Tödliche «Dämonenaustreibung»

09. März 2018 15:00; Akt: 09.03.2018 15:25 Print

Vater zeigt an Strohpuppe, wie er vorging

Ein Vater soll seine kleinwüchsige Tochter auf grausame Weise getötet haben. Am Freitag steht er vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Bildhaft wurde die Tat rekonstruiert.

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Am Bezirksgericht Frauenfeld sind am Freitag mehrere Videosequenzen der Tatrekonstruktion des verhandelten Tötungsdelikts gezeigt worden. Sie belegen die schwere Gewaltanwendung des Vaters gegenüber seiner Tochter Vanessa im Zusammenhang einer angeblichen «Dämonenaustreibung».

Als Beschuldigter stand ein kleiner Mann mit dünnem Rossschwanz, schmalem Schnurrbart und Kinnbärtchen vor Gericht. Der Deutsche soll am 2. Januar 2016 in Wagenhausen TG in der Wohnung von Kurt R.* – der zur Tatzeit nicht anwesend war – seine geistig behinderte, kleinwüchsige, zierliche 25-jährige Tochter buchstäblich zu Tode getrampelt haben.

Ihren Vater kannte Vanessa noch nicht lange. Erst zwei Jahre vor ihrem Tod hatte sie ihn kennen gelernt. Ihre Mutter hatte sich geweigert, die Identität des Vaters bekannt zu geben. Also hatte sich Vanessa selbst auf die Suche gemacht und ihn gefunden.

Mit blossen Füssen auf Tochter herumgetrampelt

In der Untersuchung hatte der in der Mittelalterszene aktive Mann bestätigt, er habe bei seiner Tochter eine «Dämonenaustreibung» vorgenommen. Das habe er mit einer Massage gemacht, bei der man den Körper mit den blossen Füssen massiere. Zur Tatrekonstruktion demonstrierte er den Ermittlern an einer lebensgrossen Strohpuppe, wie er vorgegangen war.

In den vom Gericht gezeigten Sequenzen konnte keine Rede von einer fachmännischen Massage sein. Mit seinem ganzen Gewicht trampelte er auf dem Körper der am Boden liegenden Tochter herum und trat mit grosser Wucht in ihren Bauch, wobei er sich noch gegen ein Büchergestell stemmte, um den Druck zu erhöhen.

Leichnam mit Hämatomen übersät

Die junge Frau erlitt dabei schwerste innere Verletzungen, die zu ihrem Tod führten. Auf einem Bild der Ermittler sah man den von grossflächigen dunklen Hämatomen übersäten Leichnam. Hilfe für seine sterbende Tochter rief der Vater nicht. Er habe versucht, sie zu reanimieren, sagte er.

In der Befragung wiegelte der Beschuldigte ab, wollte auch von Exorzismus nichts mehr wissen. Das sei alles nicht so intensiv gewesen, sagte der knapp 51-Jährige.

Nach «einem uralten Yogabuch» vorgegangen

Vanessa habe selbst die «Massage» gewollt und nach «noch mehr Druck» verlangt. Sexuelle Handlungen an der sterbenden oder bereits toten Tochter, welche die Anklage ihm vorwirft, erklärte er damit, dass diese laut einem «uralten Yogabuch» der Reanimierung dienten.

Der Staatsanwalt fordert eine Verurteilung wegen eventualvorsätzlicher Tötung sowie Störung des Totenfriedens oder Schändung. Er habe gewusst und billigend in Kauf genommen, dass seine Tochter an der Gewalteinwirkung sterben könnte. Bestraft werden solle er mit mindestens 14 Jahren Freiheitsentzug.

Gewalt gegen eigene Mutter

Der Beschuldigte ist in Deutschland bereits fünfmal wegen Drogenvergehen und einmal wegen Körperverletzung vorbestraft. Seine Gewalttätigkeit hätten bereits seine Ex-Partnerin und Mutter der Getöteten sowie seine Mutter erlebt.

Der Vertreter von Mutter und Halbbruder des Opfers forderte eine Verurteilung wegen eventualvorsätzlichen Mordes. Für seine Mandanten verlangte er Schadenersatz- und Genugtuungsleistungen von insgesamt rund 70'000 Franken.

Keine Emotionen gezeigt

Der Beschuldigte folgte der Verhandlung ohne erkennbare Emotionen. Als der Vertreter der Privatklägerschaft ihn fragte, ob er nicht ein paar Worte an die Adresse der Hinterbliebenen oder sein Bedauern ausdrücken möchte, sagte er unbewegt und mechanisch: «Ich bringe mein Bedauern zum Ausdruck.»

Am Nachmittag kommt der Verteidiger zu Wort. Das Urteil wird vorausichtlich noch am Freitag eröffnet.

* Namen der Redaktion bekannt

(jeb/sda)