Ungeahnte Gefahr

04. März 2014 17:33; Akt: 04.03.2014 18:01 Print

Calanda-Wölfe reissen einen Jagdhund

Dass Wölfe auch Jagdhunde reissen, war bis vor kurzem nicht einmal in Jägerkreisen allen bekannt. Jetzt hat ein Jäger seinen Hund an das Calanda-Rudel verloren.

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Im Bild: Neun von geschätzten zehn Wölfen im Calandagebiet. (Bild: ZVG)

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Der Hund von Jäger Andreas Just ist am Calanda selbst zum Jagdopfer geworden: Anfang Dezember des letzten Jahres wurde er von den Calanda-Wölfen gerissen. Just war auf seinem Maiensäss am Holzhacken. Der Hund entfernte sich wegen einer kurzen Unachtsamkeit und kam nicht mehr zurück. Nach zwei Tagen Suche fand Just schliesslich die Überreste – einen Knochen und Blut. Um sicher zu sein, dass der Knochen von seinem Hund stammt, gab der 84-Jährige die Hälfte des Knochens dem Wildhüter zur Analyse. Doch der wiegelte laut Just ab: Er solle den Vorfall «jetzt nicht an die grosse Glocke hängen». Drei Monate später hat der Jäger noch immer nichts gehört.

So liess Andreas Just die andere Knochenhälfte auf eigene Rechnung untersuchen. Nun hat er Gewissheit: Es handelt sich um den Schienbeinknochen eines Jagdhundes. «An der Fundstelle gab es mehrere Wolfsspuren im Schnee. Man sah, dass ein Kampf stattgefunden hatte», so der Jäger. Doch der Jagdinspektor Georg Brosi stellte Justs Aussagen weiterhin in Frage.

Jäger soll gewarnt worden sein

Nun meldet sich Markus Just, der Sohn des Jägers, zu Wort: «Das Jagdinspektorat hat sich nach der Übergabe des Knochens nie mehr gemeldet», sagt er. Offenbar wolle die Behörde die Gefahr, die von den Wölfen ausgehe, kleinreden, schreibt er in einem Brief an die Zeitung «Bündner Jäger». Jagdinspektor Brosi räumt ein: «Es kann sein, dass der Hund von Wölfen getötet wurde, sicher ist es aber nicht.» Aus Skandinavien seien solche Vorfälle bekannt. Dem Jäger macht er Vorwürfe: «Er ist mehrmals gewarnt worden, weil er seinen Hund frei laufen liess. Offenbar hat er diese Warnung ignoriert.»

Keine Stellungnahme

«Es ist stossend, dass man nun zu solch unbegründeten Anschuldigungen greift», entgegnet Just, der selber seit 30 Jahren Jäger ist. Sein Vater sei nie gewarnt worden. Das Verhalten der Behörde sei befremdend: «Ständig wird von einem guten Zusammenleben mit dem Wolf gesprochen. Die Ängste der Jäger und der Bevölkerung werden nicht ernstgenommen.» Seit dem Vorfall getrauten sich die Jäger nicht mehr, ihren Hund auf die Pirsch mitzunehmen. «Jetzt sind wir schlauer. Vom Jagdinspektorat hätte sich Just zumindest eine Stellungnahme zum Vorfall gewünscht: «Im Sinne von: Jäger, passt auf eure Hunde auf, sie könnten gerissen werden.»

Brosi dazu: «Wir informieren jedes Jahr über die Wolfsituation am Calanda. Das nächste Mal im April.» Der Vorfall werde sicher thematisiert. Gemäss Brosi hätten die Jäger sehr wohl über die Reissgefahr Bescheid gewusst.

Andreas Just hat sich unterdessen einen neuen Hund zugelegt. «Ich kann nicht ohne Hund sein», sagt er.

Im Calandagebiet sind rund zehn Wölfe nachgewiesen. Seit dem Auftauchen des ersten Rudels 2012 gibt es in der Bevölkerung Ängste – und Streitereien zwischen Wolfs-Befürwortern und Gegnern.

(tso)