Nicole Dill

09. Dezember 2016 05:52; Akt: 09.12.2016 05:52 Print

Armbrust-Opfer kämpft trotz Finanz-Problem weiter

von Daniela Gigor - Nicole Dill kämpft beim Kanton um Genugtuung und Geld – und blitzte vor Gericht ab. Sie gibt aber nicht auf, obwohl sie sich den Gang durch die Gerichte nicht leisten kann.

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Nicole Dill. (Bild: zVg)

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Am 20. September 2007 erlebte Nicole Dill der blanke Horror: Ihr damaliger Freund Roland A. attackierte sie dreimal mit einer Armbrust, ein Pfeil blieb in ihrer Leber stecken. Das Martyrium war erst nach elf Stunden zu Ende. Der Grund für den Angriff war, dass Dill zwei Stunden vor der Tat die Beziehung zu A. beendete.

Was Dill damals nicht wusste: A. hatte bereits eine junge Frau vergewaltigt und erwürgt. Das Bauchgefühl sagte ihr im August 2007, sie solle sich beim Hausarzt von A. melden. Sie kontaktierte ihn, um Fragen nach möglichen Ungereimtheiten im Lebenslauf ihres Partners zu stellen. Der Hausarzt durfte sich allerdings wegen wegen der ärztlichen Schweigepflicht nicht äussern. Dieser informierte die Luzerner Polizei. Einen Tag später meldete sich ein Polizist bei Dill. Dieser kannte die Vergangenheit von A., sagte aber aus Datenschutzgründen auch nichts. Nur soviel: Der Polizist empfahl Dill einen Schlussstrich unter die Beziehung zu ziehen.

A. nahm sich zwei Tage nach seiner Verhaftung das Leben. Dill leidet und kämpft seither weiter. «In meinem Innern tobt täglich ein Vulkan und die Angst ist ein treuer Begleiter.» Sie verklagte den Kanton Luzern auf 105'000 Franken Genugtuung. Ihrer Meinung nach war sie von den Behörden nicht hinreichend über die Vorgeschichte ihres gewalttätigen Freundes aufgeklärt worden. Dieser war den Ämtern wegen Mord, Vergewaltigung und Stalking mit hoher Rückfallgefahr bekannt gewesen. Im November 2016 blitzte Dill mit ihrer Haftungsklage vor dem Luzerner Bezirksgericht ab.

Sie will aber wenn nötig bis vor Bundesgericht weiter kämpfen: «Ich muss es tun, weil mit dem gültigen Datenschutzgesetz die Täter, aber nicht die Opfer geschützt werden.»

Gewinner sind die Versicherungen

Dill will nun gegen das erstinstanzliche Urteil Einspruch erheben, allerdings hat sie nun auch noch finanzielle Sorgen: Zwar werde sie zum zweiten Mal einen Antrag um unentgeltliche Rechtspflege stellen. Das erste Mal wurde diesem Antrag aber nicht stattgegeben. Ohne unentgeltliche Rechtspflege dürften die Gänge an die Gerichte teuer werden. Dill: «Mit der neuen Prozessordnung im Zivilrecht ist es Personen aus der Mittelschicht fast nicht mehr möglich zu prozessieren. Der Grund liegt darin, dass die Kostenvorschüsse bereits vor dem Gang ans Gericht bezahlt werden müssen.» Die Gerichtskosten und Prozessentschädigungen dürften sich in ihrem Fall bis vor Bundesgericht auf etwa 60'000 Franken summieren, rechnet Dill. Nicht inbegriffen sind die eigenen Anwaltskosten. Darum hofft sie, dass sie finanzielle Unterstützung aus der Bevölkerung erhält. «Wenn nur ein Teil der Personen in der Schweiz zehn Rappen spenden würde, dürfte es reichen», sagt Dill.

Auch bei Ileri, Spörri Rechtsanwälte in Zürich, wo Dill vertreten wird, heisst es: «Für sozial schwächeren Menschen wird die Chance, vor Gericht um Recht zu kämpfen, immer geringer.» Die Gesetze würden immer öfter zu Gunsten der Versicherungen angepasst; im Fall von Dill etwa müsste die Versicherung des Kantons Luzern zahlen, sofern sie obsiegen würde. Auch würden Opfer etwa nach Unfällen oder im Falle einer Invalidität nicht nur finanziell, sondern auch psychisch stark belastet.

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