verwest, beim anderen kaum», so Schwarze. Vertrieben wird das Produkt über die Zofinger Firma Mycoproducts. «Unsere Käufer sind Gemeinden und Städte. Grabräumungen, wenn die Leichen noch nicht verwest sind, sind für Friedhofmitarbeiter sehr belastend. Zudem sind sie mit Kosten verbunden», so Geschäftsführer Martin Basler. Das Pilzgemisch werde jeweils direkt auf den Sarg angebracht. Ein Säckchen pro Sarg genügt.

Die Reaktionen seien bisher durchwegs positiv. Auch von der katholischen Kirche gab es bisher keine Einwände. «Immerhin beschleunigen wir ja nur einen natürlichen Prozess.»

(taw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike Shiva am 05.07.2016 06:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blick in die Zukunft

    So schreit ich dann zu ewigen Ruh, der Pilz erledigt das im Nu. ;)

  • sake7 am 05.07.2016 06:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einfach gleich kremieren

    Einfach gleich kremieren - mit Würmern und Pilzen soll mein toter Körper nichts zu tun haben müssen.

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  • Cherokee am 05.07.2016 06:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausbreitung

    Ein Pilz, der Holz schneller zersetzt. Aha! Der Pilz bleibt sicher nicht nur an Ort und Stelle, sondern breitet sich aus (wie jeder andere Pilz auch)! Viele Friedhöfe sind sehr nahe bei Wäldern. Stellt euch jetzt mal diese Kombination vor: Holz zerstörender Pilz breitet sich in Richtung Wald aus...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • petero am 06.07.2016 13:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Medikamente

    Viele Verstorbene haben einen Medikamentenmix im Körper. Auch werden beim Aufbahren die Leichen gekühlt. So kann die Verwesung nur langsamer einsetzen.

  • K.Berger am 06.07.2016 00:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kremieren

    Friedhöfe wie früher, Gräber mit Marmor/Stein sind so was von out und gestern, dass ich nur noch mitleidig grinsen kann, schüttle den Kopf, aber, aber, Kinder! Kremieren ist die einzig richtige Lösung.Alles andere ist Gaga.Wir haben in der CH eh ein Platzproblem.Friedhöfe schliessen und in Parks umfunktionieren.Religion hin oder her.

  • Andi D am 05.07.2016 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    Einfacher werden

    Wie wärs wenn die Erdbestattung ohne Sarg von statten geht. Die Verwesung würde schneller gehen, es könnte Holz gespart werden und auch die Kosten werden gesenkt.

  • Skeletor am 05.07.2016 10:34 Report Diesen Beitrag melden

    Körperwelten

    ich will meinen Körper diesem Künstler Van Hagen geben für seine Körperwelten und ich möchte das Er mich in eine coole Position rückt.

  • B.Denklich am 05.07.2016 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Komposti

    Kompostierung (Rückführung in den Kreislauf der Natur) wäre schon etwas Gutes (wer es denn so möchte). Das wird auch bereits in allerlei Projekten geplant. Allerdings sammeln sich währen eines langen Lebens, allerlei Giftstoffe im Körper (nebst eingebauten Ersatzteilen), so dass ich in solchen Kompost kein Gemüse pflanzen würde.