St. Gallen

02. Juli 2018 05:41; Akt: 02.07.2018 05:41 Print

War Sex oder Geld das Motiv für die Hinrichtung?

Angeblich weil das Opfer ein Verhältnis mit seiner Frau hatte, erschoss ein Kosovare 2016 seinen Cousin. Jetzt steht er vor Gericht. Bekannte vermuten ein ganz anderes Motiv.

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Der Prozess gegen den 61-jährigen Kosovaren beginnt am Dienstag am Kreisgericht St. Gallen. Ihm wird vorgeworfen, am 12. Mai 2016 in der St. Galler Innenstadt seinen Cousin Haki S.* (42) vor dessen Haustüre erschossen zu haben. Die Anklage lautet auf Mord.

Der mutmassliche Täter wurde einen Monat nach der Tat am 9. Juni 2016 in Sirnach TG verhaftet. Nach einiger Zeit in Untersuchungshaft sitzt er im vorzeitigen Strafvollzug.

Aus nächster Nähe in Kopf geschossen

Haki S. wollte sich an jenem verregneten Morgen kurz vor 5 Uhr zu Fuss auf den Weg zur Arbeit machen. Der 42-Jährige hielt sich seit Jahren immer wieder illegal in der Schweiz auf und arbeitete schwarz. Bekannte beschreiben ihn als freundlich und verlässlich. Als er aus der Wohnungstüre trat, erwartete ihn sein Cousin mit einer Waffe in der Hand. Aus einer Distanz von 10 bis 20 Zentimetern soll der 61-Jährige laut Anklage auf den Kopf von Haki gezielt und abgedrückt haben.

Wegen einer Ladehemmung löste sich aber kein Schuss aus der Pistole. Daraufhin ging der Täter zwei Schritte zurück und lud seine Waffe erneut durch. Erneut ging der Mann auf seinen Cousin zu und drückte aus nächster Nähe ein zweites Mal ab. Dieses Mal löste sich der Schuss und das Projektil drang in den Kopf des Opfers ein. Haki S. sackte zu Boden und starb – als Opfer einer regelrechten Hinrichtung.

Mysteriöser Balkon-Sturz

Gegenüber den Ermittlern gab der mutmassliche Täter später an, Haki S. habe ein Verhältnis mit seiner Frau gehabt, weshalb er sich gerächt habe. Die Frau konnte dazu nicht mehr befragt werden: Sie war im Jahr zuvor im Kosovo bei einem mysteriösen Sturz von einem Balkon ums Leben gekommen.

Verwandte und Freunde von Haki S. halten die Version des mutmasslichen Täters für abwegig. «Die Frau war mit Haki verwandt und viel älter als er», so ein Freund des Opfers. «Niemals hatten die beiden ein Verhältnis.» Auch habe nie jemand gehört, dass der mutmassliche Täter einen solchen Verdacht geäussert hätte. Die Ermittler fanden darauf ebenfalls nie einen Hinweis. Der Freund hat denn auch eine ganz andere Erklärung für das Geschehene: Geld.

Über 100'000 Franken anvertraut

«Haki hat seinem Cousin über die Jahre über 100'000 Franken anvertraut», so der Mann. «Da er illegal hier war, konnte er kein Bankkonto eröffnen.» Statt das Geld treuhänderisch zu verwalten habe es der Cousin in die eigene Tasche gesteckt, unter anderem habe er es für den Hausbau im Kosovo verwendet. Irgendwann habe seine Frau Skrupel bekommen und ihren Mann aufgefordert, Haki das Geld zurückzugeben. Als später auch Haki insistiert habe, sei es zum Bruch gekommen.

Der Tod von Haki S. wird am Dienstag vor dem St. Galler Kreisgericht verhandelt. Der Tod der Ehefrau des 61-Jährigen ist nie polizeilich untersucht worden.

* Name der Redaktion bekannt

(20 Minuten/sda)