Vermisst seit 1960

24. Juli 2015 10:58; Akt: 24.07.2015 10:58 Print

Warum hat niemand nach Maria gesucht?

von A. Kneubühler, SDA - Maria Theresia Wilhelm wird seit 55 Jahren vermisst. Sie fiel bei Behörden in Ungnade, in einer Heilanstalt wurde ihre Persönlichkeit gebrochen.

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Szene aus dem Film «Das Deckelbad»: Das Schicksal der Österreicherin Maria Theresia Wilhelm, die bei den Behörden in Ungnade gefallen ist und seit Jahrzehnten vermisst wird, hat als Vorlage für den Film gedient. (Bild: Elite Film AG)

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Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland hat Anfang Juli im Amtsblatt einen Verschollenheitsruf für Maria Theresia Wilhelm veröffentlicht, die letztmals 1960 gesehen wurde. Über ihr unglückliches Leben gibt es ein Buch; es war Vorbild für den Film «Das Deckelbad».

«Wer Nachrichten über die Verschollene geben kann, wird ersucht, sich innert der Frist von einem Jahr zu melden», heisst es im Amtsblatt des Kantons St. Gallen vom 6. Juli. Publiziert hat den Verschollenheitsruf das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland: Gesucht wird Maria Theresia Wilhelm, Jahrgang 1911. Sie wäre heute 104 Jahre alt.

Verfilmt in «Das Deckelbad»

Die verschwundene Frau ist inzwischen zu so etwas wie einer Person der Zeitgeschichte geworden. Über ihr unglückliches Leben hat der Autor und WoZ-Redaktor Stefan Keller 1991 ein Buch mit detaillierten Recherchen veröffentlicht: «Maria Theresia Wilhelm, spurlos verschwunden».

An ihre Geschichte lehnt sich auch die Handlung des Spielfilms «Das Deckelbad» des Werdenberger Regisseurs Kuno Bont an. Das Drama wurde an den diesjährigen Solothurner Filmtagen gezeigt und lief danach in verschiedenen Schweizer Kinos.

Persönlichkeit systematisch gebrochen

In Kellers Buch – und in Bonts Film – wird geschildert, wie die lebenslustige Frau aus Vorarlberg nach einer Affäre mit dem Grabser Wildhüter Ulrich Gantenbein von der Obrigkeit drangsaliert und wie ihre Persönlichkeit in der Heil- und Pflegeanstalt St. Pirminsberg durch Elektroschocks und Deckelbäder systematisch gebrochen wurde. Ihre Kinder wurden ihr weggenommen und als Pflege- oder Verdingkinder versorgt.

Vom Schuhe kaufen nie zurückgekehrt

Am 20. Juli 1960 sei Maria Theresia Wilhelm von Grabs aufgebrochen, um in Buchs Schuhe zu kaufen, heisst es im Buch von Stefan Keller. Und: Es sei ein kalter Sommer gewesen, wahrscheinlich habe es geregnet. Seit jenem Tag gibt es von der damals 49-jährigen Frau keine Spur mehr. Allerdings hatten die Behörden auch keinerlei Anstrengungen unternommen, sie zu finden.

Dies soll nun ein halbes Jahrhundert später, zumindest via Amtsblatt, nachgeholt werden. Hinter dem Verschollenheitsruf des Kreisgerichts steht Christina Giovanoli, die Tochter von Maria Theresia Wilhelm, die das Verfahren zusammen mit ihren Brüdern lanciert hat.

Gegen Mauern angelaufen

Einerseits könne so zumindest ein gesetzlicher Schlussstrich gezogen werden, erklärte sie der Nachrichtenagentur SDA. Dies sei nämlich nie geschehen. Andererseits sei der Aufruf auch so etwas wie ein weiterer Anlauf, vielleicht doch noch neue Informationen über das Schicksal ihrer Mutter zu erhalten.

Christina Giovanoli war beim Verschwinden von Maria Theresia Wilhelm 13-jährig und hat immer wieder versucht, das Rätsel zu lösen. Oft sei sie dabei gegen Mauern angelaufen, schilderte sie.

Im Zusammenhang mit der schweizweiten Aufarbeitung der Schicksale von Verdingkindern und administrativ Versorgten konnte sie in den letzten Monaten Einblick in Akten nehmen, die ihre Eltern und sie selber betreffen. Sie habe darin keinen einzigen Hinweis gefunden, dass je nach ihrer Mutter gesucht wurde. «Ein Mensch verschwindet – und niemand sucht nach ihm», stellte sie fest.

Christina Giovanoli spricht über ihre Kindheit in einem Beitrag der «Rundschau»:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel am 24.07.2015 12:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gemeinde

    Wenn die Gemeinde nur ein bisschen Eier hat, dann würde sie sich bemühen, der Familie zu helfen. Aber das hatte sie früher nicht und wird in Zukunft auch keine Eier haben. Es hat sich am System nichts geändert.

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  • Marianne am 24.07.2015 12:52 Report Diesen Beitrag melden

    Hat sich was geändert?

    Wahrscheinlich nennt man das Ganze heute einfach anders. Meine Mutter war auch "so Eine". Bekam mit 19 ihr 1. Kind, mit 20 mich. Geschieden mit 21, ruhelos, keine Unterstützung. Das war in den frühen 60igern. Man nahm uns ihr weg mit der Begründung, sie führe ein liederliches Leben. Habe die Akten gesehen. Dabei hat sie sich sehr um uns gekümmert und wir liebten sie sehr. Sie wurde in ein kath. Kloster gesteckt und kam nie wieder raus. Wir Kinder sind noch heute etwas gestört, haben aber beide die Kurve gekriegt - mit über 30 erst. Aber doch noch.

