St.Gallen

26. April 2018 17:24; Akt: 26.04.2018 20:14 Print

Bezahlen vergessen – Hausverbot für Demente

Eine 91-jährige Demenzpatientin vergass in einer Migros-Filiale mehrmals, ihre Einkäufe zu bezahlen. Die Migros reagierte mit einem Hausverbot und einer Anzeige.

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Personen beim Einkauf in einer Migros-Filiale (Symbolbild Keystone/Melanie Duchene)

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«Meine Mutter ist eine bodenständige Frau. Sie hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Und jetzt das.» Im Januar 2018 erfuhr der Sohn der Demenzpatientin von einem Strafbefehl wegen mehrfachen Ladendiebstahls. Sie habe etwa ohne zu bezahlen den Laden in St. Gallen mit einer Fleischpackung verlassen und ein anderes Mal Trauben aus der Auslage gegessen. Das schreibt das «Tagblatt» am Mittwoch.

Die Migros verhängte ein Hausverbot, welches für alle Filialen und sogar die M-Fit-Studios in der Ostschweiz gilt. Im Februar gab es einen weiteren Fall, bei dem es wieder um unbezahlte Ware ging. An die Vorfälle erinnert sich die betagte Frau kaum – sie leidet seit zwei Jahren an Demenz.

Migros lenkt teilweise ein

Der Sohn erklärte der Migros, seine Mutter sei dement, und schlug vor, sie mit einer durchsichtigen Tasche einkaufen zu lassen. Das Personal könnte somit sehen, was sich darin befindet. Darauf ging der Grossverteiler nicht ein.

Hingegen teilte die Migros mit, die Frau dürfe die Filiale wieder betreten, jedoch nicht ohne Begleitung. Die Anzeige wurde fallen gelassen. Das ist laut Andreas Bühler, Mediensprecher der Migros-Ostschweiz, üblich. Betroffene Personen dürften in gewissen Fällen in Begleitung eines Familienmitglieds oder Bekannten wieder einkaufen. Andere Dienstleistungen, etwa Einkaufsbegleitung durch das Personal, seien aus Kapazitätsgründen nicht möglich.

Andreas Bühler erklärt, dass das Unternehmen erst vom Sohn von der Erkrankung seiner Mutter erfahren habe. Wenn man Kenntnis davon habe, dass Kunden an einer Demenzerkrankung leiden, verzichte man im Falle eines Diebstahls sowohl auf eine Umtriebsentschädigung als auch auf die Ausstellung eines Filialverbotes und eine Anzeige.

Unnötig und entwürdigend

Laut Thomas Diener, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Pro Senectute St. Gallen, handelt es sich im Fall der 91-Jährigen um Urteilsunfähigkeit. Die Frau hätte also gar nicht belangt werden können. Regula Rusconi, Leiterin der Geschäftsstelle der Alzheimervereinigung St. Gallen-Appenzell, war ebenfalls vom Vorfall überrascht und sagte zur Zeitung: «Im vorliegenden Fall war das harte Durchgreifen unnötig und entwürdigend – vor allem darum, weil die Angehörigen für Lösungsvarianten Hand geboten hatten. Eine Demenzerkrankung ist kein Verbrechen, sondern eine riesige Herausforderung für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Wir sollten alles dafür tun, sie in ihrem Alltag zu unterstützen.»

Die demenzkranke Frau ist enttäuscht und sagte gegenüber dem «Tagblatt», sie werde die Filiale nie mehr betreten. Dies, nachdem sie 50 Jahre dort einkauft habe. Auch in Begleitung wolle sie das Geschäft nicht mehr betreten. Sie bevorzugt nun den etwas weiter entfernten Denner. Ihr Sohn hat mit dessen Filialleitung geredet und ihr den Namen sowie ein Foto hinterlassen.

(lmm)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • MuRo am 26.04.2018 17:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja

    Ist leider so solche Leute müssen ab einem gewissen Zeitpunkt begleitet werden

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  • Fliegin Ferien am 26.04.2018 17:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tut mir ja leid für die alte Dame, aber..

