Felssturz in Gurtenellen

05. Juni 2012 15:47; Akt: 05.06.2012 15:53 Print

«Der Hang war nur schwer zu überwachen»

Hätte das Drama von Gurtnellen verhindert werden können? Nach dem Felssturz stellen sich wichtige Fragen. Vor allem eine: Wieso wurde der Fels nicht beobachtet?

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Am Dienstagmorgen, kurz vor 9 Uhr, ereignete sich in Gurtnellen UR ein Felssturz. Der 29-jährige Bauarbeiter, der dabei verschüttet worden war, konnte am frühen Samstagmorgen (9. Juni) nur noch tot geborgen werden. Zwei weitere wurden mit Verletzungen ins Spital gebracht. Frontalansicht des Abbruchs am Berg. 2500 Kubikmeter Geröll donnerten auf das Bahntrassee. Hier ereignete sich das Unglück. Die Geröllmasse verschüttete die Bahnlinie. Hier ist der Berg abgebrochen. Im Bereich der Absturzstelle befand sich eine Baustelle. Gemäss einem Sprecher der Kapo Uri seien zum Unglückszeitpunkt Hangsicherungsarbeiten im Gange gewesen. Neben der Rega ist auch Heli Gotthard im Einsatz. Suchhunde werden via Helikopter zum Felssturzgebiet geflogen. Der Felshang ist nach wie vor labil. Der Verschüttete wurde deshalb noch nicht geborgen. Für die Sicherheit der Bergungsmannschaften müssen zuerst geologische Abklärungen durchgeführt werden. Damit wolle man verhindern, dass Nachstürze weitere Personen verletzten, erklärte ein Polizeisprecher. Die Wahrscheinlichkeit, den Verschütteten lebend bergen zu können, sei klein, sagte der Bauführer und Chef der Arbeiter. «Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.» Für Adrian Pfiffner, Geologe und Professor für Tektonik an der Uni Bern, steht fest: Die Regenfälle der letzten Tage haben die Katastrophe ausgelöst. «In das zerklüftete Gestein läuft Wasser, dadurch verlieren sie ihren Halt», so Pfiffner. Die Kantonsstrasse ist gesperrt. Ein gestrandeter Güterzug bei Gurtnellen: Die Gotthardstrecke bleibt mindestens drei Tage gesperrt. Glücklicherweise war kein Zug auf der Strecke, als der Fels ins Tal donnerte. «Es wurden keine Wagen getroffen und somit keiner unserer Passagiere verletzt», sagte SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Die Gotthardstrecke bleibe aber laut Pallecchi bis mindestens Mittwoch unterbrochen. Es verkehren Bahnersatzbusse zwischen Flüelen und Göschenen. Es muss allerdings mit erheblichen Verspätungen gerechnet werden. In Bellinzona mussten die Passagiere nochmals umsteigen. Leser-Reporter Kurt Lieberherr, der sich im ersten Ersatzzug befand, kam mit rund einer Stunde Verspätung in Lugano an. Der Felssturz ist kein Einzelfall. Immer wieder erschütterten Steinschläge das Gebiet bei Gurtnellen. Bereits am 12. März dieses Jahres gab es einen Kilometer unterhalb des Bahnhofs Gurtnellen einen Steinschlag. Verletzt wurde niemand. Im April 2009 verschüttete eine Nassschneelawine die Autobahngalerie bei Gurtnellen. Die Lawine forderte keine Opfer, aber die Kantonsstrasse bieb einige Tage gesperrt. Im Mai 2006 forderte ein Steinschlag bei Gurtnellen zwei Menschenleben. Um 06.45 Uhr ging der Felssturz mit einem Volumen von gegen 10 000 Kubikmeter auf die Autobahn nieder. Ein 64-jähriger Mann und seine 60-jährige Frau aus Deutschland starben. Zudem wurden zwei Lastwagenchauffeure verletzt. Sie befanden sich auf dem Rastplatz und schliefen, als der Felssturz niederging. Die Räumung der bis zu 125 Tonnen schweren Blöcke war schwierig. Wegen der anhaltenden Felssturzgefahr blieb die Autobahn mehrere Wochen gesperrt. Der instabile Felshang über Gurtnellen wurde gesprengt. Ein Jahr zuvor, im März 2005, durchschlugen zwei je fünf Kubikmeter grosse Felsbrocken bei Gurtnellen die Schutznetze und stürzten auf die Autobahn. Zwei Autofahrer kollidierten mit den Steinblöcken, blieben jedoch unverletzt. April 2003: Ein Felsbrocken durchschlug eine Autobahngallerie bei Gurtnellen. Verletzt wurde niemand.

