Polizeibilanz

28. März 2017 05:41; Akt: 28.03.2017 05:41 Print

«Bei verletzten Kindern ist die Belastung enorm»

Der Kanton St. Gallen verzeichnet 2016 doppelt soviele Tötungsdelikte wie im Vorjahr. Nicht immer kommen die Polizisten mit dem Erlebten klar.

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Tatort Salez SG: Blick in das verkohlte und beschädigte Abteil, in dem Simon S. Zugpassagiere mit einer brennbaren Flüssigkeit angegriffen hat. (Bild: Reporter 20 Minuten)

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Die St. Galler Polizei hat ein gewalttätiges Jahr hinter sich: 2016 kam es auf Kantonsgebiet zu 14 Tötungsdelikten (siehe Box) – doppelt so viele wie im Jahr davor. Für die aufgebotenen Polizisten jedesmal eine enorme Belastung. «Besonders zugesetzt hat den Polizisten die Zugattacke von Salez», wie Hanspeter Krüsi, Sprecher der Kapo St. Gallen, sagt .
Damals, am 13. August, stieg Simon S.* mit Brandbeschleuniger und Messern bewaffnet in den Zug. Auf der Fahrt von Buchs nach Sennwald übergoss er eine Frau mit brennbarer Flüssigkeit und zündete sie an. Weitere Zugpassagiere gerieten in Brand. Verletzt wurde auch ein sechsjähriges Kind. Mit einem Messer stach der Täter zudem auf eine Zugspassagierin ein und verletzte sich anschliessend selbst so schwer, dass er verstarb.

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«Vor allem wenn Kinder verletzt oder getötet wurden, ist die emotionale Belastung enorm», so Krüsi. Nach dem Vorfall von Salez seien alle eingesetzten Polizisten zu einer Veranstaltung eingeladen worden. «Dort konnte jeder erzählen, was ihn belastet und wie er damit umgeht.» Beschrieben hätten die Polizisten ihren Zustand mit Sätzen wie: «Der Körper war zwar bereits am nächsten Einsatzort, der Kopf aber immer noch bei den Opfern in Salez.»

Polizisten proben den Ernstfall

Jeder Mensch verarbeite solche Ereignisse anders, so Krüsi weiter. Manche würden das Gespräch suchen, andere machten das mit sich selbst aus. Der Mediensprecher habe nach rund 30 Jahren bei der Polizei aber feststellen können, dass das Gespräch mit einem Spezialisten kein Tabuthema mehr sei. «Früher wollte man als Polizist nicht schwach wirken», so Krüsi. Heute sei es normal, dass man sich Hilfe holt. Grundsätzlich hätten die Polizisten jederzeit die Möglichkeit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wenn die emotionale Belastung dennoch zu hoch ist, gebe es zudem die Möglichkeit, betroffene Polizisten vom Aussendienst in den Innendienst zu versetzen. In seltenen Fällen könne man auch nach einer Lösung innerhalb der kantonalen Verwaltung suchen und einen Beamten ganz aus dem Polizeidienst nehmen.

Grundsätzlich würden die Polizisten auf solche Ereignisse vorbereitet, so Krüsi. Das fange bereits im Auswahlverfahren für die Polizeischule an und werde dann trainiert. «Schritt für Schritt führen wir die Schüler ans Thema heran», so der Mediensprecher. Anfangs würden sie nur darüber sprechen, dann kämen Bilder dazu, bis die Schüler schliesslich eine richtige Leiche zu Gesicht bekämen. Trotzdem weiss Krüsi: «Wie sie im Ernstfall darauf reagieren, können sie nicht proben.»

*Namen der Redaktion bekannt

(nab)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • seven am 28.03.2017 08:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    seven

    Sorry, aber viele Leute sind am durchdrehen. Das zeigt auf, dass etwas falsch läuft.

  • Sil am 28.03.2017 13:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bewundere die Polizei

    Die Polizei muss immer mehr aushalten und bewältigen. Hinzu fehlt immer mehr der Respekt von den gewissen.

  • Alessandro am 28.03.2017 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Merkwürdig.

    Warum ist ein verletztes Kind schlimmer als ein verletzter Erwachsener? Die Körperverletzung jeden Menschen ist per se schlimm.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sil am 28.03.2017 13:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bewundere die Polizei

    Die Polizei muss immer mehr aushalten und bewältigen. Hinzu fehlt immer mehr der Respekt von den gewissen.

  • Alessandro am 28.03.2017 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Merkwürdig.

