Geothermie-Erdbeben

21. Juli 2013 05:28; Akt: 21.07.2013 15:27 Print

Explosion abgewendet – dafür Rohrbruch?

Die Geothermie-Anlage in St. Gallen drohte in die Luft zu gehen. Deshalb wurde das Wasser eingepresst, das zum Erdbeben führte. Möglicherweise hat das Beben nun einen Wasserrohrbruch verursacht.

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Schwerer Rückschlag für die Geothermie: Das grösste Projekt der Schweiz im St. Galler Sittertobel hat am frühen Samstagmorgen ein Erdbeben der Stärke 3,6 ausgelöst. Ursache war das überraschende Eindringen von Gas ins Bohrloch. Die Situation war offenbar äusserst dramatisch. «Die Bohranlage drohte in die Luft zu gehen», bestätigte Ivo Schillig, Chef der St. Galler Stadtwerke, in einem Interview mit der «SonntagsZeitung».

Laut Schillig waren «Menschenleben in Gefahr», weshalb die Verantwortlichen Wasser ins Bohrloch einpressten. Dabei war es schon am Freitag zu einem ersten Beben gekommen. «Hier hätte man aufhören müssen, Wasser einzupressen», sagte der Chef des Schweizer Erdbebendienstes, Stefan Wiemer. Wegen des Gasaustritts sei dies aber nicht möglich gewesen.

Stattdessen sah man sich gezwungen, insgesamt 650 Kubikmeter Wasser und schwere Bohrspülung ins Loch zu pressen, was am Samstag das zweite Beben der Stärke 3,6 auslöste – stärker noch als die Erdstösse in Basel Ende 2006. Diese hatten eine Stärke von 3,4.

Wasserrohrbruch verursacht?

Schadensmeldungen sind nach dem Erdbeben bei den Notrufzentralen der Polizeien St.Gallen und Appenzell Ausserrhoden keine eingegangen. Möglicherweise war das Beben aber der Grund dafür, dass in der Nacht auf Sonntag an der Zürcherstrasse in St.Gallen eine Wasserleitung barst. Ein Leser-Reporter war noch unterwegs, als es gegen 4 Uhr früh zum Wasserrohrbruch auf der Höhe der Citygarage kam. Ihm zufolge gab es sofort Spekulationen, ob der Rohrbruch im Zusammenhang mit den Erschütterungen von der Nacht zuvor stehe.

Gemäss Marcel Steiger, Bereichsleiter Gas und Wasser bei den St.Galler Stadtwerken, kann ein solcher Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden. Er geht aber davon aus, dass die beiden Ereignisse «rein zufällig» zusammenfielen. An der Zürcherstrasse sei es in der Vergangenheit immer wieder zu Wasserrohrbrüchen gekommen. Gewisse Leitungen seien deshalb schon ersetzt worden – im aktuellen Fall seien Leitungen der alten Generation gebrochen. «Wenn das Erdbeben am Wasserrohrbruch schuld gewesen wäre, wären die Leitungen vermutlich unmittelbar nach dem Beben geborsten – und nicht erst in der Nacht danach», mutmasst Steiger.

«Noch in den Kinderschuhen»

Bedeutet das Erdbeben in St.Gallen nun das Ende für das Geothermie-Projekt – wie es in Basel der Fall war? Oder blüht gar der ganzen als zukunftsträchtig gepriesenen Technologie das Aus?

Politiker stellen die weitere Förderung bereits in Frage: «Die Forschung in der Geothermie zwecks Stromerzeugung steckt heute noch in den Kinderschuhen. Unter diesen Voraussetzungen ist es unsinnig, dass wir hohe Geldbeträge in konkrete Projekte stecken», sagte der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen gegenüber der «Ostschweiz am Sonntag».

Und selbst im linksgrünen Lager gibt es Kritik. So fordert der Zürcher Nationalrat Bastien Girod ein Umdenken: «Das Bundesamt für Energie muss entscheiden, dass es die 130 Millionen Franken geplante Fördergelder für die Geothermie nun in grosse Projekte in der Wasser-, Wind- und Solarenergie steckt», erklärte der Vizepräsident der Grünen Partei.

«Hobby für Geologen»

Deutlich wird auch der ehemalige Basler SP-Nationalrat und Energiepolitiker Rudolf Rechsteiner: «Geothermie zur Stromgewinnung ist ein Hobby für Geologen. Der Gewinn steht in keinem Verhältnis zu den Risiken», sagte er der «NZZ am Sonntag». Er habe in Basel gesehen, welche Angst ein Erdbeben auslöse. Der Untergrund solle besser zur Wärmegewinnung genutzt werden, während sich für die Stromproduktion Wind und Sonne anböten.

Der Thurgauer alt Regierungsrat und SVP-Ständerat Roland Eberle hingegen äusserte sich gegenüber der «Ostschweiz am Sonntag» gegen eine schnelle Aufgabe von Geothermie-Grossprojekten. Jede neue Technik bringe Risiken und Nachteile mit sich: «Gerade weil die Geothermie noch in den Kinderschuhen steckt, dürfen wir nun nicht einfach aufgeben.»

