Adeline-Mordprozess

15. Mai 2017 19:51; Akt: 24.05.2017 08:31 Print

Staatsanwalt fordert lebenslange Verwahrung

Der Vergewaltiger Fabrice Anthamatten steht den vierten Tag im Mordfall Adeline M. vor dem Genfer Strafgericht. Er gestand, dass er «Adeline abstechen» wollte.

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Der bereits wegen zweifacher Vergewaltigung verurteilte Täter: Fabrice A. soll seine Sozialtherapeutin Adeline M. im September 2013 bei einem Freigang an einen Baum gebunden und ihr die Kehle durchgeschnitten haben. Er gestand den Mord. (10. Dezember 2008) Fluchtplan durchkreuzt: Seine Flucht während des Freigangs habe er von langer Hand und in allen Details geplant. Die 34-jährige Mutter sei zum Hindernis geworden. Fabrice Anthamatten wird in diesem Fahrzeug vor Gericht gefahren. Der Prozess findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Eigentlich sollte der Prozess gegen Anthamatten vom 3. bis 14. Oktober 2016 stattfinden. Nach nur vier Tagen wurde der Prozess aber unterbrochen – wegen eines gutgeheissenen Rekurs von Fabrice Anthamatten. Der Prozess beginnt am Montag, 15. Mai 2017, wieder bei null. Der Fall erregte im Oktober grosses Aufsehen: Der Anwalt der Opferfamilie stellt sich am ersten Prozesstag der Presse. Nach nur vier Tagen ist Anfang Oktober 2016 der Prozess um das Tötungsdelikt Adeline unterbrochen worden. Ein Gericht hat einem Rekurs von Fabrice Anthamatten stattgegeben. (3. Oktober 2016) Wollen Gerechtigkeit: Die Eltern von Adeline M. (links) mit ihrem Anwalt Simon Ntah (rechts) auf dem Weg zum Gerichtssaal in Genf. (3. Oktober 2016) Angespannt: Generalstaatsanwalt Olivier Jornot betritt das Gerichtsgebäude. (3. Oktober 2016) Vertritt den Angeklagten: Yann Arnold ist der Anwalt von Fabrice A. (3. Oktober 2016) Kameras waren nicht erlaubt: Eine Gerichtszeichnung zeigt Fabrice A. auf der Anklagebank. (3. Oktober 2016) Zum Auftakt des zweiten Prozesstages machten zwei Gutachter deutlich, dass der 42-jährige Angeklagte Monate vor dem Delikt Fantasien zur Tötung einer Frau hatte. (3. Oktober 2016) Müssen den Anblick des Mörders ihrer Tochter ertragen: Die Eltern von Adeline M., dargestellt vom Gerichtszeichner. (3. Oktober 2016) Rückblick: Im Wald von Versoix GE wurde die Leiche von Adeline M. im September 2013 gefunden. (13. September 2013) Polizeichef François Schmutz und Staatsanwalt Olivier Jornot gaben Auskunft zum Vorgehen der Polizei im Fall Adeline M. Suchaktion: Fabrice A. wurde über Interpol gesucht. Fabrice A. gelang die Flucht über die Grenze nach Deutschland: In Weil am Rhein in Baden-Württemberg wurde er am Bahnhof geortet. Suchten Fabrice A.: Deutsche Polizisten vor dem alten Zollhaus in Weil am Rhein. Verhaftet wurde er an der polnischen Grenze. Er war auf dem Weg nach Polen, um seine Ex-Freundin zu töten. Ständerat This Jenny (SVP, GL) forderte damals, dass der Sexualtrieb von Vergewaltigern wie Fabrice A. unterbunden werden müsse. Hier lernten sich Täter und Opfer kennen: Das Genfer Gefängnis La Pâquerette.

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Der Adeline-Prozess ist am Freitag mit dem Plädoyer der Verteidigung zu Ende gegangen. Sie stellte sich gegen die Verhängung der Höchststrafe. In der Urteilsberatung des Gerichtes wir die lebenslängliche Verwahrung im Zentrum stehen. Das Urteil wird am Mittwoch eröffnet.

