Forensisches Institut

24. Februar 2018 15:42; Akt: 24.02.2018 17:20 Print

«10 Prozent sind untherapierbar»

Nicht alle Pädophilen sind therapierbar. Einige zeigen keine Einsicht und müssen deshalb verwahrt werden oder eine Fussfessel tragen.

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Monika Egli-Alge ist Gutachterin, Fachpsychologin und Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz (Forio). (Bild: Daniel Ammann)

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Das private Forensische Institut Ostschweiz (Forio) engagiert sich schwerpunktmässig für die Verhinderung von Pädophilen-Delikten. Forio hat am Freitag an einer Bilanzmedienkonferenz über die Arbeit der letzten Jahre berichtet. Zurzeit sind rund 50 Männer mit pädophilen Neigungen in Behandlung bei Forio-Therapeuten, wie CEO Monika Egli-Alge sagt. Seit seiner Gründung vor 14 Jahren habe das Institut insgesamt 126 Betroffene beraten und behandelt.

Rund 80 Prozent von ihnen hätten sich selbst gemeldet – von diesen hätten sich 20 Prozent noch kein Delikt zuschulden kommen lassen und wollten verhindern, dass es so weit komme, sagt Egli-Alge.

Kinderpornografie auf Rechner des Freundes entdeckt

Es komme auch vor, dass sich Partner von Betroffenen bei Forio melden. So etwa der Freund eines 25-Jährigen, der festgestellt hatte, dass sein Partner kinderpornografisches Material auf dem Computer gespeichert hat. Darauf sei beim Paar eine Welt zusammengebrochen, doch sie hätten sich Hilfe bei Forio geholt, teilweise auch in Form von Paartherapie.

Die Betroffenen werden von Forio darauf hingewiesen, dass das Material illegal ist. In der Therapie wird darauf hingearbeitet, dass der Pädophile das Bildmaterial löscht.

Keine «Alibi-Therapie» für Untherapierbare

Etwa zehn Prozent der Betroffenen, mit denen Forio in Kontkakt kommt, müssten als untherapierbar eingestuft werden, so Egli-Alge. Sie zeigten keinerlei Einsicht. Mit diesen Personen führe das Forio keine «Alibi-Therapie» durch. Staatsanwaltschaften und Gerichte müssten entscheiden, wie man sie von weiteren Delikten abhalten könne.

«Das Gericht muss dann beurteilen, wie hoch das Rückfallrisiko ist und wie man das Risiko minimieren kann», sagt Egli-Alge zu 20 Minuten. Das könne im Extremfall eine Verwahrung sein oder in weniger schlimmen Fällen elektronische Kontrollmöglichkeiten, wie etwa Fussfesseln. In eingen Kantonen der Schweiz ist diese Überwachungsmethode gesetzlich erlaubt.

Wie therapiert man Pädophile?

Die Therapie könne nicht zum Ziel haben, die Betroffenen zu «heilen», also ihre Neigung verschwinden zu lassen, denn das sei unmöglich, sagt Egli-Alge. Sie müssten und könnten aber lernen, mit ihrer Pädophilie umzugehen, ohne eine Straftat zu begehen – und eine Straftat sei auch «ein bisschen Kinder-Porno gucken».

Zu Beginn der Therapie wird abgeklärt, ob jemand kernpädophil ist, also ausschliesslich auf Kinder steht, oder ob jemand Nebenströmungen hat, also auch andere sexuelle Präferenzen hat. «Danach geht es darum, ein Risikomanagement zu entwerfen», sagt Egli-Alge. Dabei wird erst die Risikosituation analysiert und danach erörtert, ob der Pädophile dem mit Selbstkontrolle oder mit Fremdkontrolle entgegnen kann. Auf diesem Weg werden die Betroffenen von Forio begleitet. Das dauere manchmal mehrere Jahre.

«Man sieht es den Leuten auch nicht an»

Unter den Klienten seien alle Gesellschafts- und Altersschichten. «Den klassischen Pädophilen gibt es nicht», sagt Egli-Alge. «Man sieht es den Leuten auch nicht an.»

Letztes Jahr wurde Forio an die Täterkonferenz in die USA eingeladen, um über Therapieformen bei Menschen mit geistiger Behinderung zu sprechen. In diesem Bereich hat Forio breite Erfahrung.

Geistig Behinderte neunmal häufger Opfer – aber auch Täter

Menschen mit geistiger Behinderung würden laut Statistik neunmal häufiger Opfer von sexuellen Straftaten – aber auch fast ebenso häufig selbst Täter oder Täterin. Das habe unter anderem damit zu tun, das diese Personen oft in Institutionen lebten, wo wenig Privatraum zur Verfügung stehe und die Intimsphäre nicht immer geschützt werden könne.

Zudem seien geistig Behinderte weniger in der Lage, ihre Bedürfnisse aufzuschieben, und könnten auch Grenzen nicht immer richtig wahrnehmen. «Dafür braucht es spezielle Trainings im Umgang mit verschiedenen Situationen», sagt Egli-Alge.

Es komme auch vor, dass Behinderte von den Betreuenden missbraucht werden. Aber auch Übertretungen unter den geistig Behinderten kämen vor.

Lange habe die Meinung vorgeherrscht, geistig Behinderte seien nicht therapierbar. Das stimme nicht. Es brauche eine spezifische Behandlung, in die auch Bezugspersonen aus dem Umfeld der Betroffenen eingebunden würden.

(jeb/sda)