Energiewende für Bund nicht in Gefahr

Auch die Geothermie-Vereinigung spricht von einem Rückschlag. «Die Meldung kam unerwartet», sagte Kathy Riklin, Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Geothermie auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Um den Rückhalt in der Bevölkerung für die Geothermie nicht zu verlieren, müsse gut und offen über Risiken informiert werden. «Die Risiken der Geothermie sind abschätzbar, schwache Erdbeben und Gasaustritte beim Bohren sind möglich», so Riklin.

Der Bund sieht die Energiewende wegen des Erdbebens in St.Gallen nicht in Gefahr. Es sei aber zu früh, von einem Scheitern der Geothermie in der Schweiz zu sprechen, sagte Marianne Zünd, Sprecherin des Bundesamtes (BFE) für Energie, auf Anfrage. «Es gilt, die Analyse des Vorfalls abzuwarten. Erst dann können wir Aussagen über mögliche Auswirkungen machen.»

(pbl/jbu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • St. Galler am 20.07.2013 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beben

    Wieso dem Projekt der Tiefenbohrung die Schuld geben? Zuerst mal abwarten ob von dem Projekt war. Messzentrum des Beben war in Herisau AR, Bohrturm steht in St. Gallen im Sittertobel. Relativ grosser Höhenunterschied und eine Distanz....

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  • Lisbeth Böni am 20.07.2013 11:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gossau SG

    Ich habe nicht mehr alle Tassen im Schrank.

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  • Chris1 am 20.07.2013 08:36 Report Diesen Beitrag melden

    an alle, die wg. Magnitude 3.8

    lästern: wir sind in der CH und da interessiert es wenig, was Ihr im Ausland für Erdbeben erlebt habt! Das Theater mit wiederholten Erdbeben nach Geothermiebohrungen hatten wir auch hier bei Basel. Sie wurden dann glücklicherweise eingestellt!! Ich kann nicht verstehen, dass derartige Bohrungen dennoch immer wieder durchgeführt werden!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruedi Wermuth am 21.07.2013 13:38 Report Diesen Beitrag melden

    Echte Namen, kein Synonym!

    Habe sehnsüchtig auf Antworten zu meinen Kommentar vom 21.07.2013 07:37 gewartet. Doch muss ich «Mr Bean, sinim uetter, luca, Herr Körner» fragen weshalb Sie nicht unter Ihrem Namen sondern einem Synonym schreiben. Zudem Herr Körner wenn Sie schon von unprofessionell schreiben, sollten Sie meinen Namen kopieren, schon ist der falsch geschriebene Ruedi Wehrmut nicht mehr furchtbar, sondern der echte Ruedi Wermuth? Sie lästern über meinen Kommentar, noch schlimmer, über meinen Namen. Ernsthafte Kritik vor allem an Schweizertechnik ist für Euch 4 ein echtes Problem.

  • Fixu am 21.07.2013 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Informieren wär so einfach - warum ...

    ... blos machen es nur so wenige?! Internet ist toll, man findet in Sek. auf den Seiten "Amt für Statistik CH" das in CH jährlich 20 bis 45 Erdbeben der Stärke 2.5 und mehr stattfinden! Seit 1975 gab es 20 Erdbeben stärke 4 und höher in der Schweiz! Alles OHNE Geothremie. Wer jetzt schon wieder nach AKWs schreit, merkt einfach nicht wie er manitpuliert wird, auch von den Medien. Klar die Bedrohung der AKWs sieht und spührt man eben nicht aber sie ist Tausend mal gösser und gefährlicher. Und der radioaktive Abfall wird uns noch 10'000 von Jahren Miliarden kosten!

  • Andi am 21.07.2013 09:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Akw-chef

    Ich wohne in der nähe des Bohrplatzes und die ganze Familie hat geschlafen und nichts gemerkt. Nun sollten Experten die Schwierigkeiten analysieren / bewerten und Politiker mal mit voreiligen Schlüssen zur Profilierung abwarten. Ich hoffe man kommt nicht zum Schluss den Bohrturm abzubauen und stattdessen ein AKW hinzustellen! Unter den Umständen glaub ich nicht an sichere Endlagerstätten.

  • Hans Meier am 21.07.2013 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Ich verstehe die Aufregung nicht!

    Jetzt hört doch mal auf. Bei uns gibt es laufend Erdbeben mit der Stärke 3 weil in der Kiesgrube Sprengungen gemacht werden und auch sonst. Für mich sind Erdbeben nichts aussergewöhnliches mehr. Eventuell für jemanden der zum ersten mal ein Erdbeben erlebt schon?

  • Christian R. am 21.07.2013 09:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    heuchlerische Kommentatoren

    Ja, Solarstrom verwüstet die Dächer, Windenergie verschandelt die Landschaft, AKWs produziert Müll(und es besteht die Möglichkeiten für einen Gau), Wasserenergie braucht halt in den Alpen Platz. Ich wohne selbst in Gossau SG und habe das Erdbeben gespürt. ,,Huch, ein Erdbeben" habe ich mir gedacht und habe weiterschlafen. Es ist völlig normal, das bei Bohrungen in den Boden(welcher solche geologische Gegebenheiten aufweist), solche Erschütterungen entstehen. Und liebe 20min, bitte nicht dramatisieren, einige sind offenbar nicht in der Lage sich eine eigne sachliche Meinung zu bilden.