Der Verteidiger des Angeklagten, Yann Arnold, versuchte am Freitag das Gericht davon zu überzeugen, dass eine lebenslängliche Verwahrung unnötig sei. Seiner Ansicht nach genügt eine ordentliche Verwahrung, um die Gesellschaft vor Fabrice A. zu schützen.

Verwahrung verstosse gegen Menschenrechtskonvention

Die von den Schweizer Stimmberechtigten angenommene lebenslängliche Verwahrung hingegen verstosse gegen die Menschenrechtskonvention, weil keine regelmässige Überprüfung der Massnahme vorgesehen sei.

Die lebenslängliche Verwahrung eines Straftäters wird nur im Fall von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen neu beurteilt, oder wenn der Verurteilte infolge eines Unfalls, Krankheit oder wegen hohen Alters keine Gefahr mehr darstellt.

Yann Arnold verwies zudem auf die Verfasser der beiden psychiatrischen Gutachten, welche beide keine Prognose auf Lebenszeit gemacht und keine lebenslängliche Verwahrung empfohlen hätten.

«Finsteres Bild» des Angeklagten

Der Verteidiger räumte aber das «sicherlich finstere Bild» ein, dass sich bei Fabrice A. präsentiere. Es sei jedoch nicht unmöglich, dass er sich bessern könne. Die Verteidigung bestritt zudem die auf Mord lautende Anklage.

Der französisch-schweizerische Doppelbürger habe im Gegensatz zur Flucht das Tötungsdelikt nicht geplant gehabt. Er sei besessen vom Plan gewesen, nach Polen zu flüchten, um seine Ex-Freundin ausfindig zu machen.

Höchststrafe gefordert

Bei der Vorbereitung der Flucht habe der Angeklagte zudem von den relativ lockeren Regeln des inzwischen geschlossenen Resozialisierungszentrums «La Pâquerette» profitiert. «Bis wohin geht die Durchtriebenheit von Fabrice A., und wo beginnen die Nachlässigkeiten der Pâquerette?», fragte er im Saal des Genfer Strafgerichts.

Man könne zwar nicht viel zur Verteidigung des Angeklagten vorbringen, müsse aber aufgrund der schweren Kindheit und der in ihm wohnenden Triebe von einer leicht verminderten Schuldfähigkeit ausgehen, sagte Arnold.

Er lehnte deshalb auch die von der Staatsanwalt geforderte lebenslängliche Freiheitsstrafe ab. Der Anwalt der Angehörigen, Simon Ntah, verlangte am Freitag wie die Anklage am Vortag die Höchststrafe.

Anklage forderte Höchststrafe

Es handle sich beim Angeklagten um einen Psychopathen, der die Schuld für seine Taten stets anderen zuschreibe und sich nie ändern werde, sagte Ntah. Der Genfer Generalstaatsanwalt Olivier Jornot hatte am Donnerstag in einem vierstündigen Plädoyer eine Verurteilung in allen Anklagepunkten wegen Mordes, Freiheitsberaubung, sexueller Nötigung und Diebstahls verlangt.

Wegen des «sehr hohen» Risikos für eine Wiederholungstag forderte die Staatsanwaltschaft eine lebenslängliche Freiheitsstrafe mit anschliessender lebenslänglichen Verwahrung. «Genau wegen Fällen wie dem Tötungsdelikt Adeline ist die Verwahrungsinitaitive angenommen worden», sagte Jornot. Der Angeklagte war bereits wegen zwei 1999 und 2001 begangenen Vergewaltigungen zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt worden.

Urteil am Mittwoch

Fabrice A. hatte der Sozialtherapeutin Adeline auf einem Freigang am 12. September 2013 die Kehle durchgeschnitten und wurde drei Tage nach der Bluttat an der deutsch-polnischen Grenze verhaftet. Ein erster Prozess zum Tötungsdelikt wurde wegen Zweifel an der Unbefangenheit der Richter abgebrochen.

Während der fünf Prozesstagen wurde der Fall von neuen Richtern verhandelt. Zum Abschluss des Prozesses am Freitag wurde wie üblich dem Angeklagten das letzte Wort erteilt.

Fabrice A. verzichtete darauf, um Vergebung zu bitten. Er habe unerträgliches Leid verursacht und wolle nicht weiteres hinzufügen, sagte er. Das Urteil wird am Mittwoch eröffnet.

(jen/sda)