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Bis zu 3000 Kubikmeter Gestein sind bei Gurtnellen auf die Bahnstrecke gestürzt – dies entspricht rund 500 Lastwagenladungen. Weitere 500 Kubikmeter drohen abzubrechen. Mittels eines Geo-Radars wollen die SBB in den nächsten Tagen den Hang millimetergenau absuchen. «Erst dann können wir entscheiden, ob wir Felsen wegsprengen müssen», sagt SBB-Sprecher Christian Ginsig zu 20 Minuten Online.

Die Erdmassen gerieten bei der benachbarten Hangpartie desjenigen Felsen in Bewegung, der Anfang März bereits zu einem Unterbruch der Gotthardlinie geführt hatte

Gebiet schwer kontrollierbar

Erst vor drei Wochen ging in Preonzo im Tessin die gigantische Masse von 300 000 Kubikmeter Fels ab. Doch der Tessiner Felssturz wurde exakt vorhergesagt, der Felssturz von Gurtnellen hingegen ereignete sich überraschend.

«Der Fels im Tessin wurde und wird immer noch minutiös überwacht», sagt Arthur Sandri, Leiter Rutschungen, Lawinen und Schutzwald beim Bundesamt für Umwelt (BAFU). Beim Felssturz vom Dienstagmorgen handle es sich jedoch um eine «schwierige Hanglage, die bewaldet und deshalb nur schwer zu überwachen ist». Gerade darum sollte eine spezialisierte Firma Schutzvorrichtungen anbringen – und hat nun selbst Opfer zu beklagen.

Ursachen bekannt

«Grundsätzlich ist jeder Felssturz eine Alterserscheinung», sagt Sandri. «Felsen werden mit zunehmendem Alter immer instabiler.» Dann brauche es eine von drei verschiedenen Ursachen, um einen Fels tatsächlich zusammenbrechen zu lassen: Eis, das sich im Fels bildet. Erschütterungen von einem Erdbeben oder einlaufendes Wasser, das von innen einen Druck aufbaue und so das Gestein brechen lasse. Letzteres dürfte in Gurtnellen passiert sein.

Gigantischer Felssturz steht bevor

Der Felssturz von heute früh nahm einen dramatischen Ausgang. Doch mit Blick auf die gelöste Masse handelte es sich um einen vergleichsweise kleinen Abgang.

Ein grosser Felssturz bahnt sich derweil schon an. Und zwar einer, von geschichtsträchtigem Ausmass. In Preonzo werden irgendwann weitere 500 000 Kubikmeter Fels niedergehen. Doch laut Arthur Sandri besteht für die Umgebung keine Gefahr: «Der Fels wird bestens überwacht. Wenn sich etwas anbahnt, können wir rechtzeitig warnen.»

(am/rba)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • ZH-Unterländer am 05.06.2012 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Sicherheit

    Ich bin ein totaler Fan dieser einmaligen Bergstrecke,aber ich denke mir,dass alle froh sein werden,wenn das 57 Kilometer lange Loch eröffnet wird.Sicherheit geht vor.

Die neusten Leser-Kommentare

  • ZH-Unterländer am 05.06.2012 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Sicherheit

    Ich bin ein totaler Fan dieser einmaligen Bergstrecke,aber ich denke mir,dass alle froh sein werden,wenn das 57 Kilometer lange Loch eröffnet wird.Sicherheit geht vor.

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