Malters LU

10. März 2016 10:03; Akt: 10.03.2016 15:38 Print

«Die Mutter identifizierte sich wohl mit ihrem Sohn»

Ein Psychiater sieht die Beziehung zum Sohn und einen Anti-Establishment-Lebensstil als mögliche Gründe für den Suizid der Frau, die sich stundenlang verschanzt hatte.

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Stundenlang hatte die Polizei ein Haus im luzernischen Malters umstellt und mit einer 65-jährigen Frau verhandelt, die sich darin verschanzt hatte und drohte auf jeden zu schiessen, der sich ihr näherte. Schliesslich nahm sich die Frau das Leben und töte auch eine Katze, die mit ihr im Haus war. Die Polizei wollte das Haus wegen einer darin vermuteten Hanf-Plantage durchsuchen.

Wie konnte es zu einer solchen Eskalation kommen? Diese Frage hat die «Neue Luzerner Zeitung» dem Psychiater Andreas Frei, ehemaliger Leiter des Forensischen Dienstes der Luzerner Psychiatrie, gestellt. Ohne den Fall im Detail zu kennen, vermutet er, dass die Frau in einem sehr engen Verhältnis zu ihrem Sohn, der die Hanf-Plantage betrieben haben soll, gestanden habe. «Vielleicht hat sie sich mit ihrem Sohn identifiziert.»

Wenn sie sich gemeinsam quasi gegen das Establishment abgegrenzt hätten, könne das Eindringen der Polizei in diese Beziehung ein derart massiver Schlag gewesen sein, der schliesslich zu dieser Handlung geführt haben könnte. «Sie hat sich in eine Sackgasse manövriert, aus der sie nicht mehr herausgekommen ist.»

Frau befand sich in psychischem Ausnahmezustand

Dass die Polizei bei den Verhandlungen mit der Frau etwas falsch gemacht haben könnte, glaubt Frei zwar nicht. Dennoch würde er es begrüssen, wenn in solchen Situationen Fachleute hinzugezogen würden. «Polizisten werden geschult für solche Fälle. Meine Überlegung ist aber: Kann die Polizei unter Umständen erkennen, ob jemand geisteskrank ist? Deswegen wäre es gut, wenn eine Fachperson dabei wäre.» Laut Polizeiangaben, war die Frau in einem psychischen Ausnahmezustand. Das bedeute, dass man nicht mehr vernünftig mit ihr habe sprechen können, so der Psychiater.

Ausschlaggebend für den Suizid war laut Frei vermutlich die Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit der Situation, in der die Frau sich gesehen habe. Es sei gut möglich, dass die Frau sich moralisch im Recht gesehen habe und dadurch «die Konsequenzen ihrer letztlich aussichtslosen Handlungen umso schwerer erträglich erschienen.»

Der Psychologe äussert sich auch dazu, weshalb die Frau ihre Katze ebenfalls tötete. Er nennt das einen pseudo-altruistischen «Mitnahmesuizid». «Die Frau denkt sich, dass es das Tier ohne sie sowieso schlecht hat und dass die Welt so schlecht ist, dass man dies dem Überlebenden nicht zumuten möchte.» Es könne auch sein, dass sie ihr Tier im Himmel wiedersehen wollte.

(ofi)

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