Immensee SZ

21. Mai 2017 10:24; Akt: 21.05.2017 18:23 Print

Nach Fall Jegge suchen jetzt viele Opfer Hilfe

Ein inzwischen pensionierter Lehrer soll während Jahren eine Schülerin missbraucht haben. Jetzt bricht sie ihr Schweigen - und mit ihr viele andere Opfer.

storybild

Das Gymnasium in Immensee. (Bild: Wikipedia)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Nach dem Bekanntwerden des Falls Jegge melden sich vermehrt Opfer von sexuellen Übergriffen bei Beratungsstellen: Bei der Zürcher Opferberatungsstelle Castagna spricht man gar von einem Boom, wie der «Tages-Anzeiger» am Freitag schrieb: In den ersten drei Wochen, nachdem der Fall des Starpädagogen publik geworden war, hätten sich dort dreimal mehr Opfer von sexuellen Missbräuchen gemeldet. In mindestens der Hälfte dieser über 60 Fälle seien Lehrer involviert gewesen. Rund ein Drittel sei bereits verjährt.

Eine Betroffene eines solchen Falles ist eine heute 40-jährige Frau, die in den 1990er-Jahren in Immensee zur Schule ging. Angefangen habe es in einem Klassenlager. Die damals zwölfjährige Schülerin erhielt von ihrem Lehrer, damals 38 Jahre alt, einen ersten Zungenkuss.

Lehrer schenkte Opfer besondere Aufmerksamkeit

Der Lehrer habe ihr in der folgenden Zeit viel Beachtung geschenkt. «Ich war unterernährt an Aufmerksamkeit», so die Betroffene. Die Aufmerksamkeit habe ihr geschmeichelt: Ihre Mutter sei alleinerziehend und ihre Schwester drogensüchtig gewesen.

Laut dem Opfer sagte er ihr, dass sie besser sei als ihre Klassenkameraden. Nach einem Weihnachtskonzert an der Schule ging der Lehrer mit der inzwischen 16-Jährigen in einem Wald spazieren. Dort sei es zu Umarmungen und Küssen gekommen. Ein halbes Jahr später habe ihr der Lehrer bei einer Pause auf einer Wanderung in die Hose gefasst.

Die Betroffene begann, davon überzeugt zu sein, eine Beziehung zum Lehrer zu haben – trotz der traumatischen Erlebnisse, Tuscheleien der Mitschüler und misstrauischer Mutter. Die Ehefrau des Lehrers habe die Beziehung hingenommen. Während eines Mittags sei es im Büro des Lehrers zu Geschlechtsverkehr gekommen.

Fall bereits verjährt

Nach der Matura prostituierte sich die Betroffene. Der Lehrer habe diesen Nebenjob «besonders frei» gefunden. Im Studium merkte sie, dass sie nicht besonderer ist als die anderen Menschen. Mit 22 öffnete ihr ein neuer Freund die Augen über ihre Beziehung zum Lehrer: «Und plötzlich galt alles, was bisher galt, nicht mehr», sagt sie. Drogen, Selbstverletzungen und ein Suizidversuch waren die Folge. «Er erwischte mich in einer Zeit, in der sich meine eigene Persönlichkeit und Sexualität gerade erst entwickelten. Ich musste beides in vielen Jahren mühsam wieder aufbauen», sagt sie heute.

Obwohl der Fall inzwischen verjährt ist, zeigte die ehemalige Kantischülerin den Lehrer jetzt an, berichtete der Tagi. Das sei für sie Teil ihrer Therapie.

Gegenüber der «Zentralschweiz am Sonntag» bestätigte der Lehrer, eine Beziehung mit der Frau gehabt zu haben. Eine Straftat sei es jedoch nicht gewesen: Sex hätten sie erst gehabt, als die Schülerin volljährig war. Von einer Anzeige gegen ihn wisse er nichts.

Rektor wollte Transparenz schaffen

Per Medienmitteilung wandte sich am Freitag der heutige Schulrektor des Gymnasiums Immensee Benno Planzer an die Öffentlichkeit und informierte darüber, dass sich die Vorwürfe gegen einen Lehrer richten, der früher am Gymi Immensee unterrichtet habe. Er wolle so Transparenz schaffen. Im Artikel des «Tages-Anzeigers» vom Freitag wurde der Ort der Schule nicht genannt. Planzer begründete sein Vorgehen so: «Ich wollte deutlich machen, dass wir uns nicht verstecken und dass an unserer Schule Nulltoleranz herrscht, was sexuelle Übergriffe angeht.»

Laut der «Zentralschweiz am Sonntag» hat die betroffene Frau der Schule 2001 einen Brief geschickt und über ihre Geschichte informiert. Dennoch habe der Mann weiter an der Schule gearbeitet. Planzer sagte dazu: «Die Akten zu dem Fall zeigen, dass die Schulverantwortlichen zum damaligen Zeitpunkt davon ausgingen, dass keine strafbaren Tatbestände vorliegen.» Der damalige Rektor habe mit der Frau reden wollen, doch diese sei nicht zur Verfügung gestanden, weshalb für die damalig Verantwortlichen rechtlich kein Grund bestanden habe, den Lehrer freizustellen.

(gwa)

FCL.TV
Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen