Frauenfeld

10. Juli 2018 17:58; Akt: 10.07.2018 21:24 Print

Wegen Chat-Geplauder in Sonderklasse gesteckt

Ein Schüler plaudert in einem Gruppenchat über eine Prüfung. Die Schulleitung sieht darin eine Amok-Drohung und schaltet die Polizei ein. Die Schule reagiert umgehend.

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Kurz vor Ende des Sommersemesters 2017 unterhalten sich Frauenfelder Schüler im Klassenchat über anstehende Prüfungen, vor denen sie Bammel haben. In einer Whatsapp-Sprachnachricht äussert sich Schüler Andi* (14): «Wenn wir alle sterben, sterben wir zusammen. Und wenn wir alle sterben, dann sind die Prüfungsresultate hinfällig und die Lehrerin ist arbeitslos. Den Französischtest muss sie wegmachen, für immer.»

Die Sprachnachricht wurde der Schule zugespielt. Diese interpretierte darin einen möglichen geplanten Amoklauf. Die Nachricht wurde rund zwei Wochen nach dem Anschlag auf das Ariana-Grande-Konzert in Manchester versendet, weshalb die Schule in erhöhter Alarmbereitschaft war und die Polizei einschaltete. In der Folge wurden die Eltern zur Schule zum Gespräch zitiert.

Kontext bringt Klärung

Dort wurde ihnen die Sprachmitteilung vorgespielt und sie mit dem Vorwurf des geplanten Amoklaufs des Sohnes konfrontiert. Die Eltern waren geschockt.

Als die Polizistin, die am Gespräch teilnahm, den Kontext des Chats sehen wollte, wurde Andi zum Gespräch hinzugeholt. Bei der Sichtung des gesamten Chatverlaufs auf seinem Handy wurde schnell klar, dass die Nachricht aus dem Zusammenhang gerissen worden war und es sich um einen typischen Chat unter Jugendlichen handelte, bei dem nicht alles wörtlich gemeint ist.

Das sah auch der Schulleiter ein. Dennoch wollte er an den bereits vorab beschlossenen Massnahmen festhalten, wie Andis Eltern beklagen: Andi soll in die Timeout-Klasse wechseln, eine spezielle Klasse für Problemschüler. «Wir waren skeptisch, doch der Schulleiter sagte, das wäre die beste Option», sagen die Eltern gegenüber 20 Minuten. Dadurch seien die Eltern eingeschüchtert gewesen und hätten widerwillig die Überweisung in die spezielle Beschulung unterschrieben. «Man hat uns Timeout als eine Art Privatschule verkauft, in der Andi das Erlebte aufarbeiten kann.»

Schulleiter Claudio Bernold dementiert, dass Schüler zum Wechsel gezwungen würden. «Es kommt für uns nicht infrage, Schüler ohne Einverständnis der Eltern ins Timeout zu senden, auch wenn das theoretisch möglich wäre.» Zum konkreten Fall der Familie von Andi will Bernold keine Stellung nehmen, da es sich um ein laufendes Verfahren handle.

Schule wie Bootcamp

Kurze Zeit später bereuen die Eltern, dass sie der Überweisung ins Timeout zugestimmt haben. Andi fühlte sich bestraft und abgeschoben. Er litt auch unter dem strengen Regime im Timeout, das von den Eltern als Bootcamp beschrieben wird. So seien die Schüler selbst beim Zähneputzen kontrolliert worden und hätten die Zahnpasta nur auf Anordnung ausspucken dürfen. Und auch beim Essen habe die Bevormundung nicht aufgehört: Die Teenager durften ihr Essen nicht selber schöpfen, wurden aber gezwungen, alles aufzuessen.

Eine Mutter berichtet, ihr Kind habe während des Timeout zehn Kilo zugenommen. Einen Monat lang habe das Mädchen jeden Mittag Reis vorgesetzt bekommen. «Meine Tochter konnte nach der wochenlangen Reis-Esserei während vier Tagen nicht auf die Toilette und bekam Schmerzen. Wir mussten deswegen ins Spital.»

