Kümmertshausen TG

11. September 2017 16:13; Akt: 11.09.2017 16:22 Print

Wurde IV-Rentner getötet, weil er reden wollte?

Bei einem Prozess im Thurgau geht es seit Montag um die Tötung eines IV-Rentners. Laut dem «Kronzeugen» wurde der Mann getötet, um Drogen- und Menschenhandel zu vertuschen.

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In diesem Haus in Kümmertshausen TG geschah das Verbrechen. (Bild: Google Street View)

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Die Tat geschah vor knapp sieben Jahren. Ein 53-jähriger Mann wurde tot in seinem Einfamilienhaus im abgelegenen Weiler Löwenhaus in Kümmertshausen TG gefunden. Der IV-Rentner war durch eine brutale Knebelung gestorben. Die Tat gab wochenlang Rätsel auf.

Während der Strafuntersuchung stiess die Polizei auf eine kriminelle Organisation aus türkisch-kurdischen Kreisen, die von St. Gallen aus operierte. Laut Anklageschrift lebten deren Mitglieder von Drogenhandel, Erpressungen und Menschenschmuggel. Den vier Hauptbeschuldigten wirft die Staatsanwaltschaft vor, den IV-Rentner zum Schweigen gebracht zu haben, weil er gedroht hatte, zur Polizei zu gehen.

Was an jenem Novemberabend in dem Weiler bei Kümmertshausen genau vorging, ist unklar. Bei der Rekonstruktion des Tathergangs stützten sich die Untersuchungsbehörden auf die Aussagen eines 39-jährigen Türken ab. Vor Gericht beteuerte der «Kronzeuge» am Montagmorgen erneut seine Unschuld und schob die Verantwortung andern Bandenmitgliedern in die Schuhe.

Drogen gesucht

Der Kopf der Bande, ein 47-jähriger Iraker, habe zwei Männer angeheuert, welche den IV-Rentner aus dem Weg räumen sollten. Diese Männer fuhr der 39-Jährige im Auftrag des Chefs einen Tag vor der Tat zum Haus des IV-Rentners. Was die beiden Männer bei dem Haus machen sollten, habe er damals nicht gewusst, sagte der Türke vor Gericht. Er habe angenommen, dass es um Heroin ging, welches der IV-Rentner im Auftrag des Bandenchefs aufbewahrte. «Ich ging nur aus Neugierde mit.»

Zwei Mal sei er mit den beiden Männern zum Haus gefahren. Beim ersten Mal sei der Bandenchef in einem andern Auto voraus gefahren und habe ihnen das Wohnhaus gezeigt. Er sei mit den beiden Männern zur Haustür gegangen und habe unter dem Vorwand, Drogenhanf kaufen zu wollen, geklingelt. Der IV-Rentner habe sie jedoch weggeschickt. Er habe die Männer davon abgehalten, ins Haus einzudringen und sei mit ihnen wieder weggefahren.

Opfer brutal überfallen

Als die Männer nach einem weiteren Versuch am nächsten Tag erneut unverrichteter Dinge nach St. Gallen zurückkehrten, nahm laut dem Beschuldigten ein weiteres Bandenmitglied - ein 53-jähriger Türke - die Sache in die Hand. Der 53-Jährige fuhr die beiden Männer nach Kümmertshausen, blieb aber beim Auto. Der 39-Jährige fuhr mit.

Er sei erneut mit den beiden Männern zum Haus gegangen, sagte der 39-Jährige bei der mehrstündigen Befragung «Sofort gingen die beiden auf den Mann los. Ich wollte sie zurückhalten, aber ich war nicht stark genug», sagte der «Kronzeuge».

Weil das Opfer schrie, habe einer ihn mit einer Jacke zum Schweigen gebracht und sei auf den Mann draufgekniet. Der andere sei ins Haus gegangen und habe nach Drogen und Geld gesucht. Er sei ihm nachgegangen, habe jedoch Angst gehabt, dass der Mann eine Waffe haben könnte. «Ich hatte Angst und wollte fliehen», sagte der 39-Jährige.

Als er wieder rausging, sei das Opfer reglos am Boden gelegen. Sie seien mit dem Auto weggefahren. Er habe eine Ambulanz rufen wollen. Die andern hätten ihn jedoch nur ausgelacht, schilderte der 39-Jährige.

Der Prozess ist einer der grössten und aufwendigsten in der Thurgauer Strafprozess-Geschichte. Begonnen hat er im Februar 2017. (Video: sda)

(sda)