Rabiate Luzerner

05. April 2011 11:55; Akt: 05.04.2011 15:56 Print

Stromschläge gegen spielende Kinder

von Annette Hirschberg - Die 8-jährige Sara kletterte einen Zaun hoch. Dann spürte sie einen harten Schlag, zitterte am ganzen Körper und musste ins Spital. Grund: Zwei Hausbesitzer bekriegen die Kinder mit Strom.

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Es war der erste warme Mittwoch im März. Die achtjährige Sara (Name geändert), die im September neu ins Quartier Rothen in Luzern gezogen war, ging zum ersten Mal mit ihrer Mutter auf den nahe gelegenen grossen Spielplatz. Sie wollte dort den Nachmittag geniessen und neue Freunde kennenlernen. Doch es kam ganz anders.

Zwei Hausbesitzer, deren Grundstücke direkt an den offiziellen Ballspielplatz grenzen, haben den Kindern im Quartier seit längerem den Krieg erklärt. Am Gemeindezaun, der Bälle abhalten soll und zwischen zwei und vier Metern hoch ist, haben sie einen mit Strom geladenen Draht montiert. Unwissend kletterte Sara am tieferen Teilstück des Zauns ein wenig hoch, um einem Jungen etwas zuzurufen. Da berührte sie mit dem Kopf den geladenen Draht, wurde zurückgeworfen und fiel zu Boden. «Der Strom war wie ein ganz fester Schlag. Er hat tief durch mich durch gezuckt», sagt Sara gegenüber 20 Minuten Online. Danach konnte sie kaum laufen, zitterte am ganzen Körper, hatte Kopfweh, ihr war übel und schwindlig.

Aggressiver Hausbesitzer

Die Mutter versuchte zuerst, ihre Tochter zu beruhigen. «Ich gab ihr etwas zu trinken und redete ihr gut zu, aber ihr Zustand verbesserte sich nicht», erzählt Claudia Colombo (Name geändert). Darum holte sie telefonisch bei ihrem Kinderarzt Rat und brachte daraufhin ihre Tochter direkt ins Spital. «Ich machte mir grosse Sorgen, meiner Tochter ging es gar nicht gut», so Colombo.

Im Spital wurde das Mädchen gründlich untersucht. Um den Zustand besser zu analysieren, wollten die Ärzte wissen, wie stark der Strom im Draht war. Darum fuhr der Vater direkt von der Arbeit zum Spielplatz. Nur einer der beiden Hauseigentümer war anwesend. Dieser behandelte Vater Luis Colombo (Name geändert) aggressiv und abweisend. «Als Erstes sagte er mir, dass ich mich widerrechtlich auf seinem Grundstück aufhalte und dort weg müsse», erzählt Colombo.

Strom wird extra für die Kinder eingeschaltet

Eine zuverlässige und klare Auskunft über die Stromstärke auf dem Draht habe er nicht bekommen. «Ich musste die Polizei rufen, die die Anlage dann untersucht hat», so Colombo. Trotz der ernsten Lage verhöhnte der Hausbesitzer den Vater. «Er warf mir an den Kopf, dass mein Kind selbst schuld sei.» Und er eröffnete ihm ein weiteres pikantes Detail: Der von ihm montierte Zaun steht offenbar nicht immer unter Strom. «Nur wenn Kinder auf der Wiese spielen, steckt er den Stecker ein», erzählt Colombo.

Dabei dürften die beiden Hausbesitzer auf dem Zaun der Gemeinde gar keinen mit Strom geladenen Draht montieren. Bereits 2009 hatten sich Nachbarn im Quartier bei der damaligen Gemeinde Littau deswegen beschwert. Daraufhin forderte die Gemeinde die Grundbesitzer schriftlich auf, den Draht umgehend zu entfernen. «Passiert ist leider gar nichts», erzählt eine Anwohnerin. Und das, obwohl schon damals ein Junge den geladenen Draht berührt habe und vom Stromschlag weggeschleudert worden sei.

Eltern wollen Strafanzeige erstatten

Bei der Polizei bestätigt man den Vorfall mit Sara, der sich vor knapp zwei Wochen zutrug. Die Polizei habe das Stromgerät inspiziert. «Es handelt sich dabei um einen Weidezaun, der mit 220 Volt gespiesen wird. Für den Zaun wird die Stromstärke aber reduziert», sagt Mediensprecher Simon Kopp. Die Stadtverwaltung habe die Hausbesitzer per eingeschriebenen Brief aufgefordert, den Zaun zu entfernen. «Der Zaun wurde vom Besitzer daraufhin persönlich entfernt.»

Der kleinen Sara geht es wieder gut. Sie durfte noch am selben Abend mit Auflagen das Spital verlassen. Die Familie Colombo will den Vorfall aber nicht auf sich beruhen lassen. «Ich kann immer noch nicht glauben, dass hier spielende Kinder mit Strom bekämpft werden. Das ist gemeingefährlich. Wir wollen darum Strafanzeige erstatten», sagt Luis Colombo.

Und von einer weiteren Seite droht den Hausbesitzern Ungemach: Die Stadtverwaltung klärt zurzeit ab, ob das Montieren des Zauns erlaubt war. «Falls nicht, muss der Besitzer mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen», sagt Simon Kopp von der Kantonspolizei.

Die betroffenen Hausbesitzer wollten gegenüber 20 Minuten Online keine Auskunft geben.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andreas am 05.04.2011 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    Techniker in der Redaktion im Urlaub?

