Kreisgericht St. Gallen

13. September 2016 14:30; Akt: 13.09.2016 14:30 Print

Chinese nahm Familie als Geiseln

Ein 32-jähriger Chinese musste sich am Dienstag wegen Geiselnahme einer Familie vor Gericht verantworten. Er beteuerte seine Unschuld.

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Bei der Verhandlung im Juni 2016: Der Angeklagte auf dem Weg ins Gericht. (Bild: nab)

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Weil das Gericht in einer Verhandlung im Juni Beweisanträge der
Verteidigung gutheissen hatte, war die Fortsetzung des Prozesses
verschoben worden. Am Dienstag wurde die Verhandlung nun wieder aufgenommen.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, im November 2005 zusammen mit zwei Mittätern in St.Gallen in die Wohnung eines bekannten Geschäftsleute-Ehepaares eingedrungen zu sein. Sie sollen mit schwarzen Wollmützen über dem Gesicht auf die Rückkehr der Familie gewartet haben.

Als der Vater und die beiden Töchter am frühen Abend nach Hause kamen, wurden sie mit einer Waffe bedroht und gefesselt. Die Männer stahlen dem Geschäftsmann 3000 Franken aus der Hosentasche und durchsuchten die Wohnung. Rund eine Stunde später kam die Mutter nach Hause und wurde ebenfalls gefesselt.

Mit dem Tod gedroht

Der Angeklagte und seine Mittäter sollen gedroht haben, die acht-
und die zwölfjährige Tochter mit einem Plastiksack zu ersticken,
wenn das Ehepaar ihnen nicht die Bankkarte aushändige. Zudem verlangten sie den Code für den Tresor im Restaurant der Opfer. Die Frau gab den Tätern aber eine falsche Zahlenfolge an.

Während zwei der Männer zum nahegelegenen Restaurant der Opfer fuhren, um die Banktresore auszuräumen und den dritten als Aufpasser in der Wohnung zurück liessen, konnte der Vater sich und seine Familie befreien und die Polizei rufen. Die Männer flüchteten.

Zwei mutmassliche Täter wurden aufgrund von DNA-Spuren in der Wohnung identifiziert und zur Fahndung ausgeschrieben, der dritte Täter blieb unbekannt. Der Beschuldigte wurde fast zehn Jahre nach der Tat in Bordeaux verhaftet und Ende 2015 an die Schweiz ausgeliefert. In der Zwischenzeit hatte er sich unter anderem eines bewaffneten Überfalls auf einen Mann schuldig gemacht, wofür er 2006 in Frankreich zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt wurde.

Wolf im Schafspelz

Die Staatsanwaltschaft klagte den 32-jährigen Chinesen wegen
mehrfacher Geiselnahme und Raubes an und forderte eine
Freiheitsstrafe von acht Jahren. Der Angeklagte sei ein «Wolf im
Schafspelz.» Die Täter hätten brutal und skrupellos gehandelt und es einzig auf das Geld der Familie abgesehen. Die wehrlosen Opfer hätten die schlimmsten Stunden ihres Lebens erlebt, sagte der Staatsanwalt vor Gericht.

Die Aussagen des Beschuldigten seien nicht glaubwürdig. Er
verstricke sich immer wieder in Widersprüche. An der ersten
Verhandlung hatte er behauptet, er sei an jenem Tag nicht in St.
Gallen, sondern in Paris gewesen. Die Spuren am Tatort seien aber eindeutig.

Zweifel an DNA-Spuren

An der Gerichtsverhandlung bestritt der Beschuldigte die Tat
erneut. Mit den aus China stammenden Geschäftsleuten habe ihn eine Freundschaft verbunden. Er habe von 2001 bis 2005 für sie
gearbeitet.

Der Verteidiger forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Er zweifelte das Beweisverfahren und die DNA-Spuren an. Das Ehepaar sage nicht die Wahrheit, wenn es bestreite, seinen Mandanten gekannt zu haben. Die Frau sei in Menschenhandel verwickelt gewesen und habe einem Geschäftspartner 110'000 Dollar geschuldet, weshalb es wohl zur Geiselnahme gekommen sei.

Das Urteil steht noch aus. Die beiden Mittäter sind immer noch auf freiem Fuss.

(sda)