    Warum ist ein verletztes Kind schlimmer als ein verletzter Erwachsener? Die Körperverletzung jeden Menschen ist per se schlimm.

    • Lucy-Sky am 28.03.2017 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alessandro

      Weil ein Kind per se als unschuldig und wehrlos betrachtet wird. Ein Kind v.a. ein kleines Kind löst bei gesunden Menschen den Beschützerinstinkt aus. Auch hat ein Kind sein Leben noch vor sich und eine alte Person schon gelebt ... Ist doch nicht merkwürdig.

    • Roger am 28.03.2017 10:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alessandro

      wenn sie mal ein kind haben, wissen sie warum.

    • Alessandro am 28.03.2017 11:04 Report Diesen Beitrag melden

      @Lucy-Sky

      Ach, wenn also eine "alte Person" ihr Leben "schon gelebt" hat, ist es egal (oder wenigstens nicht so tragisch), wenn sie verletzt ist? Oder wie soll man das verstehen? Und wenn man vom "Beschützerinstinkt" spricht: Dann müsste also ein kleines, süsses, unschuldiges Kaninchen im Falle einer Verletzung noch heftigere Gemütsreaktionen bei den Menschen hervorrufen, nicht?

    • Verstand am 28.03.2017 11:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alessandro

      Nein! Es geht hier um die psychische Belastung und ein totes Kind belastet einem mehr, als eine erwachsene Person. Das hat nichts damit zutun, dass das Leben an sich mehr wert sein soll. Es ist der Verstand der versucht damit klar zu kommen. Kinder werden oft mit Unschuld und Lebensfreude verbunden. Ausserdem sind wir uns gewohnt (oder die Polizei), dass bei den meisten Tötungsdelikten Erwachsene involviert sind. Ein totes Kind ist seltener der Fall.

    • Rosmarie am 28.03.2017 12:20 Report Diesen Beitrag melden

      @Alessandro

      Weil bei den meisten Menschen der Instinkt, dass Kinder beschützt werden müssen noch intakt ist. Zum Glück!

    • Captain Hauptmann am 28.03.2017 13:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alessandro

      Ich habe einige Erfahrung mit der psycholog. Verarbeitung von belastenden Einsätzen und hatte selbst auch schon Belastungsreaktionen. Der Grund warum wir Einsätze mit Kindern als schlimmer wahrgenommen werden liegt in unseren Instinkten. Wir haben wie alle Säugetiere den Trieb unsere Nachkommen zu schützen, wenn dann Kinder verletzt werden ist das für Profiretter und -Schützer ein riesiger Stress, wenn die Polizisten auch selbst Väter sind funktioniert das Verdrängen umso weniger

    • Stefanie am 28.03.2017 13:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alessandro

      Damit soll wohl gemeint sein, dass ein verletztes Kind die Beamten gedanklich/emotional länger beschäftigt als ein Erwachsener.

    • nischmi am 28.03.2017 17:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alessandro

      weil ein kind einfach gesagt noch in der "unschuldigen" und schutzbedürftigen phase ist und zusätzlich mit solchen geschehnissen weniger leicht klar kommt als eine erwachsene person. grundsätzlich bedarf natürlich jede person der physischen und psychischen unversehrtheit, da haben sie natürlich recht.

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  • seven am 28.03.2017 08:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    seven

    Sorry, aber viele Leute sind am durchdrehen. Das zeigt auf, dass etwas falsch läuft.

  • jane77 am 28.03.2017 07:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    game,internet,fb und co

    die hemmschwelle der menschen sinkt und somit könnte dies auswirkung auf solche taten haben.

    • Kryat am 28.03.2017 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @jane77

      Ja super sache! Bitte gehen sie an einen menschen leeren ort und bleiben sie da. Danke

    • Dogmeat am 28.03.2017 09:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @jane77

      Ernsthaft..? Die Bemerkung bezüglich Games ist überflüssig, vor 10 Jahren war das schon Bestandteil der Disskussion bezüglich Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen. Mittlerweile bestätigen viele Studien, dass Viedeospiele entspannen. Sogar die Konzentrationsfähigkeit im Alltag steigern. Was in unserem Land vor sich geht hat mit anderen Dingen zu tun. Mangelnde Erziehung, die falsche Politik und "Laissez-Faire" sowie unsere verweichlichte Justiz führen zu den Umständen welche unsere Schweiz zur Zeit belasten.

    • Game Psycho am 28.03.2017 13:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @jane77

      Komisch. in Ländern in denen weniger Games gespielt werden ist die Mordrate deutlich höher.. denke weil dort alle Wasser trinken ^^

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