    Na, wo nimmt der Hausbesitzer denn die 250V her? In der Schweiz sind eigentlich Spannungen von 230V zwischen Phase und Nullleiter die Norm... Vom "Viehhüter" werden diese dann auf 2000-10000V Hochtransformiert. Die Aussage dass die Stromstärke reduziert sei stimmt so auch nicht, zwar gibt es normalerweise eine Begrenzungsschaltung welche bei einigen 10mA einwirkt, was jedoch aufgrund der Hochspannung trotzdem noch einen ziemlich harten energiereichen Schlag ergibt.

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  • Mami von zwei wundervollen (lauten) Kids am 05.04.2011 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Das macht mich traurig

    Früher sind die Kinder noch auf Bäume geklettert, heute sind es Zäune, oder Mauern. Früher durften Kinder noch Kinder sein. Heute werden Kinder still gemacht und still gehalten. Habt ihr vergessen wie schön wir es noch hatten? ;-(

  • gelöscht am 05.04.2011 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    gelöscht

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Andrea Mordasini, Bern am 03.11.2011 19:49 Report Diesen Beitrag melden

    Auch Kinder haben Existenzberechtigung!

    Was gibt es Schöneres, als friedlich spielende, tobende und lachende Kinder? Kinder sind unsere Zukunft, die Gäste und Kunden von morgen und die zukünftigen AHV-Einzahler. Sie sind weder Lärm- noch Störfaktor, sondern können eine Bereicherung für alle sein. Schade, dass das noch immer nicht alle begriffen und eingesehen haben :(. Mit etwas mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander, etwas mehr Respekt, Rücksicht, Verständnis, Geduld, Toleranz und gesundem Menschenverstand auf allen Seiten sollte einem friedlichen, entspanntem und harmonischem Zusammenleben nichts mehr im Wege stehen!

  • Andrea Mordasini, Bern am 03.11.2011 19:48 Report Diesen Beitrag melden

    Niemand kommt erwachsen auf die Welt!

    Kein Wunder, entscheiden sich immer mehr Paare gegen Kinder traurig, aber leider wahr :-). Der Täter sowie einige unverbesserliche KommentarschreiberInnen scheinen wohl vergessen zu haben, dass auch sie mal spielende und manchmal auch laute Kinder gewesen sind und nicht bereits als ruhige, brave, stille, trockene und wohl erzogene Erwachsene auf die Welt gekommen sind. Kinder gehören nun mal in unser Leben, in unseren Alltag und in unsere Gesellschaft. Sie lassen sich nicht wegzappen, bloss weil sie einigen Nörglern nicht in den Kram passen.

  • Andrea Mordasini, Bern am 03.11.2011 19:47 Report Diesen Beitrag melden

    Wo führt diese Kinderfeindlichkeit hin?

    Als Mutter zweier Kleinkinder bin ich erschüttert, empört, entsetzt und sehr traurig über die haarsträubenden Geschehnisse in Rothen. Dass Stromschläge gegenüber friedlich spielender Kinder eingesetzt werden, ist ungeheuerlich! Gezielte Stromstösse gegen unschuldige Personen sind Folter, Misshandlung und Körperverletzung und gehören unverzüglich bestraft! Dass die beiden Täter scheinbar nicht einmal zur Rechenschaft gezogen und verurteilt werden, ist genauso unverzeihlich wie seine Taten. Wo führt uns diese Kinderfeindlichkeit bloss hin?

  • Kinderfreund am 10.04.2011 22:26 Report Diesen Beitrag melden

    Untere Piazza

    Der tragische Unfall mit Sara ereignete sich auf der "oberen Piazza". Da gibt es auch noch eine "untere Piazza". Diese ist, soweit wir informiert sind, ebenfalls Bestandteil der Überbauung und als Begegnungszone und Spielplatz vorgesehen. Nur ist hier - wohl weil der Platz eingezäumt und mit privatem Material belegt ist - nie ein Kind anzutreffen. Erträgt der Anstösser ebenfalls keinen Kinderlärm? Vielleicht sollte 20 Minuten Online auch hier recherchieren.

  • Stefan Schmid am 08.04.2011 18:27 Report Diesen Beitrag melden

    Alternative Möglichkeit

    An stelle von einem Elektrodraht hätten die Anwohner ja auch einfach ein paar Brennnesselsträuche anpflanzen können. Da läuft man nämlich auch nur einmal rein und danach nie wieder. Ausserdem kann ich mir nicht vorstellen das es ein Gesetz gegen Brennnesseln gibt. Der Kuhdraht hingegen ist tatsächlich etwas übertrieben doch das das Kind ausschliesslich wegen diesem Kuhdraht in den Spital musste hallte ich für etwas unglaubwürdig. Denn dann mussten ja alle Kuhdrähte im ganzen Land verboten werden.

    • Godi Trachsler am 10.05.2011 23:00 Report Diesen Beitrag melden

      Missbrauch von Kuhdrähten!

      Sehr geehrter Herr Schmid Elektrische Kuhdrähte sind üblicherweise fei entlang einer Wiese grespannt. ein Zwei oder manchmal wenn Jungtiere mitlaufen auch drei oder vier horizontale Dräht. Berührt man einen Draht und hat Gummischuhsohlen spührt man kaum etwas. Hält man wie das Kind aber mit beiden Händen einen Eisenmaschendraht, welcher mit eisenpfosten im Erdreich steckt und berührt mit dem Kopf den oben liegenden Eelektrisch geladenen Draht, so erleidet man je nach Zaungerät einen ganz gehörigen Stromschlag. Grund: Sehr gute Erdung und die Kniegelenke als Widerstände fallen weg.

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