    .. wenn sie nicht mehe in der Lage ist, normal einzukaufen, dann braucht sie vielleicht generell eine Betreuung,. Nicht nur in der Migros. Kann das schon nchvollziehen. Sonst könnte ja jede Oma klauen und beim Erwischtwerden verwirrt daher reden.

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  • Hulck am 26.04.2018 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ojee...

    ...das hat sie morgen wohl wieder vergessen... ;) Die Migros handelte normal in meinen Augen und nach Aufklärung sehr zuvorkommend , wo liegt das Problem ?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ein Leser am 27.04.2018 17:44 Report Diesen Beitrag melden

    verständlich

    Wer wirklich mit Personen mit Demenz gearbeitet hat oder es aus dem Familienumfeld kennt weiss, eine Demenzperson darf nicht ohne Begleitung raus. Ich finde es schon fahrlässig das man eine solche Person alleine aus dem Haus lässt. Die kann über die Autobahn laufen oder über die Geleise.

  • Grosspapi am 27.04.2018 09:46 Report Diesen Beitrag melden

    abgestumpftes Personal

    Mit etwas mehr Sozialkompetenz des Verkaufpersonals und des Filialleiters könnten solche Fälle menschlich gelöst werden. Meine Erfahrung ist aber, dass gerade in grossen Filialen die Verkäuferinnen dermassen abgelöscht sind, dass wenig Hoffnung besteht. Sie können auch als markante Erscheinung fünf Mal in der Woche bei der gleichen Kassierin zahlen und sogar noch ein paar freundliche Worte fallen lassen, sie werden nicht wiedererkannt.

  • Frau am 27.04.2018 09:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Werbung

    In der neuen Migros Werbung heisst es doch Die Migros gehört den Leuten oder ich bin Migrosbesitzerin wo ist dann also das Problem ;)

    • Margrit am 28.04.2018 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Frau

      Wenn die Migros den Leuten gehört, dann auch dem Dementen. Wenn das Geschäft uns gehört , kann man ja auch etwas vom Eigentum mitnehmen. Ich fühle mich erniedrigt durch diese Reklame, denn mit dem Geschäft will ich nichts zu tun haben.

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  • Lala am 27.04.2018 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Verständnis für die alte Dame

    Ich verstehe die Reaktion der Migros vollkommen. Es gibt viele Demenzkranke Menschen und die Migros kann nicht jedem Menschen, der nicht fähig ist selbst einzukaufen, Hilfestellung bieten. In der Schweiz gibt es genügend Möglichkeiten den Personen mit diesem Leiden zu helfen. Vielleicht wäre es an der Zeit auch dieser Dame Unterstützung zur Seite zu stellen und nicht den Fehler bei der Migros zu suchen.

    • Birthcontrol 1972 am 28.04.2018 15:41 Report Diesen Beitrag melden

      Kuh mit verbundenen Augen

      @Lala: Hoffe das Du einmal in die Situation kommst welche Dir die Augen öffnet.

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  • Brigle am 27.04.2018 09:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schockiert

    Ich bin ein bisschen schockiert ab der Unverständnis einiger Kommentarschreiber. Ich finde in diesem Fall hat die Migros nicht richtig gehandelt. Bei älteren Personen muss man sich doch, bevor man eine Anzeige macht und dann sogar noch ein Hausverbot ausspricht, erkundigen ob eine Demenz für das Verhalten schuld ist. Traurig, wenn das ein solches Unternehmen nicht fertig bringt.

    • kristin am 27.04.2018 20:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Brigle

      Dass heisst, vor jeder Anzeige den Angezeigten kontaktieren und sicherstellen, dass er nicht an Demenz leidet??? Ich weiss ja nicht wo Sie arbeiten aber heute hatt man für diesen Arbeitsschritt definitiv keine Zeit!

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