Hanfrazzia in Malters LU

24. August 2016 12:16; Akt: 24.08.2016 12:17 Print

Polizeikommandant unter dem Verdacht der Lüge

Enthüllungen legen nahe, dass beim Suizid-Drama in Malters LU nicht die ganze Wahrheit an die Öffentlichkeit gedrungen ist. Der Einsatzleiter gerät in Bedrängnis.

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Am 9. März dieses Jahres erschoss sich in Malters LU die 65-jährige Mutter eines Mannes, der zuvor von der Polizei wegen Hanfanbaus verhaftet worden war. Die Frau, die offenbar unter paranoider Schizophrenie litt, griff in ihrer Wohnung nach einer 19-stündigen Belagerung eines Sonderkommandos zur Waffe. Sie hatte Angst, wieder in eine psychiatrische Klinik eingeliefert zu werden und drohte, sich zu erschiessen. Nach dem Suizid der Mutter reichte der Anwalt des Sohnes Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen die Polizeiführung ein. Mittlerweile untersucht ein ausserkantonaler Staatsanwalt den Fall.

Der SRF-Nachrichtensendung «Rundschau»liegen nun Aussagen des Polizeipsychologen aus diesem Verfahren vor. Dieser war am Einsatz vor Ort gewesen. Er habe dem Polizeikommandanten und seinem Kripochef unmissverständlich vom stürmischen Zugriff der Sondereinheit «Luchs» abgeraten: «Aufgrund von Reizüberflutung und Intervention könnte sich die Frau das Leben nehmen.» Deshalb solle die Einsatzleitung zuwarten. Irgendwann sei die Frau erschöpft und die Polizei habe die Möglichkeit, die Situation ohne Eskalation zu beenden.

Fakten verschwiegen?

An der Medienkonferenz nach dem Einsatz verschweigt Polizeikommandant Adi Achermann aber die Warnung des Psychologen. Stattdessen behauptet er, es seien beim Einsatz alle Beteiligten zum Schluss gekommen, die Frau gefährde die Sicherheit von Polizisten und Anwohnern. Deswegen habe er den Zugriff befohlen.

Die Einheiten hätten zwei Schüsse im Treppenhaus gehört. Erst danach hätten sie die Türe aufgebrochen und die tote Frau im Badezimmer entdeckt. Laut Akten der ausserkantonalen Untersuchung wird aber klar, dass auch diese Darstellung nicht den Tatsachen entspricht. Zeitgleich mit einem Ablenkungsmanöver ausserhalb des Hauses öffneten die «Luchs»-Elitepolizisten die Wohnungstür gewaltsam und schickten einen Hund ins Innere, um die Frau zu fixieren. Dieser kehrte aber zweimal erfolglos zurück. Erst dann habe sich die Frau erschossen.

Der Faktor Zeit

Der ehemalige Basler Polizeikommissär Markus Melzl ist nach dem Studium der Akten zu folgenden Schluss gekommen: «Der gewaltsame Gang in die Wohnung ist mit höchster Wahrscheinlichkeit kausal mit dem Suizid der Frau verbunden.» Die Einsatzleitung habe offenbar den Faktor Zeit höher gewertet als die Unversehrtheit der verschanzten Frau. Die Luzerner Einheit war nach 19 Stunden an die Grenze der Durchhaltefähigkeit gestossen und hätte teilweise durch Berner Polizisten ersetzt werden müssen.

Der Luzerner Polizeikommandant und sein Chef der Kripo nehmen mit Hinweis auf das laufende Verfahren keine Stellung zum Beitrag der «Rundschau».

(fal)

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