Säntis

14. November 2017 16:12; Akt: 14.11.2017 16:12 Print

«Körpertemperatur unter 28° ist lebensbedrohlich»

Die Suche nach dem vermissten S. J. (25) wurde am Dienstagmorgen wieder aufgenommen. Ein Arzt äussert sich zu den Überlebenschancen.

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«Seit es hell ist draussen, hat man die Suche wieder aufgenommen», sagt Mario Christen, Sprecher der Kantonspolizei Thurgau, am Dienstagmorgen auf Anfrage. Die aktuelle Wettersituation sei immer noch sehr prekär – vor allem für die Bodentruppen. «Zu Fuss ist es für die Retter im Gebiet zu gefährlich», so Christen weiter. Dies liege daran, dass durch den heftigen Wind grosse Mengen an Treibschnee entstünden.

Darum herrsche erhebliche Lawinengefahr: «Den Männern ist es deshalb nicht möglich gewesen, sich für eine genauere Suche in ein bestimmtes Gebiet zu begeben.» Das Gebiet konnte allerdings eingegrenzt werden, denn ein Wanderer, der dem Vermissten noch begegnet war, hatte sich bei der Polizei gemeldet.

Auch Heli-Einsatz möglich

Da die Suche zu Fuss im Gebiet zu gefährlich ist, habe man sich einer technischen Möglichkeit bedient, um die Suche zu koordinieren. «Wir haben eine Drohne starten lassen», sagt Christen. Diese habe Luftbilder im Gebiet gemacht, in dem man den Vermissten vermutet. «Wegen der Schneeverwehungen ist es sehr schwierig, auf den Bildern etwas zu erkennen», so Christen. Durch den Wind gebe es schnell einmal ein bis zwei Meter hohe Schneehaufen, obwohl nur rund 40 Zentimeter Neuschnee gefallen seien. Man fliege jedoch nicht nur auf Sicht. Seit Dienstag circa 11 Uhr fliegt nun auch ein Helikopter über dem Gebiet am Säntis. Die Wetterverhältnisse hätten einen Helieinsatz endlich zugelassen, so Christen. Man führe Suchflüge mit Ortungsgeräten durch.

Bei solchen Suchflügen setzt die Rega-Crew vor allem auf zwei technische Hilfsmittel: das Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) sowie den Recco-Detektor. Sofern ein vermisster oder verschütteter Wintersportler ein LVS trägt, können die Signale mittels einer Antenne, die unterhalb des Helikopters montiert wird, geortet werden. Mit dem zweiten Hilfsmittel, dem Recco-Detektor, können aus der Luft die Signale allfälliger Recco-Plättchen empfangen werden. Diese Recco-Plättchen sind in der Bekleidung vieler Wintersportler eingenäht.


Im Video wird die grossflächige Suche mit dem Helikopter nach einem Lawineneinsatz mit beiden Hilfsmitteln erklärt. (Video: Rega)

Hoffnung auch in aussichtslosen Situationen

«Es gibt immer Hoffnung, dass Menschen in den Bergen bei solch schwierigen Verhältnissen zurecht kommen», sagt Robert Sieber, Chefarzt Zentrale Notfallaufnahme des Kantonsspital St. Gallen. Die Überlebenschancen hängen für einen Menschen in einer solchen Situation von vielen Faktoren ab. Eine grosse Rolle spiele der gesundheitliche Zustand. «Wenn beispielsweise der Blutverlust durch eine Verletzung hoch ist, ist es schwieriger, die Wärme im Körper zu behalten», so Sieber weiter. Je grösser der Wärmeverlust sei, desto schwieriger sei das Überleben. «Eine Körpertemperatur unter 28 Grad ist lebensbedrohlich», so der Chefarzt.

Eine weitere zentrale Rolle spiele, wie man sich schützen kann in einer solchen Situation. Erfahrene Bergsteiger würden oft Schneelöcher graben und sich dort hinein legen. Sieber: «Wenn man sich in einer Höhle verkriechen kann und ruhig bleibt, sind die Überlebenschancen über längere Zeit viel grösser, als wenn man den klimatischen Bedingungen in den Bergen schutzlos ausgesetzt ist». Am schlimmsten sei es, wenn man nass ist und starkem Wind ausgesetzt ist. «Dann unterkühlt man am schnellsten», so Sieber. Aber man erlebe immer wieder erstaunliche Einzelfälle bei denen Menschen Überleben, auch in scheinbar aussichtslosen Situationen.

Seit Samstagmorgen wird am Säntis im Alpstein der 25-jährige Thurgauer S. J.* vermisst. Er wird in dem Gebiet vermutet, da sein letztes Lebenszeichen ein Video auf Instagram war, das auf einem Bergweg im Alpstein aufgenommen wurde. Laut seiner Mutter sei S. J. ein Bergsteiger durch und durch. Dass die Leidenschaft ihres Sohnes Gefahren mit sich bringt, sei ihr zwar immer klar gewesen, dennoch sei die Situation natürlich schlimm. Man könne eigentlich nur noch abwarten und hoffen.

* Name der Redaktion bekannt

(lad)