Die Tochter musste auch an Wochenenden, Feiertagen und am Abend nachsitzen und mit Fotos gegenüber der Schule dokumentieren, dass sie zu Hause ihr Zimmer aufräumt. Da die Tochter unter den Umständen litt, nahmen die Eltern die 15-Jährige aus der Schule und lassen sie nun in einer Privatschule unterrichten.

Privatschule statt Timeout

Genauso handelten Andis Eltern. «Natürlich ist Andi kein Engel, aber die Schulmethode im Timeout hat uns überhaupt nicht gepasst, weshalb wir Andi nun in eine Privatschule schicken», sagt Andis Mutter. Dies, obwohl sie sich die Kosten für eine Privatschule eigentlich nicht leisten könnten. Ein Zurück an die öffentliche Schule ist derzeit nicht geplant. Die Familie vermisst dort vor allem die Dialogbereitschaft. Man habe via Pro Juventute, die Kirche und über die Familienberatung «Perspektive Thurgau» versucht, eine andere Lösung zu finden – ohne Erfolg.

Die Familien wissen, dass auch andere unter ähnlichen Situationen leiden, und haben deshalb die Interessengemeinschaft IG Eltern Thurgau ins Leben gerufen, damit sich die Eltern vernetzen und einander helfen können.

Von Schule freigestellt

Mit einer weiteren Mutter standen die Familien schon vorab in Kontakt. Ihr wurde das Timeout empfohlen, weil gemäss der Schule das Verhalten ihres Sohnes nicht mehr tragbar war. Er grinse dauernd und vergesse regelmässig Sachen. Nach der Besichtigung des Angebots, bei dem die Mutter mit verschiedenen Schülern gesprochen hatte, die ihr unisono und unabhängig voneinander sagten, sie solle ihr Kind nicht ins Timeout schicken, sah die Mutter davon ab und teilte das der Schule mit. Diese nahm das ungern zur Kenntnis, akzeptierte aber die Entscheidung. Als Konsequenz wurde der Schüler darauf für zwei Wochen von der Schule suspendiert. Er musste während dieser Zeit zu Hause Arbeitsblätter erledigen oder bei potenziellen Arbeitgebern schnuppern gehen.

Nachdem sich die Hauptlehrerin des Timeouts nach Angaben der Schule entschloss, eine neue Herausforderung zu suchen, wird das Angebot nächstes Semester ausgesetzt.

Positives Feedback von Ehemaligen und Eltern

Dass das Timeout während des nächsten Semesters nicht angeboten wird, ist laut Schule kein Problem. Von den rund 3000 Schülern in Frauenfeld seien jeweils nur drei bis acht im Timeout gewesen. «Da bewegen wir uns im Promillebereich», sagt Schulpräsident Andreas Wirth. Die Schulen haben auch andere Möglichkeiten, schwierige Schüler aufzufangen, etwa mit der Begleitung durch die Schulsozialarbeit und anderen Angeboten. Da man das Angebot als wirkungsvolle Ergänzung erachte, werde man es später auch wieder anbieten. «Wir bekommen viel positives Feedback von Eltern, Ehemaligen und späteren Lehrmeistern. Deshalb werden wir das Angebot weiterführen», sagt Wirth.

Zu den Vorwürfen von Andis Familie kann Wirth keine Stellung nehmen, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt und Andi derzeit nicht in Frauenfeld zur Schule geht. Nur so viel: «Einem Verfahren sehe ich sehr gelassen entgegen. Wesentlich ist jeweils, die ganze Wahrheit zu kennen.»

Er bedauert es, dass einzelne Eltern gegen das langjährige grosse Engagement der Lehrpersonen wettern und diese schlechtreden möchten. Erst kürzlich sei bei der Vernissage des Kunstprojekts der Timeout-Klasse in der Kantonsbibliothek volles Haus gewesen. Unter den Besuchern seien viele Ehemalige sowie deren Eltern gewesen. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Leute an den Anlass gekommen wären, wenn das Timeout nicht positiv für sie gewesen wäre.»

* Name geändert

(jeb)