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  • grabserli am 24.07.2015 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    buch

    erst wenn man das buch gelesen hat, kann man das unrecht und die tragödie dahinter verstehen. Noch heute reden die Einheimischen hier ungern über das Geschehene. Dies zeigt doch deutlich auf, wie schwer das Verbrechen war... Ich verstehe voll & ganz, dass die Kinder nun Aufklärung fordern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Christina (Stina) Giovanoli am 28.07.2015 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    Herzlichen Dank

    Ich danke Allen für ihre Anteilnahme und Solidarität. Es ist mir bewusst, dass meine Familiengeschichte nicht ein Einzelfall ist und dass es viele solche tragischen Geschichten gibt. Ich wünsche allen Betroffenen viel Kraft und Mut mit einem solchen Schatten zu leben und trotzdem den Blick auf die Sonne nicht zu verlieren. In diesem Sinne wünsche ich allen schöne und sonnige Sommertage.

  • Rena am 27.07.2015 08:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut vertuscht

    Ja warum wurde nicht nach der frau gesucht!? Um alles schön unter dem teppich zu halten und ja kein verschulden der behörden ans licht zu bringen. Die kinder dieser familie haben ein recht zu erfahren was mit ihrer mutter passiert ist. Die gemeinde kann heute für das vorgehen früherer verantwortlicher sicher nicht verantwortung tragen, aber der umgang mit dieser geschichte könnte angepasster sein,( bericht rundschau) ! Ich bin auch so ein fremdplatziertes kind. Spreche also aus erfahrung was willkür seitens der ämter heissen kann. Auch die heutige kesb ist kein haar besser als ihre vorgänger.

  • Bergchind am 27.07.2015 07:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verantwortung übernehmen

    Für das was war kann die gemeinde heute sicher nicht verantwortlich gemacht werden. Aber dafür wie sie damit heute umgeht sehr wohl!

  • Susanne am 26.07.2015 14:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verdingkinder

    Susanne Mein Mann war auch ein so genanntes Verdingkind mit seinen 3 Geschwistern, alle wurden fremdplatziert! Der Bauer machte noch ein gutes Geschäft, er bekam eine billige Arbeitskraft und obendrein 60 Fr. im Monat, das war in den 30 er Jahren schon ein rechter Zustupf. Seine 3 Geschwister sind leider schon gestorben, mein Wunsch wäre auch, dass endlich etwas wieder gutgemacht wird!

  • Dx am 25.07.2015 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    In Nachhinein ist es einfach,

    zu verurteilen. Ich bin überzeugt, die meisten Ärzte und Pfleger, Nonnen etc. wollten wirklich helfen. Aber man war einfach noch nicht auf dem Wissensstand von heute - auch uns werden kommende Generationen für begannene Verbrechen verurteilen, auch wir haben "blinde Flecken"!

    • FernLeser am 25.07.2015 18:30 Report Diesen Beitrag melden

      Der Lauf der Dinge

      Ja, die meisten hören es natürlich nicht gerne. Immerhien, heute sind wir ja alle aufgeklärt, da ist es undenkbar dass auch nur irgendjemand einen Fehler macht. Und doch hat Dx leider recht, es ist immer so, die Fehler lagen schon immer in der Vergangenheit. Das liegt zum einen daran dass die Verantwortlichen aufpassen dass alles schön unterm Tepich bleibt solange sie leben. Diese werden aber unterstüzt von "Patrioten" welche keine Fehler in ihrem Land sehen wollen. Meist ist es auch genaud diese Gruppe welche dabei hilft die nötigen Gesetze zu schaffen um solches grauen in ein Land zu bringen

    • Fritz Burri am 25.07.2015 19:32 Report Diesen Beitrag melden

      Verniedlichung!

      Na klar - diejenigen, welche die Deckelbäder empfohlen und durchgeführt haben, konnten doch nicht ahnen, dass dies kriminell und menschenverachtend sein könnte. Es war ja immerhin ein Bad. Und dann noch ein bisschen Elektroschock und ein bisschen Hirnoperation... das sind doch alles Bagatellen, welche man nicht verurteilen darf!?? Hilfe Dx - in was für einer Scheinwelt leben Sie? Hier geht es nicht um Bagatellen, sondern um kriminelle Handlungen, welche schon früher strafbar gewesen wären.

    • Robert Frei am 27.07.2015 12:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Kesb hatte früher einen anderen Namen.

      Es ist unwahrscheinlich wie Dx so was sagen kann, alleine die Vorstellung dass jemand wie Dx denken kann und verharmlosen der ganzen Sache, die oder der jenige ist genauso und hat eben nichts dazu gelernt. Ich bin einfach nur entsetzt was alles in der Schweiz passiert ist und immer noch passiert. Findet grad wieder in Solothurn ein solcher Fall statt, wo eine Familie nieder gemacht wird und in den Ruin getrieben wird. Das Umfeld dieser Familie muss aufstehen und diese Tyrannen der Kesb müssen zur Verantwortung gezogen werden.

    • Manu am 28.07.2015 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Sind Sie sicher?

      @ Robert es ist ziemlich daneben den Fall Kast mit dem Fall von Maria zu vergleichen. Es ist traurig das so etwas nicht differenziert wird. Bei so einem Gedankengut wie das ihrige wundert mich vieles nicht mehr.

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