Kreisgericht St. Gallen

14. Juni 2016 14:58; Akt: 14.06.2016 15:43 Print

Chinesische Gangster drohten, Mädchen zu töten

Ein 32-jähriger Chinese stand am Dienstag wegen einer brutalen Geiselnahme vor Gericht. Dort sorgte er für eine Überraschung.

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Der Angeklagte am Dienstagmorgen auf dem Weg ins Gericht. (Bild: nab)

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Laut der Anklageschrift war der heute 32-jährige Chinese am 25. November 2005 zusammen mit zwei Komplizen mit Einbruchswerkzeug in die Familienwohnung einer Wirtefamilie eingebrochen. Dort warteten die maskierten Räuber auf die Rückkehr der ebenfalls chinesischen Wirtsleute. Sie stülpten sich mit Löchern versehene schwarze Wollmützen übers Gesicht.

Als der Vater und die beiden Töchter (damals acht und zwölf Jahre alt) gegen 19 Uhr nach Hause kamen, wurden sie mit einer Waffe bedroht. Dann wurden sie ins elterliche Schlafzimmer gezerrt und aufs Bett gestossen, wo sie bäuchlings liegen bleiben mussten, heisst es in der Anklageschrift. Dann wurden ihnen die Hände auf den Rücken gebunden und die Füsse gefesselt. Zudem wurde ihnen der Mund zugeklebt.

Die Männer stahlen dem Wirt 3000 Franken aus der Hosentasche und durchsuchten die Wohnung. Sie warfen währenddessen eine Decke über die Gefesselten, damit diese nicht sehen konnten, was vor sich ging. Als rund eine Stunde später die Mutter in die Wohnung kam, wurde auch sie gefesselt. Dem Vater wurde ein Plastiksack über den Kopf gestülpt, wodurch er nur schwer atmen konnte.

Plastiksack über den Kopf

Laut Anklage wurde der Familienvater von den Tätern nach Geld gefragt. Als er mehrfach sagte, er hätte keines zu Hause, wurde er ins Gesicht geschlagen. Zudem drohten sie, die jüngere Tochter umzubringen. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, stülpten sie der älteren Tochter einen Plastiksack über den Kopf. «Sie drohten mit ihrem Erstickungstod, indem einer der Täter den Plastiksack zuhielt und gleichzeitig mit seiner Hand ihren Mund und ihre Nase zuhielt», heisst es in der Anklageschrift.

Schliesslich gab der Familienvater an, im Restaurant einen Tresor zu haben. Er gab ihnen den Schlüssel zum Lokal und einen falschen Code für den Tresor.

Vater konnte Polizei verständigen

Während zwei der Männer zum nahe gelegenen Restaurant fuhren und den dritten als Aufpasser in der Wohnung zurückliessen, konnte der Vater sich und seine Familie befreien und die Polizei rufen. Die Männer flüchteten. Die Geiselnahme dauerte nicht ganz zweieinhalb Stunden.

2015 wurde der heute 32-jährige Chinese verhaftet. Die Staatsanwaltschaft klagte den Mann wegen
mehrfacher Geiselnahme und Raubes an und forderte eine
Freiheitsstrafe von acht Jahren.

Frau soll in Schleppergeschäfte verwickelt gewesen sein

An der Gerichtsverhandlung vom Dienstag bestritt der 32-Jährige die Tat vehement. Er sei an jenem Tag nicht in St. Gallen, sondern in Paris gewesen. Mit den aus China stammenden Geschäftsleuten habe er eine enge Bekanntschaft gehabt. Er habe viel über sie gewusst und deshalb sei er auch überzeugt, dass man ihn in etwas hineingezogen habe.

Ihm sei bekannt, dass die Frau ohne das Wissen ihres Ehemannes in Schleppergeschäfte verwickelt sei. Sie habe einem Geschäftspartner 110'000 Dollar geschuldet, weshalb es wohl zur Geiselnahme gekommen sei.

Gericht verschiebt Verhandlung auf unbestimmte Zeit

Das Gericht höre diese Aussage zum ersten Mal, erklärte der
vorsitzende Richter in der Befragung des Beschuldigten. Er würde immer wieder neue Versionen über sein Leben erzählen. Das mache es dem Gericht nicht einfach, sich ein Bild über die Wahrheit zu machen.

Der Verteidiger stellte eine ganze Reihe von Beweisanträgen, die
nötig seien, um die Unschuld seines Mandanten zu belegen. Unter
anderem verlangte er, dass die Geiseln befragt werden. Das Ehepaar würde lügen, wenn es bestreite, mit seinem Mandanten
befreundet gewesen zu sein.

Das Kreisgericht St. Gallen hiess einige der Beweisanträge gut. Die
Verhandlung wurde deshalb unterbrochen und auf unbestimmte Zeit verschoben.

(taw/sda)